Dies sogenannten Future Skills sind die Fähigkeiten, die Menschen in Kürze benötigen, um für die Zukunft der Arbeitswelt gut aufgestellt zu sein. Aber klassische Bildungsträger oder Schulen vermitteln hier maximal rudimentäres Wissen. Auch unterscheidet sich die Art der Vermittlung häufig stark davon, wie die Unterschiedlichen Generationen diese am besten annehmen und verinnerlichen können. Das Startup Mindmee will Abhilfe Schaffen. Vom Gründer-Duo (Vater und Sohn) ist Tim Raum im Gespräch mit mir.
Was bietet mindmee?
Hallo Tim, magst Du Dich und Mindmee bitte kurz vorstellen?
Erstmal vielen Dank für die Einladung. Um uns kurz vorzustellen: Wir sind ein echtes Familienprojekt. Mein Vater Michael und ich haben mindmee als Vater-Sohn-Team gegründet. Im Kern ist mindmee ein digitaler Lernort, eine Lernplattform, die auf einem durchdachten Blended Learning Konzeptbasiert. Unser großes Thema sind die Future Skills.
Wir adressieren dabei ganz gezielt die sogenannten Young Talents, also junge Menschen zwischen 16 und 26 Jahren, die sich gerade in der innerbetrieblichen Ausbildung oder im dualen Studium befinden. Uns ist aber wichtig, dass wir nicht nur die Azubis abholen, sondern auch die Ausbildungsverantwortlichen mit auf die Reise nehmen.
Das Besondere an mindmee ist die generationengerechte Ansprache. Wir vermitteln Zukunftskompetenzen so, dass junge Menschen sie nicht nur verstehen, sondern sich wirklich damit identifizieren können. Technisch setzen wir auf interaktive Lernvideos, digitale Unterlagen und Gamification. Begleitet wird das Ganze durch unser Team in regelmäßigen Live-Mentorings, die online stattfinden.
In dieses Konzept sind drei Jahre Entwicklungsarbeit geflossen. Die Inhalte basieren auf internationalen Studien und einem Mix aus Soziologie, Psychologie und – was ich besonders spannend finde – dem Mentaltraining aus dem Spitzensport, um einen echten Lerntransfer zu garantieren.
Was sind Future-Skills?
Alle sprechen über Future Skills. Welche drei sind aus Deiner Sicht am wichtigsten und warum?
Wenn ich den Begriff Future Skills ohne starre Definition beschreiben müsste, würde ich sagen: Es sind erlernbare, fachübergreifende Kompetenzen, die einen Menschen dazu befähigen, in einer komplexen, unsicheren und sich rasend schnell verändernden Welt selbstorganisiert und selbstbestimmt zu handeln. Es geht darum, Probleme zu lösen und mit Unsicherheit umzugehen, auch wenn wir heute noch gar nicht genau wissen, wie die beruflichen Anforderungen in zehn Jahren aussehen werden.
Es gibt ein riesiges Sammelsurium an Future Skills: von Teamfähigkeit über Ambiguitätstoleranz bis hin zu kritischem Denken oder dem Umgang mit KI. Aus meiner persönlichen Sicht und auch basierend auf meiner Forschungsarbeit, in der ich mir die Relevanz von Kompetenzen im KI-Zeitalter angeschaut habe, stehen die zwischenmenschlichen Kompetenzen ganz oben.
Meine Top 3 sind: Kommunikationsfähigkeit, Kollaborationsfähigkeit (Teamfähigkeit) und Empathie. Warum? Weil repetitive und analytische Aufgaben in Zukunft massiv von Software und KI übernommen werden. Was KI aber stand heute nicht abbilden kann, ist die echte menschliche Interaktion. Menschen wollen gesehen und gehört werden, sie wollen Empathie erfahren. Diese „weichen“ Faktoren werden zum entscheidenden Differenzierer in der Arbeitswelt.
Lernen von Future-Skills
Sind tatsächlich alle Future Skills erlernbar – für welche braucht es auch eine spezielle Veranlagung?
Meine Antwort hier ist ein klares Ja: Future Skills sind absolut erlernbar. Natürlich ist es wie bei jeder Fähigkeit: Manche Menschen bringen eine gewisse Veranlagung mit und tun sich in bestimmten Bereichen leichter, andere müssen etwas härter arbeiten.
Entscheidend ist aber das „Wie“. Man muss verstehen, dass man Future Skills nicht wie Matheformeln lernt. Wir arbeiten nach der 20/80-Regel: Ungefähr 20% sind reine Wissensvermittlung, aber die restlichen 80% müssen über das Erlebnis und die Reflexion erlernt werden. Man muss sich in Situationen reinversetzen, Übungen machen und das Erlebte hinterfragen. Gerade soziale Kompetenzen (Soft Skills) funktionieren ganz anders als fachliche Skills.
Genau diese Frage – wie man solche Erlebnisse in ein digitales Lernkonzept gießt – hat uns in der dreijährigen Entwicklung von mindmee am meisten beschäftigt.
Future Skills im Unternehmen
Wie gehen Unternehmen mit den Skilling-Bedarfen rund um die Fähigkeiten der Zukunft um? Wo siehst Du hier noch deutlich Potenzial?
Aktuell sehe ich bei vielen Unternehmen noch einen sehr starken Fokus auf rein fachliche Kompetenzen. Da KI gerade in aller Munde ist, stürzen sich alle auf technische Schulungen, weil man da genau weiß, wie man das Wissen vermittelt.
