Teils still und leise, teils mit lautem Getöse werden vor allem Spezialistenjobs zunehmend durch KI ersetzt. Dies wird sich weiter verstärken, weil KI in immer mehr Bereichen nun sehr schnell zum besseren Spezialisten wird. Zugleich sind neue Jobs zu besetzen, deren Berufsbilder es bis vor kurzem nicht einmal gab. So entsteht im Unternehmen ein zeit- und kostenintensives Kommen und Gehen, das die Stimmung belastet und zugleich den Arbeitsdruck aller erhöht.
Wie ein Ausweg aus diesem Dilemma aussehen kann, zeigt dieser Gastbeitrag von Anne Schüller.
Offenheit für Neues
Multiperspektivisches Denken und Handeln ist eine Schlüsselressource der Zukunft. In Zeiten, in denen sich die Dinge von jetzt auf gleich komplett verändern, werden immer mehr Menschen gebraucht, die offen für gänzlich neue Aufgabenstellungen sind und sich in der Breite der Unternehmenslandschaft einsetzen lassen. Diese benötigen kombinatorische Intelligenz und eine ausgefeilte Kontextkompetenz.
Solche Menschen können Verbindungen schaffen, Separiertes zusammenführen, Bestehendes neu organisieren und divergierende Interessenlagen synchronisieren.
Ihnen gelingt es besonders gut, verschiedene Rollen einzunehmen, gerade auch dann, wenn bei hoher Dynamik Randthemen oder neueste Technologien plötzlich zum Mainstream werden und die Unternehmen unverzüglich darauf reagieren müssen.
Dies geschieht derzeit vor allem beim Einsatz Künstlicher Intelligenz. Vergleichbares wird fortan immer öfter passieren.
Disruptive Zeiten benötigen neue Mitarbeiter-Typen
Die globale digitale Vernetzung, die immer drastischeren Folgen des Klimawandels sowie die Neukombination von Technologien und Industrien in Business-Ecosystemen sorgen für vielerlei Wechselwirkungen, die sich im Vorfeld gar nicht absehen lassen. Dies erfordert ein erweitertes Wissensfundament und Menschen, die Gesamtzusammenhänge verstehen. „Zuständige“ Abteilungen werden dabei obsolet.
In der Breite agierende Experten sorgen für ihre Employability vor allem auch dort, wo immer performantere künstliche Intelligenzen die reinen Spezialisten zunehmend ersetzen. Mithilfe von KI als Co-Kreator und Co-Assistenz gelingt es ihnen, Wissen und Können auf neue, unkonventionelle Weise miteinander zu verknüpfen. Sie haben Gespür sowohl für die Menschen als auch für die neuesten Technologien.
Fundiert agierende Generalisten mit ganzheitlicher Expertise sind dafür geradezu prädestiniert. Sie sind selbstinnovativ und selbstdisruptiv, das heißt, sie erfinden sich ständig neu.
Wir brauchen sie als interdisziplinäre Konnektoren und transfunktionale Vernetzer, die das Zusammenwirken von künstlicher und menschlicher Intelligenz organisieren und Mensch-Maschine-Interaktionen geschmeidig machen.
Die Einsatzprofile müssen fortan verbreitert werden
Mit dem exponentiellen Voranschreiten des Fortschritts entstehen immer schneller auch gänzlich neue Berufe, für die es gar keine Ausbildung gibt. 85 Prozent der Berufsbilder, die 2030 den Arbeitsmarkt bestimmen werden, gab es bis vor Kurzem noch nicht. Dies ergab die Untersuchung „Realizing 2030: Die Zukunft der Arbeit“ des Instituts for the Future in Zusammenarbeit mit dem Technologieunternehmen Dell.
Alle genannten Aspekte sind, so denke ich, weitläufig bekannt. Dennoch werden in den meisten Unternehmen nach wie vor fast ausnahmslos Spezialisten gesucht.
