Serious Gaming

Serious Gaming als Zukunftswerkzeug der Personalentwicklung

Serious Gaming ist mehr als nur Spielen. Es ist ein Werkzeug, um Personalentwicklung gezielt wirksam zu gestalten – nicht auf Basis von Wissensaufbau, sondern konkreter Anwendung und Problemlösung. Zahlreiche Studien zeigen, weshalb Serious Gaming vor allem auf die sogenannten Future Skills einzahlt. Ausführliche Einblicke und Praxisbeispiele von Gastautor Thorben Steenmanns.

Onboarding & Future Skills und die Kunst des wirksamen Lernens

Personalentwicklung und Onboarding scheitern heute nicht an der Wissensvermittlung, sondern an der Überführung von Wissen in Kompetenz, also der Fähigkeit, Wissen situativ anwenden zu können. Die aktuelle „Future of Jobs“-Studie des World Economic Forum untermauert das: Wissensvermittlung allein wird die Skill Gaps, die 63% aller ArbeitgeberInnen weltweit als größte Barriere für erfolgreiche Business Transformation benennen, nicht schließen können.

Mit dieser bewusst zugespitzten These möchte ich Sie einladen, in diesem Gastbeitrag darüber nachzudenken, wie die Lücke zwischen Wissen und Kompetenz geschlossen werden kann.

Und als wäre das nicht genug, zeigt die benannte Studie, dass rund 39% der heute vorhandenen Kompetenzen bis 2030 nicht mehr benötigt werden. Re- und Upskilling-Programme sind daher unabdingbar.

Die zentrale Frage lautet daher nicht nur: Wie gelingt es, Wissen wirksam und nachhaltig in Kompetenz zu überführen? Sondern auch: Welche Kompetenzen brauchen wir zukünftig?

YOUR HR STAGE - jetzt reinhören

Future Skills & ihre Relevanz im Hier und Jetzt

Future Skills werden oft als Vorbereitung auf eine unbestimmte Zukunft verstanden. Das greift zu kurz, denn tatsächlich sind sie längst Voraussetzung für den Arbeitsalltag vieler Organisationen im Hier und Jetzt.

Wenn Rollen sich schneller verändern als Stellenbeschreibungen, wenn Projekte interdisziplinär, agil und unter Einfluss von Unsicherheitsfaktoren stattfinden, dann stößt Fachwissen an seine Grenzen. Nicht, weil es unwichtig wäre, sondern weil es, ohne die Fähigkeit es in unterschiedlichsten Kontexten anwenden zu können, nicht handlungsfähig macht.

Aufgrund fehlender offizieller und allgemeingültiger Definitionen erfolgt an dieser Stelle ein Verweis auf die „Future Skills 2030“ des Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft e.V., in dem in fünf Kategorien differenziert wird:

  1. Grundlegende Zukunftskompetenzen (ZK)
  2. Transformative ZK
  3. Gemeinschaftsorientierte ZK
  4. Digitale ZK und
  5. Technologische ZK

wobei die Grundlegenden ZK die Basis und die Technologischen ZK die Spitze bilden.

Die erfolgskritische Rolle von Onboarding und Personalentwicklung

Wenn Future Skills heute als erfolgskritisch für 2030 gelten, stellt sich zwangsläufig eine übergeordnete Frage: Wer trägt eigentlich die Verantwortung dafür, dass diese Kompetenzen im Unternehmen entstehen?

Die Antwort liegt dort, wo Lernen systematisch gestaltet wird: im Onboarding und in der Personalentwicklung. Sie sind die Instanzen, die entscheiden, wie gelernt wird, woran gelernt wird und unter welchen Bedingungen sich Menschen Kompetenzen aneignen können. Damit tragen sie eine Schlüsselverantwortung für die Zukunftsfähigkeit von Organisationen.

Die zuvor beschriebenen Future-Skill-Dimensionen machen deutlich: Es geht längst nicht mehr nur um den Aufbau einzelner Fähigkeiten, sondern um ein Zusammenspiel der Fähigkeiten, die den Erfolg von morgen ausmachen. Diese lassen sich nicht isoliert vermitteln und auch nicht linear entwickeln. Sie entstehen dort, wo Wissen in Handlung überführt wird, z.B. beim Onboarding, wo das Gelernte erstmal in der Praxis eingesetzt wird oder wo Informationen unvollständig sind, der Zeitdruck hoch ist und Entscheidungsfähigkeit gefragt ist.

