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Geschäftsführer in Elternzeit

Elternzeit als Geschäftsführer – ich würde es wieder tun!

Elternzeit als Mann zu nehmen, ist noch lange keine Selbstverständlichkeit in Deutschland. Wenn dann ein Geschäftsführer eines Unternehmens sogar dreimal eine Elternzeit nimmt, hat er viel zu erzählen. So wie Oliver Saul, Geschäftsführer der index Gruppe.

Elternzeit ist auch Männersache

Für mich steht fest: Elternzeit ist auch Männersache! Eigentlich sollte die „Vaterzeit“ heutzutage selbstverständlich sein. Aber alle wissen, dass wir auch im Jahr 2022 noch weit davon entfernt sind. Ich ging im Juni bereits zum dritten Mal in Elternzeit. Das erste Mal nahm ich kurz nach der Geburt meines Sohnes 2019 sieben Monate, das zweite Mal Ende letzten Jahres einen Monat, als meine Tochter geboren wurde, und jetzt im Juli nochmal einen Monat Elternzeit. Ich entschied mich für die berufliche Auszeit, um eine enge Bindung zu meinem neugeborenen Kind aufzubauen. Auch als angestellter Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens mit rund 180 Mitarbeitenden möchte ich für meine Kinder da sein.

Das sind die rechtlichen Rahmenbedingungen für Väter in Elternzeit
Rechtlich gesehen haben Mütter und Väter einen Anspruch auf insgesamt drei Jahre Elternzeit. Männer müssen ihren Arbeitgeber mindestens sieben Wochen vor der geplanten Auszeit informieren. Es handelt sich wohlgemerkt um eine Mitteilung und keinen Antrag, denn die Elternzeit steht Arbeitnehmern gesetzlich zu.

Bei Geschäftsführer:innen gilt dieser Anspruch allerdings nur unter bestimmten Bedingungen. Angelehnt an den für Arbeitnehmer vorgesehenen Mutterschutz bei der Geburt eines Kindes haben GmbH-Geschäftsführerinnen und -Geschäftsführer seit 2021 gemäß § 38 Abs. 3 GmbHG das Recht, um einen zeitweisen Widerruf ihrer Bestellung zu ersuchen.

Bei Elternzeit während der ersten 14 Lebensmonate des Kindes können Männer sogar Elterngeld beantragen, das den bisherigen Verdienst jedoch nur teilweise ersetzt. Gesetzlich versicherte Väter bleiben während der Elternzeit beitragsfrei weiterversichert. Beiträge für die private Krankenversicherung müssen sie ohne staatliche Förderung weiterbezahlen. Darüber hinaus genießen Väter genau wie Mütter in Elternzeit einen besonderen Kündigungsschutz.

So steht es um das Thema Elternzeit bei Männern

Väter in Elternzeit haben nach wie vor Seltenheitswert. Die Zahlen des Statistischen Bundesamts sprechen eine deutliche Sprache: 2019 waren lediglich 2,6% der erwerbstätigen Männer mit mindestens einem Kind unter drei Jahren in Elternzeit.

Mitarbeitende in Elternzeit - Infografik destatis
Quelle: https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Arbeitsmarkt/Qualitaet-Arbeit/Dimension-3/elternzeit.html

Wir stehen also ganz am Anfang. Die klassischen Rollenbilder scheinen noch fest in den Köpfen junger Mütter und Väter verankert zu sein.

In meinem persönlichen Umfeld gibt es dagegen viele Väter in Elternzeit. Einige Paare haben sich die Elternzeit komplett geteilt, also für jeden sieben Monate. Dieses Modell halte ich grundsätzlich für die fairste Lösung und würde auch dafür sorgen, dass junge Mütter weniger Nachteile im Berufsleben befürchten müssen als frisch gebackene Väter. Bis dahin ist es jedoch noch ein weiter Weg.

