Emotionale Intelligenz bei Führungskräften erkennen und fördern

Emotionale Intelligenz – unverzichtbare Kompetenz für Führungskräfte

Emotionale Intelligenz ist eine stark unterschätzte Eigenschaft. Dabei spielt sie bei Führungskräften eine immer wichtigere Rolle – besonders in Krisenzeiten. Wie emotionale Intelligenz erkannt und gefördert werden kann, erläutert Julia Carloff-Winkelmann, Chief People Officer bei Dance, in ihrem Artikel.

Diverse Teams in Krisenzeiten führen ist anspruchsvoll

Die letzten drei Jahre waren für Personalverantwortliche nicht einfach. Die Covid-Pandemie und die damit verbundene Verlagerung der Arbeit ins Home-Office haben die Rolle von Führungskräften enorm beeinflusst. Teile der Teams sind mittlerweile in die Büros zurückgekehrt und die neue Realität hybrider Arbeit stellt Team Leads erneut auf die Probe.

Und schließlich sorgen die jüngsten wirtschaftlichen Entwicklungen mit vorsichtigen Investoren und Sparmaßnahmen für Unsicherheit bei Personalverantwortlichen und ihren Mitarbeitenden gleichermaßen.

Eine Entwicklung, die ich wiederum mit Freude beobachte, ist der zunehmende Fokus auf eine möglichst diverse Zusammensetzung von Teams. Mittlerweile haben auch konservative Führungskräfte verstanden, dass diverse Teams bessere Ergebnisse erreichen.

Aber klar ist auch: Homogene Teams in erfolgsverwöhnten Zeiten zu führen, war leichter. Nun geht es darum, diverse Teams durch Krisenzeiten zu führen. Dafür müssen Führungskräfte vor allem Fragen stellen und sehr gut zuhören können. Wir brauchen also noch mehr emotionale Intelligenz.

Emotionale Intelligenz – warum sie in der Personalführung so wichtig ist

Daniel Goleman machte den Begriff der emotionalen Intelligenz 1995 in den USA durch sein Buch „Emotional Intelligence“ populär. Er erweiterte damit den klassischen Intelligenzbegriff, der sich auf die kognitiven Fähigkeiten eines Menschen bezieht, um die Kategorie der Gefühlskompetenz. Diese kann eine entscheidende Rolle auf dem Lebensweg eines Menschen spielen.

Goleman argumentierte demnach für einen Fokus nicht nur auf den Verstand, sondern auch auf das Gemüt. Sein Konzept der emotionalen Intelligenz beinhaltet das Wahrnehmen und Regulieren der Emotionen, das Einsetzen der Emotionen zum Erreichen von Zielen, und die Fähigkeit, die Emotionen anderer zu erkennen und zu verstehen.

Einige Psychologen nutzen auch den Begriff „emotionale Kompetenz“, und verstehen darunter eine erlernbare Fähigkeit, die nicht angeboren ist. Wissenschaftler:innen in den USA nennen sie auch „Ability EI“ und meinen damit die Fähigkeit, Emotionen wahrzunehmen, zu identifizieren und zu regulieren. Diese Fähigkeiten sind für wirksame, erfolgreiche Führung maßgebend, da sie ermöglichen, Verständnis für die unterschiedlichen Bedürfnisse von Mitarbeitenden zu entwickeln, Konflikte erfolgreich zu lösen, eine positive Arbeitsumgebung zu schaffen und so starke Beziehungen zu Mitarbeitenden aufzubauen.

Wenn Mitarbeitende verschiedener Geschlechter, verschiedener Herkunft, verschiedener sexueller Orientierung, verschiedener Sozialisierung in einem Team zusammenkommen, dann ist emotionale Intelligenz unerlässlich, um all den unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht zu werden und gute Arbeitsergebnisse zu erzielen.

Wie lässt sich emotionale Intelligenz trainieren?

Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch die Fähigkeiten besitzt, emotionale Intelligenz zu entwickeln und immer weiter zu verbessern. Dafür bedarf es jedoch einer sehr aufmerksamen und reflektierten Sicht auf sich selbst. Coaching und Psychotherapie können dabei helfen, die eigenen Gefühle zu erkennen und besser zu verstehen. Alltagsübungen wie Yoga oder Meditation unterstützen dabei, das Bewusstsein für die eigenen Gefühle und Bedürfnisse zu kultivieren.