Die Gestaltung dieser Lernmomente bewegt sich dabei auf einer Skala zwischen geschützten Erfahrungsräumen, etwa Simulation oder Serious Games, und dem Handeln im realen Arbeitsalltag, in dem Entscheidungen unmittelbare reale Konsequenzen haben.

Anspruch an Onboarding und Personalentwicklung verändert sich

Genau hier verändert sich der Anspruch an Onboarding und Personalentwicklung. Ihre Aufgabe besteht nicht mehr primär darin, Inhalte bereitzustellen oder Lernangebote zu katalogisieren. Entscheidend ist vielmehr, Lernprozesse so zu gestalten, dass Mitarbeitende ihr Wissen anwenden, reflektieren und weiterentwickeln können.

Onboarding wird damit zum ersten Lernraum, in dem deutlich wird, ob Lernen als einmaliger Wissenstransfer verstanden wird oder als kontinuierlicher Kompetenzaufbau. Personalentwicklung wiederum entscheidet darüber, ob Lernen praxisfern bleibt oder systematisch an reale Herausforderungen gekoppelt wird, wie z.B. einer Entscheidung zwischen Geschwindigkeit und Qualität, Priorisieren trotz unvollständiger Informationen oder Teamkonflikte in interdisziplinären Teams.

Kompetenzaufbau durch Serious Gaming und Game-based Learning

Serious Gaming und Game-Based Learning beschreiben Lernformate, bei denen spielerische Mechaniken, wie z.B. Entscheidungen mit simulierten Konsequenzen oder Feedback in Echtzeit, und Narrativen gezielt eingesetzt werden, um konkrete Lern- und Entwicklungsziele zu erreichen.

Im Business-Kontext geht es dabei nicht um das Spiel des Spielens wegen, sondern um anwendungsorientiertes Lernen, das Verhalten, Entscheidungen und Zusammenarbeit erfahrbar macht. Häufig wird in diesem Zusammenhang auch von Serious Business Gaming gesprochen, also dem Einsatz spielbasierter Lernformate zur Entwicklung von Kompetenzen in Organisationen.

Der entscheidende Unterschied zu klassischen Trainingsformaten liegt nicht im Medium, sondern im Lernprinzip: Während traditionelle Weiterbildung Wissen vermittelt, setzen Serious Games dort an, wo Kompetenz entsteht: In der Anwendung. In spielerischer Umgebung und ohne reale Konsequenzen werden realistische Entscheidungen getroffen, unter Unsicherheit gehandelt, im Team gearbeitet und Vorgehensweisen reflektiert.

Serious Gaming adressiert Future Skills

Die zuletzt genannten Wirkprinzipien erfolgreichen Lernens werden aufmerksamen Leserinnen und Lesern vertraut vorkommen: Sie spiegeln genau jene Future Skills wider, die zuvor beschrieben wurden.

Und genau darin liegt die besondere Stärke des Lernmediums Spiel. Selbst wenn der Fokus auf fachlichen Inhalten liegt, vermitteln spielbasierte Formate – ob beabsichtigt oder nicht – stets auch überfachliche Kompetenzen.

Sie zahlen damit unmittelbar auf jene übergeordneten Herausforderungen ein, die das World Economic Forum als zentrale Hürden der Businesswelt von morgen identifiziert.

Praxisbeispiel für Serious Gaming für Cyber-Security-Schulungen

Auf der Suche nach einem treffenden Beispiel für anwendungsbasiertes Lernen lohnt sich der Blick auf ein Thema, das nahezu jedes Unternehmen betrifft, unabhängig von Branche, Größe oder Reifegrad. Cyber-Security-Schulungen. Jeder Mitarbeitende muss sie mindestens einmal jährlich absolvieren und der Unterschied zwischen Wissen und Kompetenz wird am Beispiel von Phishing-Attacken mehr als deutlich:

Wissen sagt, dass es Phishing gibt. Kompetenz entscheidet, ob der Sachverhalt gemeldet, entschärft oder das betroffene Unternehmen Opfer einer Cyberattacke mit weitreichenden Konsequenzen wird. 87% aller deutschen Unternehmen sind 2024/25 von Cyberattacken betroffen, 90% dieser Attacken wurden durch menschliches Versagen verursacht.

