Führung Leadership Autorität Freundlichkeit

Warum modernes Leadership ohne Autorität nicht funktioniert

Immer mehr Führungskräfte klagen über Mitarbeitende, die ihnen auf der Nase herumtanzen. Der Grund: Zu oft wird modernes Leadership ohne die nötige Autorität umgesetzt. Um sicherzustellen, dass neue Führungsansätze in der Praxis funktionieren, sollte die HR-Abteilung Leader von Anfang an mit dem nötigen Mindset und Methoden ausstatten. Ziel sollte eine moderne Mitarbeiterführung sein, die Autorität nicht als altmodisch ausklammert, sondern mit ihren positiven Aspekten anerkennt, sagt Trainer und Berater Matthias Clesle.

Führen ohne Gnade, aber freundlich

„Ohne Gnade, aber freundlich“, nennt sich dieser praxiserprobte Ansatz. Gemeint ist eine durchsetzungsstarke Führung, die modernen Arbeitsumgebungen einen verlässlichen Rahmen gibt. Das bedeutet in der Praxis: Vorgesetzte lassen ihre Mitarbeitenden selbstbestimmt arbeiten, gehen empathisch auf sie ein und zeigen Verständnis, wenn es Probleme gibt.

Gleichzeitig behalten sie aber ihre Autorität und Durchsetzungskraft bei. Sie formulieren klare und verbindliche Aussagen, lösen Konflikte konsequent und fordern von ihren Mitarbeitenden Ergebnisse ein. Auf diese Weise sorgen sie in eigenverantwortlich arbeitenden Teams für die nötige Klarheit, Transparenz sowie Struktur und schaffen die Voraussetzungen dafür, dass New Work überhaupt funktionieren kann.

Schwelende Konflikte

Fehlt es in Betrieben an Autorität, gerät das Arbeitsklima fast zwangsläufig in Schieflage, so wie es viele Personalabteilungen derzeit erleben. Der Grund: Im Zeichen von modernem Leadership hat sich das hierarchische Gefälle in vielen Unternehmen gedreht.

Einige Mitarbeitende sehen ihre Vorgesetzten infolgedessen nicht mehr als solche an. Stattdessen dehnen sie ihre Freiheiten immer mehr in einem ungesunden Maß aus oder verhalten sich unangebracht. Verstärkt wird diese Entwicklung durch den Fachkräftemangel. Er trägt dazu bei, dass schlechte Verhaltensweisen heutzutage häufiger geduldet werden – aus Angst der Mitarbeitende könnte kündigen.

Doch das ist das geringere Übel. Viel nachteiliger wirkt es sich für Betriebe aus, wenn sie Störenfriede dauerhaft tolerieren. Das fatale Signal, das diese damit ans restliche Team aussenden, sorgt dafür, dass langfristig Produktivität und Stimmung sinken.

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Wann HR-Verantwortliche handeln sollten

Ob in ihrem Fall Handlungsbedarf besteht, können Personalverantwortliche an verschiedenen Faktoren festmachen. Klassische Anzeichen dafür, dass modernes Leadership mit zu wenig Durchsetzungsstärke betrieben wird, sind dass

  • sich Beschwerden von Vorgesetzten über Mitarbeitende häufen.
  • Konflikte zu spät an die HR-Abteilung herangetragen werden. Das deutet darauf hin, dass Führungskräfte Probleme nicht rechtzeitig von sich aus angehen. Dadurch schwelen sie im Verborgenen, bis sie eskalieren.
  • die Fluktuation im Unternehmen bereits den Branchendurchschnitt erreicht oder überschritten hat.
  • Mitarbeitende das Unternehmen nicht oder selten als Arbeitgeber weiterempfehlen.
  • Sie auf Bewertungsportalen immer wieder von „Unstimmigkeiten im Team“ oder „schwierigen Arbeitskollegen“ lesen.
  • Führungskräfte unter allen Umständen versuchen, Mitarbeitende zu halten und ihnen gegenüber zu nachsichtig sind.

Führungskräfte weiterentwickeln

Diese Indikatoren deuten darauf hin, dass moderne Führung nicht funktioniert. Hier ist es an der Personalabteilung gegenzusteuern bzw. von Anfang an die richtigen Weichen zu stellen – für ein Führungsmodell „ohne Gnade, aber freundlich“.

Aber wie können HR-Verantwortliche den Weg dorthin ebnen? Kurz: Indem sie nicht nur die Rahmenbedingungen schaffen, wie flexible Arbeitszeitmodelle oder Remote Work, sondern auch die Line Manager mit dem nötigen Mindset und Führungsmethoden ausstatten.

Mindset verankern

Die Erfahrung zeigt, dass die meisten Vorgesetzten mit den neuen Anforderungen, die New Work mit sich bringt, überfordert sind und nicht wissen, wie sie mit den Mitarbeitenden umgehen sollen. HR sollte daher frühzeitig an die Weiterentwicklung des Personals denken und die Grundlagen für eine neue Mentalität bei den Führungskräften schaffen.

Insbesondere sollte ihnen bewusst werden, dass mit dem Team zu kooperieren wichtig ist, aber sie kein Mitglied dieses Teams sind. Sie sind sein Kopf. Sie sind Trainer der Mannschaft und nicht Mitspieler, Führungskraft und nicht Freund.

Liberale Arbeitskonzepte, ob remote, agil oder eigenverantwortlich, verleiten schnell dazu, die falschen Rollen einzunehmen. Doch moderne Leader müssen den Ton angeben, damit Liefertermine eingehalten werden, das Arbeitsklima positiv bleibt und die Produktivität weiter steigt.

