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Postagilität - ganzheitlicher als agil

Agilität: Das große Missverständnis – Zeit für Postagilität?

Es gibt ein großes Missverständnis, das heißt Agilität. Unter diesem Namen sind einige seltsame Bewegungen entstanden, die dazu geführt haben, dass in manchen Organisationen der Begriff „agil“ inzwischen ein verbotener Begriff ist. Ist die Zeit für Postagilität angebrochen? Das fragt Beraterin und Agilitätsexpertin Svenja Hofert.

Denk- und Handlungslogiken als Grundlage

Die Antworten von Organisationen auf Herausforderungen entspringen ihrer jeweiligen Denk- und Handlungslogik. Die könnte man auch als Mindset bezeichnen. Neue Antworten sind meist erst möglich, wenn sich die Grenzen der vorherigen Antworten gezeigt haben.  Das ist spätestens jetzt der Fall – die Corona-Pandemie hat sie uns gezeigt. Sie macht auch deutlich, was eigentlich agil ist. Was den wirklichen Kern ausmacht.

Die Entwicklung des Impfstoffes von Biontech/Pfizer war agil. Auch ohne dass explizit mit Scrum oder OKR gearbeitet wurde. Die Agilität hatte kulturelle Stellschrauben. Pfizer hatte schon zuvor ein „Dare to Try“-Programm installiert, um dadurch die Kultur zu beeinflussen und den Blick auf das Experimentieren zu legen. Mit Biontech gab es zunächst keinen Vertrag, sondern nur einen Handschlag. Die Eckpunkte waren nicht finanziell oder terminlich – sondern es ging und geht um Menschenrettung.

Missbrauch von Agilität zur Effizienz-Steigerung

Nicht zuletzt scheint das Wesen von Innovation verstanden worden zu sein: Es braucht viele, auch gegensätzliche Initiativen. Alles muss ausgewertet werden, rückblickender Erkenntnisgewinn muss im Vordergrund stehen. Es gilt zudem, die kreative Klippe zu überspringen. Dabei man darf sich nicht mit dem Gewohnten zufriedengeben. Am Ende muss es um Fortschritt gehen und nicht „nur“ Innovation. Fortschritt bringt alle voran, nicht nur die jeweilige Organisation.

„Vermeiden Sie agil zu sagen“, bekommen wir oft zu hören. Der Grund ist, dass irgendetwas gemacht worden ist, was mit dem oben Beschriebenen rein gar nichts zu tun hat.

Viele Organisationen, die sich agil nennen, nutzen Agilität, um effizienter zu werden und um die derzeitigen Systeme zu stabilisieren. Das ist eine Form von Missbrauch, die ihre Ursache in festgefahrenem Denken hat.

Von Methodologie über Mindsetologie zu Flexiblisierung und Erneuerung

Viele Organisationen begannen mit reiner Methodologie: Diese ist gekennzeichnet durch die Frage „Wie?“. Alle haben verstanden, dass sich etwas verändern muss. Weil die Märkte sich verändert haben. Doch die Antworten werden auf der Ebenen der Standards, Methoden, Prozesse und Werkzeuge und ausschließlich im bekannten Paradigma gesucht.

Die Frage ist: Tun wir die Dinge richtig?

Bald wird klar, dass das nicht reicht und es folgt Mindsetologie: Ist Mindsetologie erreicht, dann stellen sich Organisation und Menschen die Frage nach dem „Warum“. Sie streben danach, das Denken zu verändern und stellen Werte in den Mittelpunkt. Doch auch diese werden bald wieder in das bisherige Paradigma gepresst. Neues kann so nicht entstehen. Agil ist jetzt der Versuch, neue Denkweisen zu erzeugen.

Die Frage ist: Tun wir die richtigen Dinge?

Das sollte zu Flexibilisierung führen und der Erkenntnis: Es ist nicht überall das gleiche hilfreich. Spotify ist Spotify – und längst auf einem anderen Stern mit seinem eigenen Organisationsmodell, wo andere es noch fleißig kopieren.

Eine weitere Frage wäre jetzt gut:
Tun wir die richtigen Dinge im jeweiligen Bereich?