Bevor wir also für die Entfaltung emotionaler Intelligenz im Team plädieren, fangen wir am besten damit an, uns selbst zu befragen:

  • Was empfinden wir für unsere Arbeit und unsere Mitarbeitenden?
  • Wie wirken sich diese Emotionen auf die Menschen um uns herum aus?
  • Lassen wir zu, dass unsere negativen Emotionen die Art und Weise beeinflussen, wie wir mit unseren Kollegen zusammenarbeiten oder unsere Aufgaben erledigen?

Sich der eigenen Gefühle überhaupt erst einmal bewusst zu werden, ist der Schlüssel zur Entfaltung und Stärkung emotionaler Intelligenz.

Einfacher Zugang zu Mental-Health-Support

Eine wirksame Maßnahme für Unternehmen, mit der sie ihre Mitarbeitenden bei der Entfaltung ihrer emotionalen Intelligenz unterstützen, ist der niedrigschwellige Zugang zu Mental-Health-Support und Coaching. Mittlerweile gibt es viele Anbieter, die Arbeitgeber dabei unterstützen, unternehmensübergreifende Programme umzusetzen, die zu mehr Offenheit in Sachen mentale Gesundheit beitragen, Maßnahmen zur Stressprävention anzubieten oder bei der Diagnose und Behandlung akuter oder chronischer psychischer Erkrankung zu helfen.

Mein Tipp: Wenn ein Unternehmen eine Auswahl an konkreten Angeboten macht, wird es für alle einfacher, denn so kann jeder die Unterstützung finden, die für sie oder ihn am besten passt. Mit festen, arbeitsfreien Gesundheitstagen im Arbeitskalender lässt sich zudem ein Umfeld schaffen, in dem sich alle sicher fühlen, die Hilfe in Anspruch zu nehmen, die sie benötigen. Zusätzlich wird so das Stigma von Mental Health Themen verringert.

Wir sollten für unsere mentale Gesundheit genauso viel tun wie für unsere körperliche Gesundheit!

Feedback geben und annehmen will gelernt sein

Auch wenn wir uns die Zeit nehmen, unsere Gefühle und unser Verhalten zu analysieren, kann es uns noch immer schwer fallen, bestimmte Aspekte zu erkennen, die für andere offensichtlich sind. Um eine unvoreingenommene Meinung zu erhalten, ist es deshalb wichtig, Feedback von Vertrauenspersonen einzuholen. Das können Vorgesetzte sein, Kollegen und Kolleginnen oder Freunde. Mit ihrer Hilfe gewinnen wir einen Einblick in unsere Reaktionen auf verschiedene Situationen oder Stimmungen.

Dieser Prozess kann zwar manchmal unangenehm sein, da wir uns vielleicht schwierigen oder unangenehmen Wahrheiten stellen müssen. Wenn wir es jedoch schaffen, konstruktive Kritik unvoreingenommen anzunehmen, ist das ein wesentlicher Bestandteil der Entwicklung emotionaler Intelligenz.

Feedback-Trainings helfen Mitarbeitenden bei der Entwicklung emotionaler Intelligenz

Feedback zu geben und zu erhalten, kann herausfordernd sein. Denn es verlangt von beiden Parteien, sich verletzlich zu zeigen. Kritisiert zu werden ist selten angenehm. Die eingangs beschriebenen aktuellen äußeren Umstände für Führungskräfte und Mitarbeitende machen Feedback geben und annehmen, ohne sich von Emotionen leiten zu lassen oder in die Defensive zu geraten, so schwer wie nie zuvor.

Deshalb sind Feedback-Schulungen in Unternehmen ein unverzichtbares Instrument, das es Mitarbeitenden ermöglicht, auf konstruktive und respektvolle Weise Feedback auszusprechen und anzunehmen. Sie können lernen, wie wichtig es ist, ihre Gefühle und Meinungen in einer respektvollen und produktiven Weise auszudrücken, während sie gleichzeitig üben, auf Feedback in einer Art zu reagieren, die zeigt, dass sie lernbereit und offen für Wachstum sind.