Kein 2-Tages-Seminar

Das Mindset ist jedoch nicht der einzige Faktor, auf den HR-Verantwortliche gezielt Einfluss nehmen sollten. Sie sollten der Führungsetage auch das passende Werkzeug an die Hand geben. Um modern führen zu können, braucht es Methodenkompetenz. Fast nie bringen Führungskräfte von sich aus die Techniken und Souveränität mit, auf die es im Alltag ankommt.

Um beides zu erlernen, braucht es Zeit, in der Regel mehr als viele Personaler vermuten. Denn: Lernen ist ein langfristiger Prozess, der Wiederholungen braucht. Ein 2-Tages-Seminar ist daher wenig zielführend. Erfolgversprechender sind Trainings, die über mehrere Wochen hinweg angelegt sind, idealerweise über mindestens ein Jahr.

Mitarbeitende in die Pflicht nehmen

 Was Führungskräfte in dieser Zeit lernen sollten, ist, was „Führen ohne Gnade, aber freundlich“ ausmacht: eine klare Kommunikation, selbstbewusstes Auftreten und ein sicheres, unmissverständliches Delegieren von Aufgaben. Gerade hier liegt bei vielen Betrieben der Hase im Pfeffer. Gibt es ein Problem, sehen sich viele Führungskräfte heutzutage in der Pflicht, es selbst zu lösen, damit die Mitarbeitenden vermeintlich effektiv weiterarbeiten können.

Genau umgekehrt ist es jedoch richtig. In eigenverantwortlich arbeitenden Teams sind die Mitarbeitenden für ihre Probleme zuständig. Es ist an ihnen, sie selbst zu lösen. Vorgesetzte stellen lediglich alle dafür notwendigen Ressourcen bereit.

Störenfriede nicht dulden

 Ebenso wichtig ist ein Umdenken in Sachen Konfliktmanagement. Statt Konflikte zu meiden – aus Angst einen Mitarbeitenden zu kränken oder zu verlieren – gehen moderne Leader sie aktiv und frühzeitig an, damit sie das Arbeitsklima nicht unnötig belasten.

Im Alltag kann das zum Beispiel ein Mitarbeitender sein, der regelmäßig zu spät kommt. In diesem Fall sollte die Führungskraft ihn oder sie direkt auf das Verhalten ansprechen. Kommt die Person weiterhin nicht pünktlich, findet zeitnah ein offizielles Kritikgespräch dazu statt. Sollte es nicht fruchten, sollte der Vorgesetzte nicht zögern, die nächsten Schritte zu gehen – wenn nötig bis hin zu arbeitsrechtlichen Sanktionen.

HR sollte hierfür nicht nur die Kompetenzen schaffen, sondern auch den nötigen Handlungsspielraum und Zuspruch. Denn oft fehlt es selbst geschulten Führungskräften an der Gewissheit, wie weit sie wann gehen dürfen und sollen.

Freundlich bleiben

 Was moderne Leader bei aller Konsequenz jedoch nicht vergessen sollten, ist, ihren Mitarbeitenden gegenüber weiterhin fair und verständnisvoll zu bleiben. Empathie ist ein wichtiger Baustein moderner Führung, weil sie nachweislich für mehr Zufriedenheit und Motivation im Team sorgt.

In diesem Sinne sollten Vorgesetzte, die ohne Gnade führen, den Nachsatz „aber freundlich“ nicht aus den Augen verlieren. Sie sollten ihrem Gegenüber stets aufmerksam zuhören und vertrauensvoll mit ihrem Team zusammenarbeiten. So lassen sich die Vorteile einer durchsetzungsstarken, klaren Führung sinnvoll mit modernem, eigenverantwortlichem Arbeiten verbinden: Die Mitarbeitenden fühlen sich wertgeschätzt und profitieren gleichzeitig von mehr Struktur, Klarheit und Transparenz.

Noch deutlicher profitiert die HR-Abteilung. Indem sie Führungskräfte rechtzeitig auf die Herausforderungen modernen Leaderships vorbereitet, treten langfristig diese Effekte ein:

  • Führungskräfte nehmen selbstbewusst ihre neue Rolle an und delegieren Aufgaben konsequent an die Mitarbeitenden. Dadurch können sie mehr Zeit in strategische Aufgaben investieren.
  • In Betrieben steigen infolgedessen meist Effizienz und Produktivität – und auch die Zufriedenheit in Führungspositionen.
  • Mitarbeitende verhalten sich (wieder) angemessen und nehmen Eigenverantwortung positiv wahr, weil sie damit nicht allein gelassen werden.
  • Personalabteilungen werden entlastet, da es zu weniger Konflikten kommt und die Fluktuation sinkt.

Autoritäre Führung bekommt vor diesem Hintergrund eine neue Bedeutung: Heute ist sie nicht mehr die altmodische Angst- und Schreckensherrschaft in patriarchalisch geführten Betrieben, sondern ein verlässlicher Wegweiser – in einer Arbeitswelt, in der die Regeln immer freier werden.

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Matthias Clesle

Matthias Clesle

 

Matthias Clesle ist seit über 20 Jahren in der Personalentwicklung tätig. Für Unternehmen löst er als Trainer, Berater und Speaker Probleme rund um Führung und Förderung von Mitarbeitenden.

>> LinkedIn-Profil von Matthias Clesle

>> Website von Matthias Clesle

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