Im Ausbildungskontext werden Future Skills oft nur indirekt mitgenommen, zum Beispiel in Azubi-Projekten. Da heißt es dann: „Arbeitet mal in der Gruppe zusammen.“ Dabei lernt man zwar zwangsläufig etwas über Kommunikation und Konflikte, aber es fehlt die gezielte Reflexion. Viele Unternehmen stochern hier noch im Nebel.
Ein riesiges Potenzial liegt in der Ansprache. Ich kenne das aus meiner Zeit als Werkstudent im Großkonzern: Da hatte ich Zugriff auf LinkedIn Learning, aber die Beispiele dort waren für mich völlig irrelevant. Da ging es um Budget-Konflikte in Management-Etagen, mit denen ich als junger Mensch null Berührungspunkte hatte. Deshalb nehmen wir bei mindmee die Stakeholder (Ausbilder, HR) parallel mit in die Journey.
Wir müssen verstehen, dass man diese Skills nicht über Nacht oder in einem Wochenend-Seminar lernt. Wir reden hier über Verhaltensänderungen, und die brauchen Zeit und eine Sprache, die die Zielgruppe auch spricht.
Lernen im und außerhalb des Unternehmens
Wie erfolgt das Upskilling bei den Future Skills konkret und wo findet es statt?
Idealerweise durchdringen Future Skills alle Lebensbereiche. Wir starten im Unternehmen, aber wir vermitteln den Azubis aktiv, dass ihnen z. B. eine bessere Kommunikationsfähigkeit auch im Privatleben, im Freundeskreis oder im Sportverein hilft.
Konkret findet das Lernen bei uns in einem geschützten digitalen Raum statt. Die Reise geht über mindestens 12 Monate, oft über die gesamte Ausbildungsdauer. Es ist zu 100% digital, mit zwei wichtigen analogen Ankern: Wir kommen zum Kick-off persönlich ins Unternehmen, um eine Bindung aufzubauen, und wir kommen am Ende für eine Abschlussveranstaltung wieder, um die Erfolge gemeinsam zu feiern.
Dazwischen nutzen wir einen Social Learning Kontext. In den Live-Mentorings arbeiten diverse Gruppen zusammen, Azubis aus verschiedenen Bereichen und Lehrjahren. Hier lernt jede von jedem. Dieser Austausch über persönliche Erfahrungen erfordert Vertrauen, weshalb wir einen geschützten Raum bieten, aus dem keine individuellen Details an die Geschäftsleitung zurückfließen.
Invest in konsequentes Lernen
Mit welchem Zeiteinsatz müssen Unternehmen und Lernende rechnen, wenn sie in Future Skills konsequent und systematisch investieren wollen?
Unternehmen haben oft Angst vor riesigen Zeitverlusten. Wir haben uns aber ganz bewusst gegen eine „Druckbetankung“ entschieden, wie man sie aus der Schule kennt. Um echte Verhaltensänderungen zu bewirken, setzen wir auf Kontinuität.
Konkret bedeutet das für die Lernenden einen Aufwand von etwa 35 bis 45 Minuten pro Woche. Das ist die Zeit, in der sie sich auf der Plattform mit Inhalten beschäftigen, Übungen machen oder an den Mentorings teilnehmen. Die meisten Unternehmen stellen diese Zeit während der Arbeitszeit zur Verfügung. Wir erleben aber eine hohe Eigenmotivation: Wenn die Berufsschule mal dazwischenfunkt, schalten sich Azubis auch mal ungezwungen von der Sonnenliege aus dazu.
Für das Unternehmen ist der administrative Aufwand minimal. Nach der Abstimmung der Termine (Berufsschulzeiten etc.) ist das Projekt für 12 bis 24 Monate durchgeplant. Es gilt das Motto: Gut Ding will Weile haben. Wer systematisch investieren will, muss den Faktor Zeit als Freund und nicht als Feind betrachten.
Weiterentwicklung von mindmee
Wie sehen Eure mittel- und langfristigen Business-Ziele aus?
Unsere Ziele sind ambitioniert. Kurz- und mittelfristig wollen wir in der DACH-Region die bekannteste Marke für Future Skills im Bereich Young Talents und Nachwuchskräfteentwicklung werden. Wir prüfen aktuell bereits die Internationalisierung und Übersetzung unserer Inhalte in andere Sprachen.
Außerdem kooperieren wir bereits mit ersten privaten Hochschulen, die unser Konzept in ihr Curriculum integrieren wollen. Bisher durften wir über 1.000 junge Menschen begleiten.
Mein Ziel für die nächsten Jahre ist es, diese Zahl zu verzehnfachen. Wir wollen eine solide Basis schaffen, damit junge Menschen und Führungskräfte nicht nur technologisch, sondern auch gesellschaftlich fit für die Zukunft sind.
Vielen Dank für Deine Antworten, Tim. Für Mindmee wünsche ich Euch weiterhin viel Erfolg.
Über den Interviewten

Tim Raum ist Co-Gründer von mindmee. Mit seinem Hintergrund in BWL und Wirtschaftsinformatik erforschte er, welche Future Skills die Generationen wie wahrnehmen.
Seine Praxiserfahrung hat er im Talent Acquisition Bereich bei Siemens Healthineers und als Head of HR in einem Startup gesammelt, wo er den Personalaufbau von Grund auf verantwortet hat.
Gemeinsam mit seinem Vater Michael bereitet er junge Talente gezielt auf die komplexe Arbeitswelt von morgen vor.
>> LinkedIn Profil von Tim Raum

Mein Name ist Stefan Scheller. In meiner Rolle als Persoblogger und Top HR-Influencer betreibe ich diese Website und das gleichnamige 




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