Menopause - HR-Strategie anpassen

Wechseljahre am Arbeitsplatz: BGM als Strategie für Produktivität und Bindung

Die Wechseljahre betreffen alle Frauen in einem gewissen Alter und damit alle Arbeitnehmerinnen. Trotzdem wird das Thema im Betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM) bislang kaum berücksichtigt. Während die BGM-Strategien oftmals nur Stressbewältigung und Bewegung adressieren, wird ein Thema ausgespart: die Auswirkungen der Wechseljahre auf die Arbeitswelt. Einblicke von Fachärztin für Arbeitsmedizin Dr. med. Christina Nußbeck.

Großer Einfluss der Wechseljahre auf die Arbeitswelt

Wir reden hier über einen wichtigen Hebel für Prävention und Mitarbeiterbindung. Die volkswirtschaftlichen Kosten des Wegschauen sind immens. Expert:innen schätzen den jährlichen Schaden für Unternehmen durch Fehlzeiten der Mitarbeiterinnen und damit einhergehende Produktivitätsverluste auf bis zu 9,4 Milliarden Euro.

Aktuell befinden sich in Deutschland 9 Millionen Frauen in den Wechseljahren. 7,5 Millionen von ihnen stecken mitten im Berufsleben: Sie sind zwischen 45 und 60 Jahre alt und hochqualifizierte Arbeitskräfte, die den Arbeitsmarkt mit ihrer Expertise und ihrem Wissen bereichern.

Das Problem: Acht von zehn von ihnen erleben laut der Deutschen Menopause Gesellschaft spürbare Wechseljahresbeschwerden. Diese reichen von körperlicher und geistiger Erschöpfung, Schlafstörungen, Hitzewallungen und Gelenkschmerzen bis hin zu Reizbarkeit und depressiven Verstimmungen.

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Was erleben Frauen in der Menopause im Arbeitsalltag?

Wie genau macht sich das bemerkbar? Eine Kollegin wird mitten in einer wichtigen Präsentation von Hitzewallungen überrollt und verliert den Faden. Eine andere Kollegin leidet unter nächtlichen Schlafstörungen und kämpft tagsüber mit Konzentrationsschwierigkeiten. Sie macht Fehler, wo sie früher souverän war. Sie ist reizbarer und reagiert entsprechend auf Druck und Stress.

Diese Symptome sind nicht nur persönlich belastend, sondern wirken sich auch auf die Leistungsfähigkeit, die Stimmung im Team und die Karrierechancen der betroffenen Frauen aus. Viele Mitarbeiterinnen fühlen sich mit ihren Beschwerden allein gelassen, trauen sich nicht, mit ihren Vorgesetzten zu sprechen, und ziehen stattdessen eine Reduktion der Arbeitszeit oder einen früheren Renteneintritt in Betracht.

Studien wie die Menosupport-Studie zeigen, dass jede zehnte Frau in der Menopause früher in Rente gehen würde und jede vierte Frau bereits ihre Arbeitszeit reduziert. Die Mitarbeiterinnen wechseln ihren Job oder verzichten auf Beförderungen. Hier setzt die Sensibilisierung für das Thema Menopause in der Arbeitswelt an.

9,4 Milliarden Euro wirtschaftlicher Schaden und Geschlechterungleichheit

Der Schaden für die deutschen Unternehmen und die deutsche Volkswirtschaft ist immens. Durch die Fehlzeiten und die reduzierte Produktivität entstehen Verluste in Milliardenhöhe. Und ganz nebenbei kommt es zu einer Verschärfung der ohnehin bestehenden Geschlechterungleichheit, da Frauen aufgrund der Wechseljahre finanzielle Einbußen und Karriereverluste hinnehmen.

Nicht ohne einen hohen Preis für die Wirtschaft, da die Arbeitsleistung hochqualifizierter Arbeitskräfte dem Arbeitsmarkt entzogen wird. Ein Preis, der Unternehmen in Zeiten des Fachkräftemangels teuer zu stehen kommt.

Für Arbeitgebende ist es sinnvoll, das Thema Wechseljahre im Arbeitskontext nicht auszublenden oder zu tabuisieren. Ein unterstützender und respektvoller Umgang kann dazu beitragen, Arbeitsfähigkeit zu erhalten, Ausfallzeiten und Fluktuation zu reduzieren sowie qualifizierte Mitarbeitende langfristig an das Unternehmen zu binden. Gleichzeitig lässt sich so strukturellen Ungleichgewichten im Erwerbsleben vorbeugen.

