Autonomie gilt als Schlüssel zur modernen Wissensarbeit. Flexible Arbeitszeiten, Remote Work, selbstorganisierte Teams: All das steht für ein neues Verständnis von Arbeit, das auf Vertrauen und Eigenverantwortung basiert. Gerade in wissensintensiven Bereichen wie der IT ist Autonomie ein zentrales Versprechen. Doch in der Praxis zeigt sich: Autonomie schützt nicht automatisch vor Überlastung. Selbstführung, also die Fähigkeit, sich so zu organisieren, dass man Ziele erreicht und produktiv arbeitet, reicht oft nicht aus, um mit dem Arbeitsalltag klarzukommen. In ihrer Dissertation hat Gastautorin Dr. Rebekka Mander untersucht, wie Selbstführung im Kontext hoher Arbeitsbelastung wirkt. Die zentrale Frage: Hilft Selbstführung dabei, auch unter Druck gesund zu arbeiten?
Wenn Selbstführung an ihre Grenzen stößt
Ein zentrales Ergebnis meiner Studie: Selbstführung entfaltet ihre Wirkung nur dann, wenn die Arbeitslast ein bewältigbares Maß hat.
Unter idealen Bedingungen kann Selbstführung hilfreich sein. Sie unterstützt zum Beispiel dabei, klare Ziele zu setzen, Arbeitszeit sinnvoll einzuteilen oder sich persönlich weiterzuentwickeln. Wenn jedoch zu viele Aufgaben in zu kurzer Zeit erledigt werden müssen, verliert Selbstführung an Wirkung.
Das zeigt sich in unserer Studie (Mander & Antoni, 2022), in der wir untersucht haben, ob Selbstführung den negativen Zusammenhang zwischen Arbeitsüberlastung und Erschöpfung abschwächen kann. Das Ergebnis: Selbstführung moderierte diesen Zusammenhang nicht signifikant. Sie konnte also nicht verhindern, dass Überlastung zu Erschöpfung führt. Besonders bei quantitativer Arbeitsüberlastung, also bei einer zu hohen Aufgabenmenge, sinkt der Einfluss selbstregulativer Fähigkeiten deutlich.
Damit wird eine weitverbreitete Annahme infrage gestellt: dass Selbstführung grundsätzlich als Lösung für die Belastungen der modernen Arbeitswelt gilt. Für Betroffene ist entlastend: Sie tragen nicht allein die Verantwortung. Ein Burnout ist kein Zeichen von Schwäche.
Gleichzeitig kann Selbstführung sehr wohl eine nützliche Fähigkeit sein, die Menschen erlernen können. Wirksam wird Selbstführung erst unter passenden Voraussetzungen. Zunächst ist es wichtig, die Wirkmechanismen von Autonomie zu verstehen.
Autonomie kann auch belasten
Autonomie bedeutet nicht automatisch mehr Spielraum. Sie kippt schnell in die Pflicht, alles zu schaffen, oft ohne klare Prioritäten, Ressourcen oder Unterstützung. Unter Zeitdruck schrumpft der tatsächliche Gestaltungsspielraum. Entscheidungen bleiben formal frei, real fehlt die Zeit, sie gut zu treffen. Verantwortung landet dann bei Einzelnen, während strukturelle Ursachen unsichtbar bleiben.
In Entwicklungsprojekten zeigt sich das besonders deutlich: Anforderungen ändern sich, Deadlines bleiben, Erwartungen steigen nach Erfolgen weiter. Teams sollen sich selbst organisieren, arbeiten jedoch in einem Umfeld, das die Bedingungen entzieht, unter denen Selbstorganisation gelingen kann.
Aktuelle Stressforschung (u. a. Demerouti) zeigt: Es geht nicht nur um weniger Anforderungen, sondern um besser gestaltete.
Optimizing Demands heißt: klare Ziele, sinnvolle Struktur und passende Entscheidungsspielräume. Wirksam wird das nur, wenn es strukturell gewollt und kulturell getragen ist. Eine sinnvolle Struktur ist abhängig von der Organisation. Jedoch habe ich aus meiner Erfahrung einige Beobachtungen gemacht, die in der Praxis häufig wiederkehren. Wichtig für eine sinnvolle Struktur sind: Priorisieren, transparent machen, Wertbeitrag klären und eine positive Zusammenarbeit ermöglichen.
