KI-Gender-Gap

KI-Gender-Gap: Mehr Frauen in die KI-Welt – aber wie?

Künstliche Intelligenz ist längst Realität. Ob im Kundenservice, der Personalabteilung oder im Marketing: KI verändert die Arbeitswelt grundlegend. Doch je stärker Unternehmen auf KI-Tools setzen, desto deutlicher zeigt sich ein blinder Fleck: der KI-Gender-Gap. Denn Frauen sind in der KI-Welt eklatant unterrepräsentiert – sowohl als Entwicklerinnen als auch als Nutzerinnen, sagt Gastautorin Verena Deller, Vorständin codecentric AG.

Gefahr durch den KI-Gender-Gap

Zuerst möchte ich darstellen, warum der KI-Gender-Gap unsere Innovationskraft und gesellschaftliche Entwicklung gefährdet, und was Sie dagegen tun können.

Das Problemist weit mehr als eine Frage der Gerechtigkeit. Der Gender Gap in der KI ist ein Innovationshemmnis und damit hochrelevant für Unternehmen, die zukunftsfähig bleiben wollen. Und er ist ein gesellschaftliches Risiko, denn technologische Entwicklung betrifft uns alle.

Zwei Seiten einer strukturellen Schieflage

Der KI-Gender-Gap zeigt sich auf mehreren Ebenen. Laut Global Gender Gap Report 2024 liegt der Anteil weiblicher KI-Talente in Deutschland bei nur 21,1%. Und in KI-bezogenen Onlinekursen sind laut Coursera lediglich 27% der Teilnehmenden Frauen.

Gleichzeitig warnt die Internationale Arbeitsorganisation (ILO), dass Frauen in Berufen mit hohem Automatisierungspotenzial – etwa in der Verwaltung oder im Dienstleistungsbereich – bis zu dreimal häufiger durch KI ihren Arbeitsplatz verlieren könnten als Männer.

Die Schieflage ist also doppelt: Frauen sind besonders betroffen, aber selten beteiligt.

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Frauen in Tech-Berufen: unterrepräsentiert, aber mit großem Hebel

In der Entwicklung und Forschung von KI sind Frauen nach wie vor deutlich unterrepräsentiert, insbesondere in Führungspositionen. Das Kernproblem: Obwohl KI für Aufgaben eingesetzt wird, die häufig von Frauen erledigt werden, wird sie aber nur selten mit ihnen gemeinsam entwickelt oder eingeführt. Ihre Praxiserfahrung und ihre Bedürfnisse bleiben oft ungehört.

Das hat weitreichende Folgen. Denn wer KI-Modelle entwickelt, definiert mit, was als „normal“ oder „neutral“ gilt. Stand heute überwiegen in den Systemen männliche oder westlich geprägte Normen, die Ungleichheiten schaffen oder verstärken können – oft unbewusst, aber mit großer Wirkung.

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Es fehlt an weiblichen KI-Fachkräften

Gleichzeitig fehlt es branchenübergreifend an Fachkräften im KI-Umfeld. Eine gezielte Förderung von Frauen kann hier nicht nur den Talentpool erweitern, sondern auch neue Impulse setzen.

Unternehmen sollten gezielt Mentoring- und Sponsoring-Programme etablieren, um Frauen in KI-Berufen zu stärken. Zudem gilt es, die Rollenvielfalt sichtbar zu machen, nicht nur die KI-Expertin oder KI-Entwicklerin, sondern auch die Produktmanagerin, die Ethikerin oder weibliche Data Scientists.

Denn KI ist längst kein rein technisches Feld mehr. UX-Design, Datenethik, Kommunikation, Regulatorik – gute KI-Projekte leben von interdisziplinären Teams, in denen Empathie, Sprachgefühl und Nutzerfokus genauso zählen wie Algorithmen.

Gerade hier bringen Frauen oft wertvolle Kompetenzen mit, die in klassischen Tech-Bereichen manchmal zu kurz kommen. Diese müssen als wertvolle „Tech-Skills“ anerkannt und gefördert werden. Denn ein Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, das auf vielfältige Kompetenzen setzt, ist agiler, innovativer und zukunftssicherer.

Bildungspolitik ist gefordert contra KI-Gender-Gap

Zudem muss in der Bildung früher angesetzt werden. Nachhaltige MINT-Förderung für Mädchen in der Schule ist der Grundstein für mehr Vielfalt in der KI-Welt. Doch das reicht nicht. Ein schönes Beispiel für eine Initiative ist die European Girls’ Olympiad in Informatics (EGOI), ein internationaler Programmierwettbewerb speziell für Schülerinnen mit rund 200 Teilnehmerinnen aus 60 Ländern, darunter Deutschland, Neuseeland, Japan, USA und Kanada.

