Emotionen im Job

Erfolgreich fühlen – Die unterschätzte Relevanz von Emotionen im Job

Emotionen im Job sind in der Regel Tabu. Was aber, wenn sie stattdessen herzlich willkommen wären und uns sowie unsere Wirksamkeit im Business tatsächlich aktiv unterstützen würden? Christoph Theile und Nadja Kahn zeigen in diesem Artikel auf, warum wir die Relevanz von Gefühlen deutlich unterschätzen – und was wir stattdessen tun können, um auch im Job erfolgreich zu fühlen.

Emotionen sind gerade jetzt wichtiger denn je!

Wir leben in Zeiten der „Polykrise“, ein Wort, das wir in den vergangenen Monaten lernen durften. Von einer Polykrise spricht man dann, wenn Krisen nicht mehr aufeinanderfolgen, sondern gleichzeitig aufkommen, ja sich gegenseitig bedingen und verstärken. Das sehen wir aktuell anhand des Ukrainekriegs, der Energiekrise, Inflation, Hunger- und Klimakrise.

Auf so eine Häufung von Krisen war weder unsere Wirtschaft noch unsere Gesellschaft bisher vorbereitet. Deshalb erfordern diese Zeiten vollkommen neue Lösungsansätze und Antworten.

Diese Krisen verängstigen die Menschen. Wir alle sind emotional so sehr gefordert, wie noch nie. Über unsere Emotionen haben wir aber so gut wie nichts gelernt. Wir spüren sie den ganzen Tag, aber niemand hat uns beigebracht, wie wir konstruktiv mit ihnen umgehen können. Diese Lücke möchten wir schließen. 

Erfolgsfaktor Emotionen

Emotionen können ein Erfolgsfaktor sein! Menschen, die im Berufsalltag auf ihre Emotionen hören, sie deutlich zeigen und auch bewusst einsetzen, sind erfolgreicher. Wir würden sogar so weit gehen zu sagen, dass Emotionen die Schlüsselkompetenz für die persönliche Karriere sind – noch wichtiger als ein gewinnendes Auftreten, rhetorische Fähigkeiten oder Intelligenz.

Der schlechte Ruf von Emotionen

Allerdings genießen in unseren Kulturkreisen Emotionen im Berufsleben immer noch einen denkbar schlechten Ruf. Sie hätten im Job nichts zu suchen, und wenn jemand sagt, ein Kollege sei „immer so emotional“, dann bedeutet das, dass er nicht professionell agiert. Tränen gelten als Karrierekiller, Gefühlsausbrüche werden belächelt, Zorn ist ein Fall fürs Coaching. Im Business zählen, so die landläufige Meinung, nur Fakten und Sachargumente.

Diese Meinung ist verkehrt. Emotionen im Job sind nicht nur etwas, das man ausnahmsweise mal tolerieren darf. Sie sind vielmehr erfolgsentscheidend. Bestimmte Prozesse in Unternehmen sind ohne Emotionen gar nicht möglich. Warum knapp 80% aller Change-Prozesse scheitern, liegt vor allem an einem: Change Prozesse erfordern ein sensibles Erkennen und Berücksichtigen der Gefühlslage der betroffenen Mitarbeitenden; auch das Zeigen eigener Gefühle ist dabei extrem hilfreich. Kurz: Wir müssen bei Veränderungen nicht nur umdenken, sondern vor allem „umfühlen“.

Gleiches gilt für das Einschwören eines Teams auf ein neues Projekt. Und für die meisten Formen der Kommunikation – ob mit Kolleg:innen, Kund:innen oder Dienstleister:innen – sind Emotionen entscheidend fürs Gelingen. Denn Wörter und Argumente können Menschen nur rational erreichen. Für ein echtes „Mitnehmen“ anderer Menschen sind Emotionen erforderlich.

Hören Sie eine passende Folge Klartext HR mit Magdalena Rogl zum Thema
„Warum wir mehr Emotionen in der Arbeitswelt brauchen“.

Wie kann ich Emotionen aktiv als Ressource nutzen?

Wieso haben viele Menschen ein negatives Bild von Emotionen? In der Tat können sie äußerst lästig sein. Wenn wir nicht im Einklang mit ihnen leben. Wenn wir sie sorgsam unterdrücken und sie dann plötzlich – ähnlich einem Vulkanausbruch – hervorbrechen. Wenn sie uns überkommen und den Verstand ausschalten. Aber diese destruktive Kraft besitzen Emotionen nur, wenn wir sie ignorieren und als Störgefühl wahrnehmen. Wenn wir ihnen hingegen Respekt zollen und ihnen Raum geben, dann können wir sie aktiv als Ressource nutzen. Und die gute Nachricht ist: Jeder Mensch ist emotional. Und jeder kann lernen, seine Emotionen präzise wahrzunehmen und sie als Werkzeug bewusst einzusetzen.

