Trauen sich Beschäftigte, gesundheitliche Anliegen und Bedürfnisse rund um ihr Wohlbefinden offen anzusprechen, könnten deutsche Unternehmen jährlich 30,5 Milliarden Euro an zusätzlicher Produktivität gewinnen. Das macht eine neue Studie der internationalen Normungsorganisation BSI (British Standards Institution) deutlich.
Ökonomische Modellrechnungen
Ökonomische Modellrechnungen des Centre for Economics and Business Research (Cebr) im Auftrag der BSI zeigen: Herrscht Vertrauen, sprechen Beschäftigte offen über körperliche Erkrankungen, psychische Gesundheit, Neurodivergenz oder Bedürfnisse rund um Menstruation und Wechseljahre – und können sich darauf verlassen, dass ihnen geholfen wird. Das steigert die Produktivität messbar, in einzelnen Unternehmen wie in der gesamten Wirtschaft. Denn wer offen sprechen kann, bekommt früher Hilfe – und denkt seltener daran, den Job aufzugeben.
Die Untersuchung zeigt: Beschäftigte mit geringerem Vertrauen fehlen seltener, dafür aber länger und sammeln über das Jahr hinweg insgesamt mehr Krankheitstage an. Wer weniger leistungsfähig ist, geht zudem häufiger krank zur Arbeit. Das schmälert die Gesamtleistung – und die Betroffenen geben eher ihre Stelle auf oder nehmen eine längere Auszeit.
Zwar kostet es Unternehmen zunächst Geld, Arbeitsplätze umzugestalten oder individuell anzupassen. Doch langfristig zahlt sich das deutlich aus. Die Studie beziffert eine konkrete „Confidence Productivity Premium“, also einen messbaren Produktivitätsgewinn, der entsteht, wenn sich Beschäftigte wohler dabei fühlen, einst tabuisierte Themen am Arbeitsplatz anzusprechen.
Gewinne für Deutschland
Für Deutschland fällt dieser Gewinn jährlich folgendermaßen aus:
- 1.988 Euro pro Beschäftigtem und Jahr bei körperlichen Gesundheitsproblemen
- 4.209 Euro pro Beschäftigtem bei psychischen Belastungen
Hochgerechnet auf die gesamte Volkswirtschaft entspricht das:
- 8,4 Milliarden Euro mehr Produktivität im Bereich der körperlichen Gesundheit
- 22,1 Milliarden Euro im Bereich der psychischen Gesundheit
Zusammen ergibt das für deutsche Unternehmen eine Chance von 30,5 Milliarden Euro – und das zu einem Zeitpunkt, an dem in Deutschland über strengere Regeln zur Lohnfortzahlung im Krankheitsfall diskutiert wird, um die steigenden Fehlzeiten einzudämmen und die Wirtschaft anzukurbeln. Beschäftigte in Deutschland sind im Schnitt 14,8 Tage pro Jahr krankgeschrieben, also mehr als einmal im Monat und viermal so viele wie im Vereinigten Königreich. Das kostet die deutschen Unternehmen rund 82 Milliarden Euro.
Wohlbefinden am Arbeitsplatz beginnt mit einer Kultur des Vertrauens. Wenn Beschäftigte mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen haben, sind Arbeitgeber keineswegs machtlos. Es gibt einfache, aber wirkungsvolle Schritte, mit denen sie ihre Mitarbeitenden unterstützen und zugleich die Leistungsfähigkeit und Widerstandskraft ihres Unternehmens erhalten können. Unsere Ergebnisse zeigen: Wo dieses Vertrauen fehlt und Unterstützung schwer zugänglich erscheint, verschärfen sich gesundheitliche Probleme eher – und führen häufiger zu Fehlzeiten.
Wir alle kennen Phasen, in denen es uns körperlich oder psychisch nicht gut geht. Welche Unterstützung man in solchen Momenten von seinem Arbeitgeber erhält, kann einen großen Unterschied machen. Maßnahmen wie Zeit zur Erholung oder einfache Anpassungen der Arbeitsweise, die es Menschen ermöglichen, im Job zu bleiben, wirken sich nicht nur auf den Einzelnen aus, sondern auch auf den Erfolg des Unternehmens und der Gesellschaft insgesamt.