Serios Game „What the Hack!“

Wie der Aufbau von IT-Sicherheits-Kompetenz gelingt, zeigt exemplarisch das Serious Game „What the Hack!“ der SBG Serious Business Gaming GmbH.

Das Spiel arbeitet mit einem realitätsnahen Szenario: Ein Hacker ist in das Netzwerk der Organisation eingedrungen und versucht, schrittweise Schaden anzurichten. Die Teilnehmenden agieren aktiv innerhalb dieses Systems und übernehmen Verantwortung für Entscheidungen, Prioritäten und Reaktionen. Und das unter Zeitdruck und im Team oder einzeln.

Der Spielablauf ist rundenbasiert und folgt einer klaren Struktur. In kurzen Mini-Quests erwerben die Spielenden, digital oder analog, Ressourcen, indem sie Aufgaben lösen oder Fragen beantworten.

Anschließend werden konkrete Angriffe simuliert, die nur durch den gezielten Einsatz dieses Wissens abgewehrt werden können. In einer weiteren Phase bewegen sich die Teilnehmenden durch das Netzwerk, um den Angreifer zu lokalisieren und zu stoppen, bevor größerer Schaden entsteht oder die Spielzeit endet.

Wissen situativ anwenden als Ziel

Didaktisch steht nicht die Vermittlung technischer Details im Vordergrund, sondern die Fähigkeit, Wissen situativ anzuwenden. Aufmerksamkeit, Entscheidungsfähigkeit, Zusammenarbeit und Reaktionsschnelligkeit werden unter realistischen Bedingungen trainiert.

Cyber Security wird damit nicht erklärt, sondern erfahrbar gemacht. Dies ist ein zentrales Merkmal wirksamen Kompetenzaufbaus durch Serious Gaming.

Praxisbeispiel für Serious Gaming im Onboarding

Onboarding ist einer der sensibelsten Momente für Kompetenzaufbau. Neue Mitarbeitende treffen erstmals auf reale Aufgaben, Systeme und Erwartunge, häufig begleitet von Informationsüberfluss, Unsicherheit und der Sorge, früh Fehler zu machen. Gleichzeitig wird hier der Grundstein für spätere Handlungsfähigkeit gelegt. Genau an diesem Punkt bietet Serious Gaming einen entscheidenden Vorteil: Es schafft einen geschützten, anwendungsorientierten Lernraum zwischen Erklärung und Realität.

Onboarding Game Coin Hunt

Wie Serious Gaming im Onboarding konkret zur Handlungsfähigkeit beiträgt, zeigt das Onboarding-Game Coin Hunt von BrainRooms. Das Format setzt bewusst nicht auf lineare Wissensvermittlung, sondern auf eine interaktive Karte, die reale Organisationsstrukturen spielerisch erfahrbar macht.

Onboarding-Teilnehmende bewegen sich in Coin Hunt per Point-and-Click durch eine visuell gestaltete Map. Gebäude, Abteilungen oder Standorte lassen sich anklicken und erkunden. Hinter den einzelnen Bereichen verbergen sich Inhalte in unterschiedlichen Medienformaten, z.B. kurze Texte, Videos oder interaktive Aufgaben. So entsteht Schritt für Schritt ein Verständnis dafür, wo im Unternehmen was passiert und wie unterschiedliche Bereiche zusammenwirken.

Wissen aktiv erschließen, nicht nur konsumieren

Der spielerische Ansatz erfüllt dabei eine doppelte Funktion. Zum einen werden fachliche Inhalte nicht nur vermittelt, sondern nachhaltig verankert, weil sie in einem konkreten Kontext erlebt werden. Informationen stehen nicht isoliert nebeneinander, sondern sind räumlich, visuell und inhaltlich miteinander verbunden. Wissen wird so nicht konsumiert, sondern aktiv erschlossen.