Jede Emotion unterstützt ein Ziel und ein Bedürfnis

Um diesen Gedanken zu erläutern, müssen wir ein wenig ausholen. Es gibt sieben Basis-Emotionen, die der amerikanische Anthropologe und Psychologe Paul Ekman in den 1970er Jahren erforscht hat und die mittlerweile global anerkannt sind.

Es handelt sich um

  • Freude
  • Zorn
  • Furcht
  • Trauer
  • Ekel
  • Verachtung
  • Erstaunen

Jede dieser Emotionen verfolgt ein bestimmtes Ziel und unterstützt uns damit in unseren Vorhaben.

Die Furcht hat beispielsweise ein Gefühl von Sicherheit zum Ziel. Wenn man sich in einer bestimmten Situation nicht sicher fühlt, kommt diese Emotion mit großer Kraft hoch. Sie signalisiert, dass man etwas für seine Sicherheit tun muss. Insofern hat jede Emotion ihre Berechtigung – und ganz wichtig: es gibt keine negativen Emotionen! Selbst wenig positiv besetzte Emotionen wie Ekel oder Verachtung sind wertvoll im Job. Ekel hilft uns zum Beispiel, Abstand gegen übergriffige Chefs oder despektierliches Verhalten aufzubauen und damit unsere geistige Gesundheit zu schützen. Denn, ganz richtig, Ekel verfolgt das Ziel Gesundheit. Verachtung hingegen schafft Klarheit über die eigene Identität und Bedürfnisse – auch ein wichtiger Faktor hinsichtlich Resilienz und Work-Life-Balance.

Emotionen in der Führung am Beispiel des aktiven Zuhörens

Aktives Zuhören ist eine Fähigkeit, die sich in Gesprächen mit Mitarbeitenden, Chef:innen und Kund:innen als sehr wertvoll erweist. Die aber viele Führungskräfte nur unzureichend beherrschen. In den perfekten Modus für aktives Zuhören kommt man, wenn man innerlich die Emotionen Freude und Erstaunen aufbaut. Warum gerade diese? Freude verfolgt das Ziel, anzukommen, in Ruhe etwas zu genießen. Mit Erstaunen öffnen wir uns ganz für unser Gegenüber und sind neugierig und interessiert, was wir gleich erfahren werden. Durch Freude und Erstaunen bekommen wir deshalb eine große innere Ruhe und gleichzeitig vollständige Konzentration auf unser Gegenüber.

Auf diese Weise erzielen wir ein sehr intensives Gespräch, bei dem der oder die Gesprächspartner:in unser genuines Interesse spürt. Das Gespräch verläuft mit Sicherheit erfolgreicher als mit unbewusster Emotionalität, die sogar kontraproduktiv wirken kann.

Emotionen in Change Prozessen

Ein erfolgreicher Change-Prozess beginnt mit Trauer. Jetzt denken bestimmt einige von Ihnen: „Moment mal, sollen wir uns dann alle weinend in den Armen liegen?“. Nein, natürlich nicht. Aber um etwas Neues anfangen zu können, muss man das Alte zunächst loslassen. Hier begehen viele Führungskräfte einen großen Fehler. Mitarbeitende, die noch an alten Strukturen und Prozessen hängen und vielleicht positive Erinnerungen an sie hegen, werden rasch als „Ewig-Gestrige“ abgestempelt, die nicht bereit sind für Veränderungen und die am Status Quo festhalten wollen.

Dabei geht es vielmehr um eine Wertschätzung vergangener Leistungen! Jahrelang haben sich die Mitarbeitenden in der alten Organisationsform eingebracht und Erfolge realisiert – und das muss einmal anerkannt werden.

Geben Sie sich und Ihren Mitarbeitenden den Raum, vergangene Erfolge zu feiern und gemeinsam positive Erinnerungen zu pflegen. Gönnen Sie sich einen nostalgischen Blick zurück: Was haben wir alles gemeinsam erlebt in der Vergangenheit? Was hat gut funktioniert? Meist fällt den Menschen dabei auch ein, was nicht so gut funktioniert hat. Und schon setzt schrittweise die Erkenntnis ein, dass es vielleicht gut wäre, ein paar Dinge zu ändern.