Erneuerung jedoch wird erst möglich, wenn noch eine Frage gestellt wird, vor der sich Manager absolut scheuen:

Wie erkennen wir, was die richtigen Dinge sind?

Ohne wahrhafte Selbsterkenntnis geht es nicht

Ich meine, Selbsterkenntnis – und nicht über einen Berater, der die ultimative Lösung verkauft. Das ist nämlich Beraterlogik. Und das Paradigma ändert auch kein agil.

Jetzt müsste man sich fragen „wohin wollen wir?“.

Und das wäre der Beginn von Postagilität. Die Gelegenheit also, dass ganze Methoden- und Mindsetzeug ad acta zu legen. Da gibt es aber nun keine fertigen Lösungen.

Da kommt man dann auch nicht umhin, sich mit der Zukunft der Arbeitswelt und sogar der Menschheit und ethischen Fragestellungen zu befassen. Und da kommt man auch nicht mehr Drumherum, den eigentlichen Wesenskern von Agilität zu benennen, den bisher kaum jemand erkannt hat:

Eben dieses empirische, wissenschaftliche Arbeiten. Die lernende und sich ständig selbst überholende Herangehensweise. Etwas, das Menschen unglaublich schwerfällt, die die Wahrheit suchen und glauben wollen, dass diese gefunden werden kann.

Postagilität: Wie erkennen wir, was richtig ist?

Bei Postagilität geht es also um einen Dreifach-Loop. Wir fragen nicht mehr, wie wir etwas richtig machen und nicht mehr, was die richtigen Dinge sind. Wir fragen: Wie erkennen wir, was richtig ist. Dazu braucht es einen Bezugspunkt. Dieser könnte die Zukunft der Menschheit sein, das ökonomische Überleben, die Sicherung des Standorts oder was auch immer. Dieser Bezugspunkt aber muss benannt sein.

Kernidee der Business Agilität war Kundenzentriertheit, Customer Centricity. Der Mensch steht als Kunde im Mittelpunkt, als Persona und Repräsentantin von Kundengruppen.

Nicht nur, dass sich in manchen Personas doch recht stereotypisches Denken steckt, im Blick halten agile Organisationen die Gegenwart. Mit dem Menschen oder der Menschheit der Zukunft setzen sich wenige auseinander. Und wenn doch, denken sie einfach mehr Technik hinein. Der Homo oeconimicus wird damit zum Homo digitalis.

In dieser Logik entstehen dann Roboterbienen und biogehackte Superbodies. In dieser Form bleibt der Mensch ein Konsumwesen. Es fehlt diesem Konzept die Vorstellung von der Zukunft, wie sie sein könnte, wenn sich Menschlichkeit und nicht Roboterinnovation durchsetzt. Es fehlt der Bezugspunkt.

Ganz postagil gedacht: der Homo Emotionalis

Was wäre, wenn wir Kunden als Menschen und nicht als Konsumwesen betrachten? Als Teil einer Gesellschaft, die den Fortschritt im Auge hat – für Menschen und alle Lebewesen?

Damit müsste die Gegenwartspräferenz, die derzeit allgegenwärtig ist, durch eine Zukunftsorientierung mindestens ergänzt werden. Nicht oberstes Tier sein, sondern einfach nur ein Lebewesen von vielen. Teil der Natur anstatt ihr Rekonstrukteur. Fühlen statt Denken. Nicht Homo digitalis, sondern Homo emotionalis. Das jedenfalls ist das, was der Mensch eigentlich könnte, wenn man nicht Jahrzehnte seine Computergleichheit angestrebt hätte.

Arete für alle

Die Gerusia im antiken Sparta versammelte die Schönen und Guten über 60-Jährigen. Alte, weiße Männer“ würde man heute sagen. Es spricht nichts gegen eine diversere Besetzung. Arete bezeichnet Menschen, die ihre Potenziale im Sinne der Gemeinschaft entwickelt haben. Und Arete erweitert den Blick vom Ich ins Wir ins Alle – und verbindet. Arete zeigt das Wesen höherer Werte.

Agilität adressiert Arete nicht. Ich finde, Postagilität sollte es tun.