Was Organisationen konkret tun können
Wenn Selbstführung nicht ausreicht, um die Anforderungen hoher Autonomie und Zeitdruck zu bewältigen, braucht es andere Strategien. Aus meiner Beratungspraxis weiß ich: Es gibt konkrete Möglichkeiten, mit denen Organisationen tragfähige Autonomie ermöglichen können, ohne Mitarbeitende zu überfordern. Pauschallösungen greifen selten.
Die folgenden Ansatzpunkte dienen als Inspiration und wirken am besten mit begleitender Organisationsentwicklung. Besonders in der IT und anderen wissensintensiven Bereichen sind folgende vier Punkte hilfreich:
1. Priorisierung ermöglichen und „Nein“-Sagen enttabuisieren
Wenn alles wichtig ist, bleibt vieles liegen. Mitarbeitende brauchen klare Kriterien und Rückendeckung für Entscheidungen: Was hat Priorität, was kann warten, was wird gestrichen? Ein „Nein“ kann ein verantwortungsvoller Beitrag zur Qualität sein.
In agilen Kontexten wie Scrum nimmt Priorisierung eine zentrale Rolle ein und funktioniert dort oft erstaunlich gut. Der Product Owner trägt die Verantwortung dafür, Anforderungen zu priorisieren. Damit das gelingt, braucht es ein gutes Verständnis der fachlichen Anforderungen (Requirements Engineering) und die Fähigkeit, verschiedene Interessen und Perspektiven zu balancieren.
Die Reihenfolge ergibt sich nicht zufällig, sondern ist Ergebnis von Klärung, Aushandlung und Entscheidung. Genau das fehlt in vielen anderen Arbeitskontexten. Dabei lässt sich das Prinzip übertragen: Eine klare Entscheidungsinstanz, die Prioritäten transparent macht und damit Raum schafft, Dinge bewusst nicht zu tun.
2. Transparenz ermöglichen, um Komplexität beherrschbar zu machen
In komplexen Arbeitsumfeldern ist Transparenz kein „Nice to have“, sondern eine Voraussetzung dafür, dass Zusammenarbeit überhaupt funktionieren kann. Gerade in der Wissensarbeit entstehen Belastungen häufig nicht durch das, was sichtbar ist, sondern durch das, was im Verborgenen liegt: widersprüchliche Anforderungen, Abhängigkeiten zwischen Teams oder Aufgaben, deren Auswirkungen nicht klar kommuniziert werden.
Komplexität bedeutet: Es gibt zu viele Wechselwirkungen, um alles gleichzeitig im Blick behalten zu können. In solchen Situationen hilft Transparenz, Orientierung zu schaffen, nicht durch Kontrolle, sondern durch geteiltes Wissen. Wenn alle verstehen, woran gearbeitet wird, was gerade blockiert ist und wie die eigene Arbeit in den Gesamtkontext eingebettet ist, sinkt die Wahrscheinlichkeit von Doppelarbeit, Missverständnissen oder unnötigem Druck.
Ein wirksames Mittel dafür ist die Visualisierung von Arbeit in einem gemeinsam genutzten Übersichtssystem, zum Beispiel mit Spalten oder Kategorien, die den Fortschritt von Aufgaben abbilden. So wird sichtbar, was gerade in Arbeit ist, was stockt und was abgeschlossen wurde. Solche einfachen Darstellungen helfen nicht nur im Team, sondern auch über Abteilungsgrenzen hinweg. Wer sehen kann, wie viel schon läuft, versteht schneller, warum neue Aufgaben warten müssen und erkennt, wo Unterstützung gebraucht wird. Das schafft Klarheit und reduziert unnötigen Abstimmungsaufwand.
Wenn diese Visualisierung direkt in den Arbeitsalltag integriert ist, entsteht kein zusätzlicher Aufwand. Im Gegenteil: Die Sichtbarkeit der Arbeit wirkt entlastend für alle, die mit ihr zu tun haben.