Aber Menschen brauchen Zeit, um loslassen zu können. Dafür ist die Trauer essenziell. Nur was wir einmal intensiv und in Ruhe betrauert haben, können wir irgendwann ziehen lassen und in positiver Erinnerung behalten. Das ist übrigens beim Verlust geliebter Menschen ganz genauso.

Durch Trauer komme ich zu mir selbst und bin erst dann offen für etwas Neues. Deshalb ist sie der erste wichtige Schritt in Change-Prozessen. Wird sie übergangen, beispielsweise mit den Worten „Jetzt stellen Sie sich mal nicht so an, das wird super!“, ist der gesamte Prozess zum Scheitern verurteilt.

Für erfolgreiche Change Prozesse sind tatsächlich alle sieben Basisemotionen erforderlich, aber die Trauer gehört zu den wichtigsten, da sie am Anfang stehen muss.

Wie lassen sich Emotionen spontan erzeugen?

Wer seine eigenen Emotionen gezielt einsetzen, sie quasi hoch- oder runterfahren kann, kann damit auch die Emotionen seines Gegenübers beeinflussen. So lassen sich Begeisterung verstärken, Ängste abbauen, Widerstände reduzieren und Neugierde wecken. Zugegeben, es erfordert ein bisschen Training, bis man seine Emotionen nutzen kann wie eine gut sortierte Werkzeugkiste. Aber es gibt für jede Emotion Übungen und eine bestimmte innere Haltung, die sich erzeugen lässt. Zudem geht jede Emotion mit einer typischen Mimik einher, die man ebenfalls einsetzen kann, um die Emotion zu erzeugen.

Emotionen verstärken Argumente auf der Sachebene

Natürlich sind im Businesskontext auch Fakten und Sachargumente wichtig – egal ob im Kunden- oder Mitarbeitergespräch, beim Präsentieren neuer Ideen oder beim Verkünden unangenehmer Themen. Aber genauso, wie man seine Worte sauber platziert, lassen sich auch Emotionen präzise in einem Gespräch einsetzen. Idealerweise gehen Emotionen und Argumente Hand in Hand.

Wenn sie richtig ineinandergreifen, gelingt es, andere Menschen wirklich mitzunehmen. Denn unsere Gesprächspartner:innen werden ebenfalls von Emotionen geleitet: Sie freuen sich vielleicht auf ein neues Projekt oder haben Respekt vor mehr Verantwortung. Sie haben Angst vor Veränderungen oder fühlen sich bei einer Beförderung übergangen. Mit Worten allein lassen sich keine Emotionen auflösen oder positiv verstärken. Emotionen kann man nur mit Emotionen begegnen, sie nur damit in die eine oder andere Richtung lenken.

Der Globe of Emotions® und seine Gesetzmäßigkeiten

Die Welt unserer Emotionen ist komplex – aber es lohnt sich, sich mit Ihnen zu beschäftigen! Für unser Trainingskonzept haben wir deshalb ein Modell entwickelt, das wie eine Weltkugel aussieht. Unsere Erde als Globus hilft, dieses komplexe Thema zu veranschaulichen. So wie unsere Erde über Berge und Täler, Flüsse und Meere verfügt, hat letztlich jeder Mensch innere Berge und Täler, seine eigenen Mount Everests und seine eigenen tiefen Abgründe. Und so wie auf der Erde gibt es ebenso auf dem Globe emotional keinen Anfang und kein Ende.

Christoph Theile und Nadja Kahn

Christoph Theile

Christoph Theile ist Autor und mehrfach ausgezeichneter Business-Coach und Trainer für Führungskräfte. Nadja Kahn ist Autorin und betreibt seit 2003 eine erfolgreiche Eventagentur in Hamburg und hat in dieser Zeit über 1000 Veranstaltungen für Unternehmen konzipiert und erfolgreich umgesetzt, die stets das Ziel verfolgten, Menschen emotional zu bewegen.

In 12 Jahre Entwicklungszeit wurde mit einem interdisziplinären Team von Emotionen-Experten und dem Feedback von mehr als 10.000 Teilnehmern aus Trainings, Coachings und Veranstaltungen das Konzept Globe of Emotions® entwickelt. Es ist ein System zur aktiven Nutzung der sieben Basis-Emotionen, das aufzeigt, warum alle ihre Berechtigung in unserem Berufsleben haben.

 

Nadja KahnChristoph Theile und Nadja Kahn haben ein Buch über den konstruktiven Umgang mit Emotionen geschrieben. Der Business-Roman „Denken wir noch oder fühlen wir schon? (Werbung)“ ist erschienen im Wissenschaftsverlag Wiley.

>> LinkedIn-Profil von Christoph Theile

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Fotos: Christina Pörsch

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