Auch ich habe mich als Geschäftsführer für zwei Monate Vaterurlaub, die sogenannte „Elternzeit light“ entschieden. In Arbeitsbereichen, in denen mehrere Mitarbeitende dieselben oder ähnliche Tätigkeiten ausüben, ist eine paritätische Elternzeit durchaus möglich. Zwar führt die Elternzeit auf Arbeitgeberseite zunächst zu einem organisatorischen Mehraufwand, gleichzeitig stärken Firmen mit Vätern in Elternzeit ihr Image als moderner Arbeitgeber nach innen und außen. Das ist im Zeitalter des branchenübergreifenden Fachkräftemangels wahrlich Gold wert.

Arbeitgeber reagieren unterschiedlich auf Elternzeit

Die Realität sieht leider weniger rosig aus. Viele Väter, die in Elternzeit gehen möchten, stoßen nach wie vor auf Unverständnis bei ihren Vorgesetzten und in ihrem persönlichen Umfeld gleichermaßen. Schnell ist von einem Karrierekiller die Rede, viele Arbeitgeber drohen zumindest damit. Andere behaupten wider besseres Wissen, dass Väter überhaupt keine Elternzeit nehmen dürften.

Ich habe im November auf LinkedIn einen Post zu meiner Elternzeit abgesetzt. Die Reaktion der Community hat mich überwältigt. Neben 250.000 Ansichten und mehreren Tausend Likes waren auch Hunderte von Kommentaren und Erfahrungsberichten zu lesen. Teilweise ist es wirklich erschreckend, was viele Angestellte erleben mussten, und wie festgefahren die Strukturen in einigen Unternehmen immer noch sind.

So können Unternehmen Väter in Elternzeit unterstützen

Ich selbst hatte in den letzten drei Jahrzehnten Führungspositionen in verschiedenen Unternehmen inne. Als mir vor zehn Jahren Mitarbeitende mitgeteilt haben, dass sie nach der Geburt ihres Kindes in Elternzeit gehen möchten, war auch ich skeptisch. Da bin ich ganz ehrlich. Heute empfehle ich allen Unternehmenslenker:innnen:

Unterstützen Sie Väter genau wie Mütter bei der Elternzeit!

In erster Linie sollten männliche Führungskräfte aller Hierarchiestufen – von Teamleitern über Abteilungs- und Bereichsleiter bis hin zu Geschäftsführern – mit gutem Beispiel vorangehen und selbst Elternzeit nehmen. Viele Führungskräfte und Geschäftsführer halten sich dafür leider für zu wichtig, trauen ihrem Team zu wenig zu oder haben Angst, ersetzt zu werden.

Wenn ein Mitarbeiter seine Elternzeit ankündigt, sollte sich die unmittelbare Führungskraft (und in kleinen und mittelständischen Unternehmen am besten auch die Geschäftsführung) den Vater zur Geburt seines Kindes beglückwünschen und ihn für seine Entscheidung zur Elternzeit gratulieren. Schließlich bringen angesichts weitverbreiteter gesellschaftlicher Vorbehalte bislang nicht alle Männer diesen Mut auf.

Abwesenheit lässt sich weiträumig organisieren

Dann können beiden Seiten den Blick nach vorne richten. In einem separaten Termin sollte mit dem betreffenden Mitarbeiter alles Weitere geklärt werden, unter anderem, wie die Aufgabenverteilung während seiner Abwesenheit organisiert werden soll.

Gleichzeitig sollten Vorgesetzte ihrem Team die Entscheidung ihres Kollegen zeitnah mitteilen, damit es sich auf die Situation einstellen kann. Führungskräfte müssen klar signalisieren, dass sie voll und ganz hinter der Entscheidung für die Elternzeit stehen und abfällige Kommentare konsequent unterbinden.

Reagieren Arbeitgeber dagegen mit Unverständnis auf den Wunsch nach Elternzeit, verschrecken sie den betreffenden Mitarbeiter und seine Kollegen gleichermaßen. Künftig wird kein Angestellter mehr mit diesem Anliegen an die Geschäftsführung herantreten.