Davon brauchen wir mehr.

„Frauen in Tech“: Warum die Lösung differenzierter sein muss

Viele Initiativen fokussieren sich auf „Frauen in Tech“ oder „Frauen in KI“. Doch in Wahrheit betrifft der KI-Wandel alle Berufsgruppen, und je nach Kontext braucht es unterschiedliche Lösungen.

So sind Frauen in nicht-technischen Berufen oft betroffen und haben doch selten eine Stimme. In Verwaltungs-, HR- oder Assistenzfunktionen, alles Tätigkeiten mit hohem Frauenanteil, halten KI-Tools längst Einzug, häufig aber ohne die betroffenen Mitarbeiterinnen mitzunehmen. Neue Rollenprofile und Weiterbildung? Mangelware.

Gerade hier kann HR unterstützen, etwa durch praxisnahe KI-Kompetenzvermittlung, die am tatsächlichen Arbeitsalltag anknüpft. Niedrigschwellige Weiterbildungen in den Bereichen Office-Automatisierung, HR-Prozesse, Customer Relations sind wirksamer als abstrakte Prompting-Kurse.

Zudem braucht es neue Berufsbilder und modernisierte Rollen mit Fokus auf hybride Kompetenzen und Female Role Models, die Fachwissen mit KI Kompetenz verbinden. Alltagsvorbilder sichtbar zu machen ist ein guter Weg, um Neugier zu wecken und Hemmschwellen abzubauen. Eine Kollegin, die berichtet, wie sie ChatGPT im Vertrieb nutzt, um Zeit für Kundenbindung zu gewinnen, baut mehr Berührungsängste ab als jede Tool-Schulung.

KI braucht Vielfalt – auch aus ökonomischer und gesellschaftlicher Sicht

Insbesondere in fünf Bereichen ist die Prämisse „KI braucht Vielfalt – auch aus wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Sicht“ wichtig:

Fachkräfteerhalt durch Diversität

In der KI-Entwicklung herrscht Fachkräftemangel. Frauen sind ein riesiges, bislang zu wenig genutztes Potenzial. Wer sie gezielt einbindet, gewinnt nicht nur neue Perspektiven, sondern erweitert die Rekrutierungsbasis massiv. Studien von McKinsey, BCG & Co. zeigen: Diverse Teams sind innovativer, produktiver und wirtschaftlich erfolgreicher. Dies gilt auch und gerade in Tech-Branchen.

Zielgruppengerechte Produkte und Services

Frauen sind immer wirtschaftlich relevante Nutzerinnen. Wenn KI-Systeme von homogenen, männlich geprägten Entwicklerteams gestaltet werden, entstehen leicht blinde Flecken, so z.B. bei Sprache, Nutzerbedürfnissen oder Alltagspraxis.

Diversität im KI-Team bedeutet, dass KI-Tools besser zu realen Zielgruppen passen, was sowohl die Nutzerakzeptanz als auch das Marktpotenzial erhöht. KI muss auch deshalb durch Inklusion und Teilhabe gerecht gestaltet werden.

Ein herausragendes Beispiel für ein wirtschaftlich erfolgreiches KI-Produkt, das speziell für Frauen entwickelt wurde, ist die App Flo. Diese Anwendung zur Überwachung des Menstruationszyklus und der allgemeinen Frauengesundheit hat sich zu einem globalen Marktführer im Femtech-Sektor entwickelt.

Demokratisierung technologischer Entwicklung

Wenn wir Technologie nur für, aber nicht mit allen gestalten, droht ein Machtgefälle. Der Zugang zu KI-Kompetenz und -Gestaltung muss breit, offen und divers organisiert werden. Nicht als Expertentum für wenige, sondern als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Frauen einzubeziehen heißt, die technologische Entwicklung zu demokratisieren und sie an den realen Bedürfnissen der Gesellschaft auszurichten.

Reduktion struktureller Ungleichheit

KI kann, je nachdem, wer sie entwickelt und wie sie implementiert wird, bestehende Ungleichheiten verstärken oder abbauen. Wenn im Wesentlichen von Männern entwickelt wird, fehlen weibliche Perspektiven in Bezug auf Diskriminierung, Sprache, Zugang oder Gerechtigkeit.