Im bestmöglichen Fall nehmen Arbeitgebende das Thema Wechseljahre in den Fokus und setzen es auf die Agenda des Gesundheitsmanagements. Die Firmen können es sich nicht leisten, auf die Arbeitsleistung einer quantitativ relevanten, gut ausgebildeten und gut positionierten Gruppe zu verzichten, die nach der Familienphase am Arbeitsmarkt durchstarten könnte.

Erste (internationale) Vorreiter

Das Gute ist: Es gibt bereits erste Impulse. Denn auch in der Politik und Zivilgesellschaft gewinnt das Thema an Bedeutung. Comedian Annette Frier thematisiert die Wechseljahre in ihrer Serie “Frier und Fünfzig”. Initiativen wie  “Wir sind 9 Millionen” treiben die Enttabuisierung voran und sorgen für gesellschaftliche Aufmerksamkeit.

Auch die Politik erkennt die Wichtigkeit des Themas. So forderte die CDU/CSU-Bundestagsfraktion 2024 in einem Antrag die Erarbeitung einer nationalen Menopause-Strategie nach internationalem Vorbild. Die Notwendigkeit der Unterstützung der Frauen in den Wechseljahren wird gesehen. Diese politischen und gesellschaftlichen Ambitionen können jedoch nur dann erfolgreich sein, wenn Unternehmen aktiv durch ein modernes BGM die Basis für ein unterstützendes Arbeitsumfeld schaffen.

Großbritannien macht uns vor, dass es möglich ist. Hier zeigt sich bereits, wie die Bündelung von politischem Willen und betrieblicher Umsetzung funktioniert: Die britische Politik sowie auch die Unternehmen reagieren auf den gesellschaftlichen Druck, um die etwa 13 Millionen britischen Frauen in Perimenopause und Menopause am Arbeitsplatz bestmöglich zu unterstützen.

So entwickelte und veröffentlichte die britische Regierung die Women’s Health Strategy. Unternehmen, die Pionierarbeit im Bereich Menopause-Support leisten, werden mit den sogenannten Menopause Workplace Pledges ausgestattet. Ein attraktives Aushängeschild, denn 30 Prozent der britischen Firmen haben bereits Richtlinien für Frauen in den Wechseljahren entwickelt.

Menopause-Maßnahmen: So schaffen Unternehmen ein unterstützendes Arbeitsumfeld

Es braucht ein Bewusstsein und Verständnis für die Herausforderungen, denen die neun Millionen Frauen in den Wechseljahren gegenüberstehen. Ein erster und wichtiger Schritt wäre die Enttabuisierung und Entstigmatisierung der Wechseljahre.

Wie lässt sich das im Kleinen und im Großen in den Unternehmen erreichen?

Zunächst einmal sollten Unternehmen für das Thema Wechseljahre sensibilisiert werden. Das kann über den Betriebsrat geschehen, aber auch über die verantwortlichen Betriebsärzt:innen. Oder eben aus Initiativen der Belegschaft heraus.

Arbeitgebende, die sich dieses Themas annehmen, führen im ersten Schritt eine Ist-Analyse durch und finden mittels eines Fragebogens heraus, inwieweit die Wechseljahre ein Thema unter der Mitarbeiterinnen sind. In diesem Zusammenhang lohnt es sich auch, die Fehlzeiten und Krankmeldungen der weiblichen Mitarbeitenden kritisch zu hinterfragen.

In der Regel ist davon auszugehen, dass hohe Ausfallzeiten von Mitarbeiterinnen zwischen 40 und 60 Jahren mit Menopausesymptomen zusammenhängen. Eben solche Ausfälle und Produktivitätsverluste lassen sich vermeiden, wenn man Frauen in den Wechseljahren bestmöglich unterstützt.

Mögliche Maßnahmen im Unternehmen

Schaffen Sie eine offene Gesprächskultur

Sprechen Sie im Unternehmen und Team über das Thema. Ermutigen Sie Ihre Mitarbeiter:innen, ihre Erfahrungen zu teilen – beispielsweise innerhalb eines internen Netzwerkes oder eines eigens dafür eingerichteten Menopause Clubs.

Sensibilisieren Sie die Führungskräfte und Teams

Bieten Sie Schulungen zum Thema Wechseljahre für alle Führungskräfte an, um das Verständnis für die Kolleginnen und ihre Herausforderungen zu stärken. Laden Sie  insbesondere die männlichen Führungskräfte zu den Schulungen ein, um sie für das Thema zu sensibilisieren.