Arbeitgeber werden selten um Hilfe gebeten
Auch wenn Deutschland große Fortschritte dabei gemacht hat, psychische Erkrankungen zu entstigmatisieren, fällt es vielen Menschen noch immer schwer, ihren Arbeitgeber um Hilfe zu bitten. Nur 40% trauen sich das zu. Etwas mehr als die Hälfte (55%) würde sich bei körperlichen Beschwerden an den Arbeitgeber wenden. Das dürfte auch daran liegen, dass viele die vorhandenen Unterstützungsangebote im Unternehmen kaum kennen und klare Wege fehlen, um solche Themen anzusprechen. Dort jedoch, wo Beschäftigte den Mut haben, sich zu öffnen, zeigt die Cebr-Analyse drei Wirkungsbereiche:
Absentismus: Wer wenig Vertrauen hat, kommt über das Jahr auf mehr Fehltage (in Deutschland im Schnitt 7,3 zusätzliche Tage). Diese Beschäftigten fehlen zwar seltener, dafür aber länger – das stört den Betrieb stärker und lässt sich schwerer planen.
Präsentismus: Wer wenig Vertrauen hat, neigt eher zum Präsentismus, erscheint also trotz Krankheit zur Arbeit. Solche Beschäftigten bitten seltener um Anpassungen, nehmen sich seltener frei oder holen sich seltener Unterstützung, wenn sie sie bräuchten. Dadurch arbeiten sie eher krank weiter, was die Gesamtproduktivität senken kann.
Fluktuation: Wer wenig Vertrauen hat, kündigt deutlich häufiger oder nimmt eine längere Auszeit. So gaben 60% der wenig zuversichtlichen Beschäftigten mit psychischen Belastungen an, gekündigt oder länger pausiert zu haben – gegenüber 45 Prozent bei jenen mit größerem Vertrauen.
Fazit
Die Botschaft der Cebr-Analyse ist eindeutig: Angesichts von Fachkräftemangel und schwachem Wachstum lohnt es sich für deutsche Unternehmen mehr denn je, in das Wohlbefinden ihrer Beschäftigten zu investieren. Was früher als kulturelle Randerscheinung galt, ist heute ein echter Wettbewerbsvorteil. Wer um Talente wirbt, kann sich mit einer ausgeprägten Unterstützungskultur klar abheben: Sie steigert Engagement und Produktivität spürbar und senkt zugleich Absentismus, Präsentismus und Fluktuation. Was Unternehmen dabei gewinnen, ist längst nicht mehr nebensächlich. Wer eine gesunde, engagierte und voll leistungsfähige Belegschaft hat, baut auf dem direktesten Weg ein widerstandsfähigeres und erfolgreicheres Unternehmen auf.
Trauen sich Beschäftigte, gesundheitliche Probleme bei ihren Arbeitgebern anzusprechen, lassen sich dadurch 30,5 Milliarden Euro an Produktivität gewinnen. Entscheidend ist: Damit wird aus einer passiven Pflicht des Arbeitgebers eine aktive Chance. Eine Kultur des Vertrauens und der Offenheit zu schaffen, ist greifbar und erreichbar. Wo Unternehmen sich an anerkannten Standards orientieren, fehlen Beschäftigte mit gesundheitlichen Belastungen durchweg seltener. Standards für Gesundheit, Sicherheit und Wohlbefinden geben Unternehmen einen praktischen Rahmen, mit dem sie über gute Absichten hinauskommen: Sie verankern die Verhaltensweisen, Abläufe und Verantwortlichkeiten, die ihre Beschäftigten wirklich Vertrauen fassen lassen.
Wer Standards für Gesundheit und Wohlbefinden einführt, kann das Vertrauen der Beschäftigten entscheidend stärken. Denn so zeigt ein Unternehmen, dass es bereit und entschlossen ist zu helfen – und schafft eine offenere, vertrauensvollere Kultur. 68% der in Deutschland Befragten halten Standards für ein wertvolles Instrument.
Quelle: Pressemitteilung von BSI
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