Zum anderen fördert dieses Serious Gaming parallel jene Future Skills, die für wirksames Arbeiten im Unternehmensalltag entscheidend sind: Orientierung in komplexen Systemen, selbstgesteuertes Lernen, Entscheidungsfähigkeit und der Umgang mit Unsicherheit.

Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt Games in diesem Zusammenhang als Lernräume für Future Literacy, also die Fähigkeit, sich in komplexen, dynamischen Umfeldern zurechtzufinden, Zusammenhänge zu erkennen und handlungsfähig zu bleiben.

Genau diese Qualitäten werden auch im spielerischen Onboarding trainiert.

Serious Gaming als Bestandteil ganzheitlicher Lernstrategien

Die eingangs formulierte These lässt sich nach dieser Betrachtung klar beantworten: Die Herausforderungen, die Studien wie der Future of Jobs Report des World Economic Forum beschreiben, sind real, aber sie sind gestaltbar. Entscheidend ist, wie Organisationen Lernen verstehen und wie konsequent sie den Fokus von reiner Wissensvermittlung auf nachhaltigen Kompetenzaufbau verschieben.

Future Skills entstehen nicht isoliert und nicht durch das Erlernen einzelner Inhalte. Sie entwickeln sich dort, wo Wissen in Handlung überführt wird, wiederholt, kontextbezogen und reflektiert. Genau hier tragen Onboarding und Personalentwicklung eine Schlüsselverantwortung. Sie entscheiden darüber, ob Lernen als einmalige Informationsphase oder als kontinuierlicher Entwicklungsprozess gestaltet wird.

Mein Fazit zu Serious Gaming

Serious Gaming und Game-based Learning sind in diesem Kontext kein Allheilmittel, aber ein wirkungsvolles Instrument. Sie schaffen geschützte Lernräume, in denen fachliche Inhalte vermittelt und zugleich überfachliche Kompetenzen wie Entscheidungsfähigkeit, Kollaboration, Selbstwirksamkeit und der Umgang mit Unsicherheit gefördert werden. Damit adressieren sie genau jene Future Skills, die für die Arbeitswelt von morgen entscheidend sind.

Der Mehrwert liegt nicht im Spiel an sich, sondern im Lernprinzip dahinter: Lernen wird erfahrbar, anwendungsnah und wirksam gestaltet.

Wer Personalentwicklung und Onboarding heute zukunftsfähig aufstellen will, kommt daher nicht umhin, neue Lernformate mitzudenken. Serious Games sehe ich daher als Teil eines ganzheitlichen Lernökosystems, das den Transfer von Wissen, vor die Vermittlung von Wissen priorisiert.

Banner VIP Super Ad

Thorben Steenmanns

Thorben Steenmanns

Thorben Steenmanns berät und begleitet Unternehmen seit Jahren bei der Konzeption und Umsetzung von Serious Games und spielbasierten Lernformaten.

Seine Arbeit konzentriert sich auf die wirksame Entwicklung von Kompetenzen in den Bereichen Personalentwicklung, Onboarding, Cyber Awareness und Medienprävention.

Darüber hinaus ist er Dozent an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW), wo er mit Simulationsspielen und praxisnahen Lernformaten zu Themen wie Entscheidungsfindung, Arbeiten in komplexen Systemen und Kompetenzaufbau lehrt.

>> LinkedIn-Profil von Thorben Steenmanns

Lassen Sie uns auf LinkedIn darüber diskutieren!

  • Anzeigen:

  • Banner aimance

  • Whitepaper Einstellung zukunftsfähige Nachwuchskräfte

  • Quicklinks:

  • Entdecken Sie weitere spannende Artikel

    PERSOBLOGGER Newsletter Newsletter
    ×

    Jetzt hier zum Newsletter anmelden und auf dem Laufenden bleiben!

    Pünktlich jeden Montag um 7:15 Uhr wertvolle HR-News:

    • ✓ Aktuelle Fachartikel und Podcast-Folgen
    • ✓ Neueste HR-Studien & Infografiken
    • ✓ Zugriff auf HR-Veranstaltungen im DACH-Raum
    • ✓ Wichtige Trends und wissenswerte News

    Wir nutzen Google reCAPTCHA, um unsere Webseite vor Betrug und Missbrauch zu schützen. Mehr erfahren

    Newsletter-Anmeldung laden