3. Fokus auf Wertschöpfung lenken
Wenn Zeitdruck und Autonomie zusammenkommen, wird Effektivität zur entscheidenden Größe. In der Praxis heißt das: Nicht jede Aktivität ist es wert, getan zu werden, auch wenn sie Routine ist, seit Jahren etabliert oder von außen erwartet wird. Die zentrale Frage lautet daher besser: „Warum tun wir das eigentlich?“
In der Wissensarbeit sind es oft nicht die großen Projekte, die ausufern, sondern die vielen kleinen Selbstverständlichkeiten. Reports, die niemand liest. Meetings, die aus Gewohnheit stattfinden. Prozesse, die keinen erkennbaren Beitrag mehr leisten. Wer hier ansetzt, braucht den Mut, scheinbar Bewährtes zu hinterfragen. Genau darin liegt der Schlüssel zur Wirksamkeit.
Dieser Gedanke hat seine Wurzeln im Lean-Ansatz, also im gezielten Beseitigen von Verschwendung. Was keinen Wert erzeugt, wird gestrichen oder verändert. Es geht nicht um Effizienz im Sinne von mehr in weniger Zeit, sondern um Wirksamkeit: das Richtige tun.
In Organisationen, die dies verinnerlicht haben, wird regelmäßig überprüft, ob der Aufwand noch im Verhältnis zum Nutzen steht. Nicht alles, was wir tun, ist auch notwendig. Und genau darin steckt enormes Entlastungspotenzial für das gesamte System.
4. Echten Dialog ermöglichen
Wer beginnt, die eigene Arbeit auf ihren tatsächlichen Beitrag zur Wertschöpfung zu prüfen, wird schnell auf Spannungen stoßen: unterschiedliche Interessen, unausgesprochene Zielkonflikte, politische Reibungen. Diese Spannungen verschwinden nicht, wenn man sie ignoriert. Sie wirken im Verborgenen weiter, blockieren Entscheidungsprozesse und frustrieren Mitarbeitende.
Deshalb braucht es Räume, in denen solche Themen offen angesprochen werden können. Nicht in Form von endlosen Meetings oder reiner Symptombewältigung, sondern durch gezielte Formate, die echte Klärung ermöglichen.
Das setzt eine konstruktive Kommunikationskultur voraus. Zuhören, ohne sofort zu werten, Konflikte verstehen, statt sie zu vermeiden, und gemeinsam nach tragfähigen Lösungen suchen. Psychologische Sicherheit ist dafür kein „Nice to have“, sondern die Grundlage, auf der belastbare Zusammenarbeit entsteht. Denn Arbeit in komplexen Umgebungen mit hohem Druck kann vor allem dann bewältigt werden, wenn viele Ressourcen zur Verfügung stehen: eine positive Atmosphäre, Unterstützung, Anerkennung und ein Wir-Gefühl.
In der Realität habe ich schon häufig erlebt, dass Konflikte ignoriert wurden, bis sie eskaliert sind. Das Ergebnis sind Frust und eine negative Arbeitsatmosphäre. Dabei ist es möglich, anders damit umzugehen. Durch echtes Zuhören, klare Moderation und die Bereitschaft, auch schwierige Dinge zur Sprache zu bringen. Konflikte können sogar eine Chance zur Weiterentwicklung sein, wenn sie konstruktiv geführt werden.
Und was bedeutet das für Selbstführung?
Selbstführung bleibt ein zentrales Element moderner Wissensarbeit. Sie braucht den passenden Boden. Erst wenn die Arbeitslast bewältigbar ist, Prioritäten geklärt sind und echte Entscheidungsspielräume existieren, kann Selbstführung ihre Wirkung entfalten. Dann wird es möglich, sich eigene Ziele zu setzen, Zeit bewusst zu strukturieren, das eigene Verhalten zu reflektieren und Verantwortung für das eigene Arbeiten zu übernehmen.
Selbstführung ist kein Ersatz für strukturelle Veränderungen, sondern eine sinnvolle Ergänzung, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Organisationen, die das verstehen, schaffen eine Form von Autonomie, die nicht überfordert, sondern stärkt. Das verbessert Zusammenarbeit und Produktivität spürbar. Es unterstützt auch die psychische Gesundheit der Mitarbeitenden und macht das Unternehmen langfristig attraktiver für Menschen, die mitdenken und mitgestalten wollen.








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