Die Konsequenz: Moderne Väter und Mütter suchen sich auf Dauer mitunter einen anderen Arbeitgeber, der sie bei dieser Selbstverständlichkeit unterstützt. Noch fataler ist es, wenn Unternehmen Mitarbeitern nach der Elternzeit das Leben schwer machen. Zum Beispiel indem sie seinen Verantwortungsbereich beschneiden oder Beförderungen vorenthalten. Genau das hat ein Geschäftsführer, den ich persönlich kenne, erlebt. Ein absolutes No-Go. Solche Vorgänge vergiften das Betriebsklima nachhaltig.

Mein Fazit zur Elternzeit bei Geschäftsführern

Wo ein Wille ist, ist ein Weg. Diese Binsenweisheit gilt auch für männliche Führungskräfte in Elternzeit! Rechtlich gibt es keine Hürden für diese Auszeit. Mit der richtigen Organisation im Vorfeld und selbstständig arbeitenden Mitarbeitenden können natürlich auch Führungskräfte und Geschäftsführer zumindest für wenige Monate guten Gewissens in Elternzeit gehen! Ich kann alle nur dazu ermuntern. Denn mit den eigenen Kindern Zeit zu verbringen, ist mit keinem Geld der Welt zu bezahlen. Ich spreche aus Erfahrung.

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Oliver Saul

Oliver Saul, CEO index Gruppe

 

 

Oliver Saul ist seit 2019 Geschäftsführer der index Gruppe. Das Kernprodukt der international aufgestellten Unternehmensgruppe ist index Anzeigendaten, ein Vertriebssystem für Personaldienstleister, Personalberater und Outplacement-Firmen.

Seit 2005 in der Personaldienstleistungsbranche tätig, hat Oliver Saul als Consultant bereits zahlreiche Unternehmen rund um Vertrieb, Führung und Strategie beraten sowie den Sales-Bereich von zwei Berliner Start-ups aufgebaut.

>> Mehr Infos zur index Gruppe

Eine Antwort

  1. Hallo, dieser Beitrag ist großartig, vielen Dank dafür. Frauen und Männer sollten sich generell die Familie- und Erwerbsarbeit teilen. Dazu gehört aber auch, dass die Frauen das zulassen und die Männer das einfordern. Manchmal müssen beide dazu ermuntert werden. 🙂
    Ich erlebe in meiner beruflichen Tätigkeit oft, dass Männer „bestraft“ werden wenn sie Elternzeit nehmen, auch wenn es nur 1-3 Monate sind. Äußerungen wie „dann ist deine Karriere hier beendet“ oder „dann kannst du hier nichts mehr werden“ sind leider keine Seltenheit. Der Mann meiner Kollegin wurde sogar gekündigt, natürlich aus einem anderen Grund, was vor dem Arbeitsgericht richtigerweise sehr nachteilig für das Unternehmen ausging. In einem Unternehmen wurde mir gesagt „klar dürfen Männer hier Elternzeit nehmen, aber diese Zeit müssen sie dann vorarbeiten.“ Ich war sprachlos. Freizeitausgleich ist nicht Elternzeit.
    Das läuft in skandinavischen Ländern mit viel größerer Selbstverständlichkeit als bei uns. Da gibt es auch keine 2 „Väter“- Monate, 3 Monate sind für Väter in Schweden Minimum. Im Koalitionsvertrag der Bundesregierung sind meines Wissens 10 Tage bezahlter Sonderurlaub für Väter rund um die Geburt des Kindes zur Umsetzung geplant.
    Vereinbarkeit für Männer ist generell ein immens wichtiges Thema, das viele Unternehmen viel mehr in den Fokus nehmen sollten. Es passt nicht zusammen ständig den Fachkräftemangel zu beklagen und gleichzeitig keine gute Vereinbarkeit zu gewähren. Es sollte mehr über das „WIE“ als über das „OB“ gesprochen werden. Und ja, es braucht Vorbilder und Role Models.

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