Dafür braucht sie eben… einen Bezugspunkt, der größer ist als Customer Centricity.  Eine gute Antwort wird eine laufende Annäherung sein, ein Diskurs, mit vielen Iterationen des Fühlens, Denkens und Handelns. Eine gute Antwort ist nicht statisch, sondern immer vorläufig.

Postagilität will Fortschritt statt Innovation

Das Wesen von Epochen des Umbruchs ist, dass erst Nachfahren die Faktoren analysieren können, die dazu geführt haben, dass sich etwas durchsetzen konnte. Steckt man mittendrin, geht es vielmehr um Konzepte und Wahrheiten, die sich erst noch bewähren müssen. Das Neue entsteht immer aus der Abweichung. Was uns zeigen sollte, dass wir etwas respektvoller mit dieser umgehen sollten als wir es häufig tun.

Ein Wettbewerb der Ideen und Konzepte bietet eine enorme Chance, auch wenn etwas einmal nicht richtig und wahr ist. Wenn niemand genau weiß, welche Samen aufgehen, werden viele gesät. Dabei ist es so wie bei kreativen Prozessen generell: Mehr ist besser.

Die Chance, dass eine gute Idee dabei ist, steigt mit der nackten Zahl. Setzen sich Biohacker oder Humanisten durch, Technologiegläubige oder Umweltretter? Jede Antwort auf etwas, erzeugt neue Fragen. Jede Frage auch wieder Antworten.

Oft liegen Lösungen ohnehin in der Synthese oder einer dritten, noch unbekannten Variante. Da braucht es wieder die Abweichung.

Das „Post“ in Postagilität überwindet

Mit Sprache schaffen wir einen neuen Gedanken, geben einer Idee einen Namen. Die Silbe „post“ bezeichnet ein Danach, die Überwindung von etwas. Wir verwenden sie, wenn etwas anderes kommt, welches das vorherige nicht aus-, sondern einschließt, es auf ein nächstes Level hebt, ihm eine andere oder erweiterte Richtung gibt.

Post lenkt immer den Blick auf einen Gap, der zwischen dem ursprünglichen Begriff und dem entstanden ist, was fehlt, um ihn zu schließen. Es beinhaltet also keine Lösungen, keine Rezepte, sondern nur Ideen – gern auch widersprüchliche, gegensätzliche.

So ist es auch mit Postagilität. Ansätze, die Kundenzentrierung hinter sich lassen können sehr unterschiedlich aussehen. Es mag sein, dass manches mit neuer Autorität entsteht und anderes in Schwarmintelligenz. Genauso mag es auch unterschiedliche Konzepte geben, Roboterbiene und Renaturierung, Emissionenminderung und Emissionenlöschung, regional und global.

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Persona der Zukunft in der Postagilität

Das Aussehen der postagilen Welt ist noch unklar: Es reicht von der totalitären Datenkrake bis hin zur New-Work-Traumfabrik. Vieles ist noch möglich. Statt Personas zu modellieren, sollten sich Unternehmen daran machen, die Zukunft zu gestalten, die sie haben möchten.

Datenferngesteuerte Menschroboter, die sich selbst zu Tode optimieren?  Oder in kooperativer Mensch-Maschine-Interaktion agierende Posthumanisten, die eine kreative und vielfältige Welt gestalten?

Regierungen werden viel Geld ausgeben müssen, um in Weichenstellungen zu investieren. Auch in Geld, das sie nicht haben. Denn um Zukunft zu gestalten, anstatt Gegenwart zu verwalten, braucht es sehr viel Mut. Und einen agilen Staat mit Visionen.

Wie stehen Sie zur Postagilität?

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Svenja Hofert

Svenja Hofert als Gastautorin auf PERSOBLOGGER.DE

 

 

Die Beraterin und Ausbilderin Svenja Hofert hatte 2016 das erste Buch zum Thema „Agiler Führen“ herausgebracht, das nun in der 3. Auflage vorliegt. 2021 erschien „Führen in die postagile Zukunft“.

Hofert ist Geschäftsführerin der Teamworks GTQ GmbH, leidenschaftliche Bloggerin und bildet Team- und Organisationsgestalter:innen aus.

 

 

>> zur Website von Teamworks

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