Aus den Fachabteilungen kommen dezidierte Anforderungsprofile, die derart als Filter fungieren, dass multiperspektivisch talentierte Bewerber von vorneherein durchs Raster fallen.
Und dort, wo bei der Bewerbervorauswahl KI eingesetzt wird, sortiert diese die fortan so wertvollen Generalisten völlig unbemerkt allein deshalb sofort aus, weil sie mit vergangenheitsbasierten Spezialistenanforderungen trainiert worden ist.
I-shaped: Tiefes Wissen auf einem einzigen Fachgebiet
Klar, Spezialisten werden wir auch weiterhin brauchen, doch ihr Stand ist, wie schon allein der Buchstabe zeigt, nicht besonders stabil. Ihr Fachwissen ist zwar fundiert und überaus tief, doch wenig breit. Sie sind in einer Art Silodenke verfangen. Nur das, was innerhalb dieser Grenzen liegt, kommt für sie dann auch in Betracht. Die eigene ist die beste aller Lösungen, weil ein typischer Spezialist gar keine anderen Lösungen kennt.
Zudem verfügt er oft über Knowhow, das nach Technologiewenden kaum noch zählt. Wenn Kenntnisse rascher altern als jemals zuvor, dann ist pures Spezialistenwissen also nur punktuell sinnvoll.
Spezialisten können ihre Position entscheidend verbessern und sich zu T-shaped-Typen weiterentwickeln, indem sie ihr Fachwissen kontinuierlich verbreitern und das I damit stabiler machen, am besten „on the job“ nahezu täglich.
H-shaped: Die Konnektoren zwischen den Welten
Sind zu viele Spezialisten am Werk, fehlt es oft an einem interdisziplinären Denken und kommunikativen Zusammenbringen mehrerer Abteilungen oder Projekte, sprich, am Big Picture.
Insofern sind H-förmige Talenttypen die Brückenbauer im Unternehmen, oft auch Konnektoren zwischen drinnen und draußen. Sie sehen nicht nur den eigenen Beitrag, sondern verstehen, wie alles ineinandergreifen kann, soll und muss.
Sie sind geübt, Spezialwissen aus verschiedenen Bereichen sinnvoll zu kombinieren, weil sie einen hohen Assoziationsspielraum besitzen. Solche Menschen können mit großer Leichtigkeit in verschiedene Denkweisen schlüpfen. Sie haben die Fähigkeit, ihre Kompetenzbreite auf unterschiedlichste Situationen anzuwenden.
Das H-förmige Talenteprofil kann insofern Geburtshelfer für bahnbrechende Innovationen sein.
X-shaped: Der Typ, den wir nun immer mehr brauchen
Schnittstellen (das Zentrum des X) sind die dynamischsten Orte für Fortschritt und Wandel. Sie gestatten einen Ausbruch aus vorherrschenden Denkmustern und etablierten Vorgehensweisen. Sie bieten beste Gelegenheiten für die Neuverknüpfung von Möglichkeiten. Sie erweitern, wie bei einer Straßenkreuzung, den Horizont. Sie lassen neue Blickwinkel entstehen. Und man kann in ganz neue Richtungen gehen.
Während der H-Typ primär innerhalb des Unternehmens im Rahmen laufender Projekte agiert, entwickelt der X-Typ über die Unternehmensgrenzen und sogar die der Branche hinweg völlig neue Alternativen.
Beide Typen denken unternehmerisch und wissen: Durch eine umfängliche Vernetzung treten an Schnittstellen Ideen zutage, die den Lauf der Dinge disruptiv beeinflussen oder radikal wandeln. Ihnen gehört die Zukunft.
Wenn es dem Recruiting also gelingt, die zukünftige Suche nach Top-Talenten systematisch auf diese Kriterien auszurichten, trägt es maßgeblich dazu bei, sowohl die Arbeitgeberattraktivität als auch die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens zu sichern.








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