Ein prominentes Beispiel ist die Apple Card, bei der Frauen-Berichten zufolge trotz ähnlicher oder sogar besserer Kreditwürdigkeit niedrigere Kreditlimits als ihre männlichen Partner erhielten.

Die genaue Ursache in der Blackbox des Algorithmus blieb unklar, führte jedoch zu Untersuchungen durch Finanzaufsichtsbehörden. Die gezielte Förderung weiblicher Perspektiven ist deshalb nicht nur fair, sondern strukturell transformativ.

Soziale Resilienz in Zeiten des Wandels

Wenn Berufe mit hohem Frauenanteil durch KI gefährdet sind, ohne dass passende Weiterbildungen bereitstehen, droht eine digitale Spaltung. Das gefährdet den gesellschaftlichen Zusammenhalt und letztlich auch die Akzeptanz technologischer Entwicklung.

Eine inklusive Weiterentwicklung der Arbeitswelt ist daher nicht nur ein HR-Thema, sondern eine Voraussetzung für soziale Resilienz und demokratische Stabilität.

Ursachen verstehen, nicht nur Symptome bekämpfen

Warum aber beteiligen sich Frauen bisher seltener an KI-Weiterbildungen oder -Karrieren? Dafür gibt es strukturelle Gründe: fehlende Vorbilder, unbewusste Biases, mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Care-Arbeit. Das sind alles Aufgaben, die immer noch überwiegend von Frauen übernommen werden.

Hinzu kommen kulturelle Hürden: Tech und KI gelten oft noch als „männlich“ oder zu abstrakt. Auch das Bildungssystem spielt eine Rolle. MINT-Kompetenzen werden bei Mädchen häufig zu spät oder zu wenig spezifisch gefördert. Auch dies wirkt sich am Ende aus auf den KI-Gender-Gap.

Wir unterschätzen noch immer, wie vielfältig „Tech“ heute ist. Es geht nicht nur ums Programmieren. KI braucht darüber hinaus UX/UI-Design, Datenjournalismus, Prompt Engineering, ethische Bewertung und Produktentwicklung.

Auch nicht-technische Fähigkeiten wie Kommunikation und Leadership sind zunehmend als Tech-Kompetenzen gefragt und oft dort zu finden, wo bisher niemand gesucht hat.

KI ist mehr als Technologie, sie ist Machtstruktur

Besonders relevant wird der Gender Gap beim Blick auf den aktuellen Trend zu Agentic AI. KI-Agenten sind Systeme, die zunehmend autonom handeln und Entscheidungen treffen. Wer sie entwickelt, prägt nicht nur Technik, sondern auch gesellschaftliche Normen.

Wenn vorwiegend männliche Perspektiven in die Systeme einfließen, entsteht ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit. Vielfalt ist deshalb keine „Frauenquote“, sondern die Voraussetzung für eine gerechte, realitätsnahe und gesamtgesellschaftlich akzeptierte KI.

Fazit: KI kann gerechter werden – wenn wir Vielfalt aktiv ermöglichen

Künstliche Intelligenz ist kein rein technisches Phänomen. Sie formt unsere Wirtschaft, unsere Kommunikation, unsere Gesellschaft. Wenn wir es ernst meinen mit Chancengleichheit, Innovation und Fachkräftesicherung, dann braucht es mehr als gute Absichten. Dann sind strukturelle Veränderungen nötig und konkrete Schritte hin zu einer diverseren KI-Welt, um dem KI-Gender-Gap kraftvoll entgegenzuwirken.

Dazu gehören unter anderem: Förderung von Quereinstieg und lebenslangem Lernen, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Anerkennung von KI-Kompetenz als Teil kultureller Grundbildung. Eine gerechte, sichere und wirtschaftlich erfolgreiche digitale Zukunft entsteht nur dann, wenn sie nicht nur für alle, sondern von allen gestaltet wird. Die Zeit zu handeln, ist jetzt.

Denn die Frage ist nicht, ob Frauen Platz in der KI-Welt haben sollen, sondern ob wir es uns leisten können, auf ihr Potenzial zu verzichten.

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Verena Deller

Verena Deller, Vorständin codecentric

 

Verena Deller verantwortet als Vorständin der codecentric AG das Thema Menschen und Kommunikation und bringt über 20 Jahre internationale Beratungserfahrung mit. Bevor sie im Mai 2023 zu codecentric kam, war sie als Führungskraft in einer auf Einkauf und Supply Chain spezialisierten Beratung tätig.

>> LinkedIn-Profil von Verena Deller

>> Website codecentric

 

Foto: Henning Ross

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