Übermorgengestalter Teil 2

Übermorgengestalter: Wie man sie erkennt und zur Hochform bringt

Übermorgengestalter:innen zählen zu den wichtigsten Menschen im Unternehmen, denn ohne die Initiativen interner Erneuerer und Pioniere kann ein Unternehmen nicht überleben. Würde man sie doch nur viel öfter suchen und „machen lassen„, meint Autorin Anne Schüller in ihrem Artikel Teil 2.

Die Macht der Joker: Innovationstreiber und Veränderungsagenten in Unternehmen

Vorwärtsstürmer, Neuesprobierer, Übermorgengestalter: Jeder von uns kann das sein. Selbst durch den kleinsten Anstoß kann am Ende Großes entstehen, so dass ein Unternehmen die Zukunft erreicht. Ihr Vorankommen liegt in den Händen derer, die mit frischen Gedanken und smartem Tun die entscheidenden Umbrüche wagen. Fantasievoll vernetzen sie die virtuelle mit der realen Welt auf neue, mutige, bahnbrechende Weise.

Einer ihrer Vertreter sticht dabei besonders heraus. Ich nenne ihn Joker. Seine Funktion ähnelt der eines Hofnarren in den Herrscherhäusern früherer Zeiten. Ihm war es erlaubt, bestehende Verhältnisse ungestraft aufs Korn zu nehmen. Dort, wo es vor Ja-Sagern, Schöntuern und Intriganten nur so wimmelte, nutzten kluge Herrscher den Hofnarren als Beobachter und Klartextredner, als Reflexionsfläche und Sparringpartner, als weisen Beistand und Zukunftsberater. Manche Kartenspiele erinnern noch heute an ihn.

Darin gibt es Joker-Karten mit der Abbildung eines Hofnarren. Joker sind vielseitig einsetzbar und erhöhen, clever genutzt, die Gewinnchancen sehr. Sind solche Joker im Unternehmen aktiv, hinterfragen sie das Bestehende beharrlich und konsequent. Totschweigen geht für sie gar nicht. So bewahren sie C-Level-Leute vor dem Phänomen der Management Isolation und den Echokammern im obersten Stock. Mit Adlerblick und Hartnäckigkeit sorgen Joker für notwendigen Wandel und innovatives Anderssein.

Joker“ kann man in allen Bereiche sehr gut gebrauchen

Mit ihrem queren Denken und Tun können diese besonderen Übermorgengestalter all die unterstützen, die eher geradlinig handeln, Etabliertes favorisieren und ausgetretenen Pfaden folgen. Sie brauchen mehr Pepp, einen Blickwinkelwechsel, eine besondere Meinung, mehr „Salz in der Suppe“, ein „Sahnehäubchen auf der Torte“, mehr „Ahs und Ohs“? Dann fordern Sie den hausinternen „Joker“ an! Für viele im Unternehmen, kann er als Change Maker nützlich sein, damit ihr Vorgehen außergewöhnlicher wird.

Jedes Team braucht eine oder einen, die/der das Kapperl verkehrt herum aufhat“, sagt voll überzeugt Helmut Traxler, Vorstand der Transportorganisation LKW Walter. Bei Netflix spricht man von der „Suche nach der abweichenden Meinung“. Bei IBM heißen sie „Wild Ducks“. Dort hingegen, wo ihre Wichtigkeit nicht erkannt wird, nennt man sie „Querulanten“. Ein Fehler! Querulanten-Verhalten ist destruktiv und zu nichts nutze. Übermorgengestalter hingegen haben immer eine konstruktive Lösung parat.

Nur wenn wir Regeln brechen, kann Fortschritt entstehen

Selbstverständlich sind Grundregeln des Miteinanders für den Zusammenhalt jeder Gemeinschaft elementar. Sinnvolle Abläufe und kluge Vorgehensweisen sorgen für Qualität und Sicherheit. Doch Regeln, die jeden Handgriff in starre Prozesse gießen, machen hochtalentierte Menschen zu Hampelmännern des Systems. Sie nehmen ihnen die Luft zum Atmen und eisen alles ein. Dumme Prozesse versperren den Weg zu anderem, besserem Neuen und blockieren jeglichen Freiraum für Weiterentwicklung.