Darüber hinaus unterstützen solche Trainings Mitarbeitende dabei, sich der Auswirkungen ihrer Worte und Handlungen auf andere bewusst zu werden. Nicht zuletzt entwickeln sie dadurch ein besseres Verständnis für ihre eigenen Emotionen und die der anderen.

“Unconscious Bias” und “Ally” Trainings

Ein weiterer Tipp, um emotionale Intelligenz im Unternehmen zu integrieren, sind sogenannte “Unconscious Bias” und “Ally” Trainings. Unconscious Bias Training richtet sich auf die Bewusstwerdung und Minimierung von unbewussten Vorurteilen und von Diskriminierung. Teilnehmende lernen, wie sie ihre eigenen Vorurteile erkennen und kontrollieren können, um eine inklusive Arbeitsumgebung zu schaffen. Unconscious Bias Trainings können in Form von Workshops, Schulungen oder Online-Kursen durchgeführt werden und beziehen sich auf eine Vielzahl von Bereichen, einschließlich Herkunft, Geschlecht, Alter, Sexualität und Behinderung.

Ally Trainings wiederum konzentrieren sich auf das Verständnis und die Unterstützung von marginalisierten Gruppen. Teilnehmende lernen, wie sie als „Allies“ für diese Gruppen agieren und sie unterstützen können, um Diskriminierung zu bekämpfen und eine inklusivere Arbeitsumgebung zu schaffen.

Emotionale Intelligenz bereits im Job-Interview abfragen

Emotionale Intelligenz bereits im Vorstellungsgespräch zu testen, ermöglicht wertvolle Einblicke in das Verhalten der Bewerbenden, die Art und Weise, wie sie kommunizieren und ihre Fähigkeit, mit anderen zusammenzuarbeiten.

  • Wie werden sie mit stressigen und herausfordernden Situationen umgehen?
  • Wie werden mit ihren Kollegen und Kolleginnen interagieren?
  • Können sie sich in andere hineinversetzen, kritisch denken und unter Druck ruhig bleiben?

Diese Erkenntnisse sind für Personalverantwortliche von unschätzbarem Wert, wenn es darum geht, Einstellungsentscheidungen zu treffen. Für mich hat sich in den letzten Jahren das Stellen offener Fragen als besonders aufschlussreich herausgestellt. Indem ich Bewerbende dazu auffordere, ihren Denkprozess zu erläutern, kann ich besser einschätzen, wie es um ihre emotionale Intelligenz steht. Ich bitte sie zum Beispiel darum, mir von einer Situation zu erzählen, in der sie eine schwierige Entscheidung treffen mussten. Mit szenariobasierten Fragen wiederum werden die Bewerbenden in hypothetische Situationen versetzt und erklären, wie sie diese bewältigen.

Fazit zu emotionaler Intelligenz bei Führungskräften

Emotionale Intelligenz war immer schon eine wesentliche Führungskompetenz. Doch ihre Bedeutung hat in den letzten drei Jahren deutlich an Gewicht gewonnen. Die COVID-19-Pandemie und die damit verbundene Wirtschaftskrise stellen Mitarbeitende vor enorme Herausforderungen, und ein schnelles Ende ist nicht in Sicht.

Deshalb geht es nicht nur darum, emotionale Intelligenz bei sich selbst zu kultivieren. Für Führungskräfte von heute ist es ein Muss, auch ihren Mitarbeitenden bei der Entwicklung von emotionaler Intelligenz zu helfen und sie so dabei zu unterstützen, erfolgreich durch diese herausfordernde Zeit zu navigieren.

Julia Carloff-Winkelmann

Julia Carloff Winkelmann

 

Julia Carloff-Winkelmann ist Chief People Officer bei Dance, einem 2020 gegründeten E-Mobility-Abo-Service mit Sitz in Berlin. Ziel des Unternehmens ist es, eine Bewegung für lebenswertere Städte zu schaffen – urbane Räume für Menschen, nicht für Autos.

Zuvor war Julia als VP of People & Workplace bei SoundCloud und als Head of Talent Acquisition bei eBay tätig. Davor hatte sie Führungspositionen bei Brands4Friends und mobile.de inne. Julia ist zudem ausgebildete Coachin und Achtsamkeitstrainerin.

>> LinkedIn-Profil von Julia Carloff-Winkelmann

>> Website von Dance

Foto-Credit: Caroline Pitzke

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