Bieten Sie teaminterne Schulungen zu dem Thema an, um alle Mitarbeitenden auf das Thema aufmerksam zu machen. Je häufiger, offener und transparenter über das Thema gesprochen wird, desto besser.

Sorgen Sie für Informationsmöglichkeiten

Bieten Sie Mitarbeiter:innen die Möglichkeit, sich bestmöglich zum Thema Wechseljahre informieren zu können. Möglich ist dies beispielsweise über Infobroschüren, eine eigens erstellte Internetplattform zum Thema oder interne Vorträge. Schaffen Sie die Position einer/eines Wechseljahresbeauftragte:n, der/die den Kolleg:innen bei Fragen und persönlichen Anliegen zum Thema zur Verfügung steht.

Größere Unternehmen können gewährleisten, dass Betriebsärzt:innen im Rahmen von Wechseljahressprechstunden zur Verfügung stehen.

Etablieren Sie flexible Arbeitsmodelle

Sie unterstützen Ihre Mitarbeiter:innen bestmöglich, wenn Sie ihnen flexible Arbeitszeiten ermöglichen. Wie beispielsweise die Option, an Tagen mit starken Wechseljahresbeschwerden aus dem Homeoffice zu arbeiten, die Arbeitszeit temporär zu reduzieren oder entsprechend an symptomfreien Tagen nachzuholen. Solche Modelle sind entscheidend, um Leistungsfähigkeit und Engagement der Mitarbeiterinnen in den Wechseljahren zu erhalten.

Statten Sie Ihre Mitarbeiterinnen und die Arbeitsplätze optimal aus

Investieren Sie in atmungsaktive Arbeitskleidung, wenn Uniformzwang besteht. Das hilft insbesondere den weiblichen Blue Collar Workers. Stellen Sie Ventilatoren an den Arbeitsplätzen bereit sowie ausreichend Toiletten und Ruheräume für die Mitarbeiterinnen.

Auch könnten Sie die Schichtpläne auf die Bedürfnisse der Frauen hin anpassen.

Bieten Sie Menopause-Benefits

Investieren Sie in Gesundheitskurse wie autogenes Training oder Yoga – in Form von Fitnessclubmitgliedschaften oder (Gesundheits-)Apps. Diese können menopausale Symptome lindern. Außerdem können über die Apps in vielen Fällen spezialisierte Gesundheitsberatungen als Zusatzleistung angeboten werden.

Menopause Support: Ein Win-Win für Mitarbeiterinnen und Unternehmen

Die Wechseljahre sind eine Herausforderung, müssen aber keinen beruflichen Rückschritt für erfahrene, hochqualifizierte Mitarbeiterinnen darstellen. Die Sensibilisierung von Führungskräften und Teams ist hierfür der Schlüssel. Es geht nicht darum, Symptome zu therapieren, sondern die Bedingungen am Arbeitsplatz so anzupassen, dass die weiblichen Fachkräfte mittleren Alters gesund, produktiv und engagiert bleiben können.

Durch proaktives und empathisches Handeln – insbesondere durch Prävention und ein zukunftsorientiertes BGM – schaffen Arbeitgebende eine echte Win-Win-Situation. Sie halten erfahrene Fachkräfte im Unternehmen, zahlen auf Diversität und Inklusion ein und erhöhen die Mitarbeiterbindung signifikant.

Fazit

Das Thema Wechseljahre ist kein unüberwindbares Hindernis und Tabu, sondern eine Chance für die Unternehmen. Wer die Menopause als einen wichtigen Teil des Gesundheitsmanagements und der Personalführung versteht sowie als Hebel für eine erfolgreiche Zukunft der deutschen Arbeitswelt, wird erfahrene Fachkräfte an das eigene Unternehmen binden, die Produktivität steigern und sich als attraktiver Arbeitgeber auf dem Arbeitsmarkt positionieren.

Der nette Nebeneffekt bei alldem? Unternehmen, die Frauen in den Wechseljahren unterstützen, liefern wertvolle Impulse für die Gestaltung zukünftiger gesellschaftlicher und politischer Strategien.

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Dr. Christina Nußbeck

Dr. med. Christina Nußbeck

 

Dr. med. Christina Nußbeck ist Fachärztin für Arbeitsmedizin und Allgemeinmedizin sowie Diabetologie. Seit mehr als 10 Jahren ist sie bei BG prevent ehemals B.A.D. GmbH tätig und verantwortet die ärztliche Leitung im Cluster Ostwestfalen Osnabrück.

Es ist ihr ein Anliegen, medizinische Themen einer breiten Öffentlichkeit auf verständliche Weise näher zu bringen.

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