Regeln müssen gebrochen werden, wenn sie sich als veraltet, als hinderlich oder als unsinnig erweisen. Hätten alle Menschen immer alle Regeln des zu ihrer Zeit Üblichen perfekt befolgt, säßen wir noch heute in der Savanne. Es waren die furchtlosen Voraus-, Anders- und Weiterdenkenden, die mit Entdeckerfreude, Gestaltungslust, neugierigem Infragestellen und umtriebigen Ideen Konventionen durchbrachen und erste Trittsteine ins Neuland legten. Sie führten uns dahin, wo wir heute sind.

Nonkonformismus sorgt für Umbruch und Neuausrichtung

Regelbrecher widersetzen sich den Auswüchsen des Konformismus. Konformismus ist eine Haltung, so der Duden, „die durch Angleichung der eigenen Einstellung an die herrschende Meinung gekennzeichnet ist.“ Konformismus knipst das kritische Denken aus und fügt sich unreflektiert in die gängigen Vorgehensweisen. Das Kritikvermögen versandet, Uniformität und Gleichschritt stellen sich ein. „Dienst nach Vorschrift“ ist die unausbleibliche Folge. Und genau das wird von wertvollen Kunden gar nicht goutiert.

Nonkonformistisches Denken und Handeln sind maßgebliche Erfolgsfaktoren, um sich von Durchschnitt und Mittelmaß abzuheben. Das klappt aber nur dann, wenn man die „heilige Ordnung“ der Machthierarchien stören darf. Denn die Gestörten, als Nutznießer des Systems in ihrem Besitzstand bedroht, werden sich wehren. Gerade deshalb müssen wir das beschauliche „weiter so“ stören. Störungen rütteln wach und bringen Dynamik in erstarrte Strukturen. Sie sorgen für Aufbruch, Umbruch und Neuausrichtung.

Übermorgengestalter: multioptional statt eindimensional

Ein Übermorgengestalter ist Ideengeber, Botschafter, Netzwerker, Kommunikator, Diplomat und Atmosphärendesigner in einer Person. Hinzu kommen Selbstbefähigung und permanenter Entwicklungswille. Das betrifft sowohl die fachliche Tiefe als auch die Breite des Wissens. „T-shaped“ werden solche Personen genannt. Symbolisiert durch das T vereinen sie in sich die Fähigkeiten von Spezialisten und Generalisten. Ihr multiperspektivisches Denken und Handeln ist eine Schlüsselressource der Zukunft, weil die Unternehmen fortan sehr zügig auf permanenten Wandel reagieren müssen.

Multioptionale Talente haben ein größeres Gespür für die Komplexität der Wirklichkeit und können Zusammenhänge besser erkennen. Sie vergraben sich nicht in ein Fachgebiet, sondern haben breites Wissen in mehreren Disziplinen. Sie sind nicht nur in einem, sondern in verschiedenen Netzwerken aktiv. Als Brückenbauer können sie zwischen unterschiedlichen Meinungen und divergierenden Interessenlagen agieren. Sie können Bewährtes mit dem notwendigen Neuen verknüpfen. Kein unversöhnliches „Entweder-oder“, sondern ein verbindendes „Sowohl-als-auch“ treibt sie an.

Die Kernkompetenzen eines Übermorgengestalters

Als „Street Smarts“ sind Übermorgengestalter diejenigen, die sich auf dem Weg durch den „Dschungel“ des Neulands nicht auf eine Landkarte verlassen. Sie nutzen den gesunden Menschenverstand, leiten Lösungen aus weitergedachten Erfahrungen ab oder konsultieren ihr Netzwerk, quasi das Wissen der Straße. Mit dem Lehrbuchwissen der „Book Smarts“ und deren Denkschablonen („Haben wir eine Vorlage dafür?“) kommt man heute nicht weit. Denn die Wirklichkeit ist immer anders.

Folgende Fähigkeiten sind bei Übermorgengestaltern besonders stark ausgeprägt:

  • Kommunikationsvermögen,
  • analytische Kompetenz,
  • Experimentierfreudigkeit,
  • Eifer, Neugierde und Mut,
  • permanente Lernbereitschaft,
  • unbändiger Tatendrang,
  • Durchhaltevermögen.

Stay hungry, stay foolish“, riefe Steve Jobs, selbst ein Übermorgengestalter, ihnen zu.

Wer hat Übermorgengestalter-Potenzial? Ein Schnelltest

Den „geborenen“ Übermorgengestalter gibt es natürlich nicht. Die jeweilige Ausprägung ist teils genetisch, teils kulturell geprägt und zudem kontextgebunden. Der jeweilige Grad lässt sich auf einer Skala verorten. Mit dem folgenden Schnelltest kann auf einfache Weise ermittelt werden, ob eine Person Übermorgengestalter-Potenzialbesitzt. Anhand der Fragen soll die Person zunächst selbst bestimmen, wie sie sich sieht.

Quelle: Anne Schüller

Nachdem der Proband die Selbstbewertung gemacht hat, wählt er drei bis fünf Personen aus, die eine Meinung dazu abgeben können. Je nach Situation können das Kolleg:innen, Mitarbeitende, Vorgesetzte oder auch Menschen aus dem privaten Umfeld sein. Wichtig dabei ist, um eine pointierte Bewertung auf der linken oder rechten Seite der Skala zu bitten. Mittelwerte sind uninteressant, sie sagen rein gar nichts. Eine solche Fremdeinschätzung macht Personen mit Übermorgengestalter-Potenzial sichtbar.

Wie man Übermorgengestalter zur Hochform bringt

Wer HR strategisch betreibt, sucht Übermorgengestalter:innen gezielt. Die Kriterien dafür habe ich in diesem und meinem letzten Beitrag zum Thema beschrieben. Führungskräfte ermuntern ihre Mitarbeitenden zum Widerspruch und geben ihnen Denk- und Spielraum für neue Ideen. Und sie verstehen: Wer Neuland erkundet, kann sich verirren und darf sogar scheitern. In gescheitert steckt nämlich gescheiter.

Zudem darf man nicht Konformismus, sondern muss mutiges Übermorgengestalten belohnen. Wofür es Boni gibt, das wird gemacht. Wer das Einhalten von festgelegten Verfahrensweisen belohnt, Misslingen traktiert und alles beinhart kontrolliert, hat Mitarbeitende, die nach Vorgaben tanzen. Unvorhergesehene Chancen bleiben in einem solchen Umfeld links liegen. Wer den Sprung in die Zukunft schaffen will, braucht eine Strategie und Incentiveprogramme, die Innovationskompetenz stimulieren, Einsatz auf dem Innovationsweg belobigen und herausragende Resultate bonifizieren.

Wird im Unternehmen eine spezielle Anlaufstelle für Übermorgengestalter:innen eingerichtet, kommen in kürzester Zeit die tollsten Ideen zum Vorschein, Ideen, die bislang meist in der Schublade blieben. Wieso die Beschäftigten diese nicht beim Vorgesetzten platzieren? Leider passiert es gar nicht so selten, dass Führungskräfte aus den unterschiedlichsten Gründen neuartige Vorschläge blockieren. Damit gehen sie dem Unternehmen verloren – und mit den Ideen geht dann oft auch der Urheber der Idee.

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ISBN: 978-3-96739-181-7

 

Anne Schüller

Anne Schüller als Gastautorin auf Persoblogger.de

Anne M. Schüller ist Managementdenker, Keynote-Speaker, mehrfach preisgekrönte Bestsellerautorin und Businesscoach. Die Diplom-Betriebswirtin gilt als führende Expertin für das Touchpoint Management und eine kundenzentrierte Unternehmensführung. Zu diesen Themen hält sie Impulsvorträge auf Tagungen, Fachkongressen und Online-Events.

2015 wurde sie für ihr Lebenswerk in die Hall of Fame der German Speakers Association aufgenommen. Beim Business-Netzwerk LinkedIn wurde sie Top-Voice 2017 und 2018. Von XING wurde sie zum Spitzenwriter 2018 und zum Top Mind 2020 gekürt.

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