Sabbatical

Sabbatical als Benefit: Das unterschätzte HR-Instrument

Ist ein Sabbatical eine notwendige Maßnahme im Bereich Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM), ein Benefit im Rahmen von Employer Branding und Recruiting oder nur ein Nice-to-Have New Work Gimmick? Gastautorin Nina Kuhlmann hat dazu eine klare Meinung und kann als Expertin aus der Praxis berichten.

Maßnahmen im Bereich Gesundhaltung werden essentiell

Der Fach- und Führungskräftemangel nimmt weiter zu. Gleichzeitig steigen die Erwartungen der Arbeitnehmenden an Flexibilität, Sinn in der Arbeit und einem ausgeglichenen Leben. Psychische Erkrankungen erreichen ein Rekordhoch. Laut AOK-Fehlzeiten-Report 2024 sind die Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Erkrankungen seit 2014 um knapp 47% gestiegen.

Als HR-Verantwortliche:r oder Entscheider:in sind Ihnen diese oder ähnliche Zahlen sicher nicht fremd. In dieser angespannten Situation stellt sich eine entscheidende Frage: Was passiert eigentlich, wenn Ihre wertvollsten Fach- und Führungskräfte einfach kündigen, weil sie eine Auszeit brauchen?

Genau hier liegt eine oft übersehene Chance. Denn Unternehmen, die dem Fachkräftemangel und den steigenden Auszeit-Bedürfnissen ihrer Mitarbeitenden proaktiv begegnen, verschaffen sich einen echten Wettbewerbsvorteil. Der Schlüssel liegt in attraktiven Benefits und einem wirkungsvollen Betrieblichen Gesundheitsmanagement.

Eine Maßnahme, die dabei bisher unterschätzt wird, ist das Sabbatical.

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Was ist ein Sabbatical wirklich?

Ein Sabbatical ist eine geplante berufliche Auszeit von mindestens zwei Monaten.

Der Begriff Sabbatical stammt aus dem Hebräischen (schabbat = „aufhören, ruhen“) und geht auf das biblische Sabbatjahr zurück: „Sechs Jahre kannst du in deinem Land säen und die Ernte einbringen; im siebten sollst du es brach liegen lassen“ (Exodus 23,10-11).

Meine langjährigen Erfahrungen als Fach- und Führungskraft im Konzern und besonders als Sabbatical Coach und Beraterin zeigen mir immer wieder: Der Begriff Sabbatjahr ist irreführend. Die meisten Sabbaticals sind deutlich kürzer als ein ganzes Jahr.

In der Praxis werden meist drei bis sechs Monate genommen. Beschäftigte nutzen die Zeit individuell: zur Regeneration nach stressigen Phasen, für Weiterbildung und neue Qualifikationen, zum Reisen und Entdecken oder für ehrenamtliches Engagement.

Auf welche Arten können Sabbaticals umgesetzt werden?

Es gibt sicher mehr Möglichkeiten, doch die häufigsten Arten sind folgende:

Sabbatical während des Arbeitsverhältnisses: Die Auszeit erfolgt in Absprache mit dem aktuellen Arbeitgeber. Das Arbeitsverhältnis bleibt bestehen, der Arbeitsvertrag ruht temporär. Nach der vereinbarten Zeit kehren die Mitarbeitenden auf den alten oder einen gleichwertigen Arbeitsplatz zurück. Dieses Modell bietet Planungssicherheit für beide Seiten.

Sabbatical als Pause zwischen Jobs: Hier wird das aktuelle Arbeitsverhältnis beendet, bevor die Auszeit beginnt. Die berufliche Pause liegt zwischen dem alten und einem neuen Arbeitgeber. Diese Variante bietet maximale Flexibilität und benötigt in den meisten Fällen eine ordentliche Portion Mut, sollte vor der Kündigung noch kein neuer Arbeitsvertrag unterschrieben sein.

Für Unternehmen ist besonders das erste Modell interessant, da eine Rückkehr in den meisten Fällen gewünscht wird.

Doch der Elefant im Raum bleibt:
Warum sollten Unternehmen überhaupt Sabbaticals anbieten?

Welche Vorteile bringen Sabbaticals Unternehmen?

Viele Arbeitgeber betrachten Sabbaticals als Kostenfaktor und übersehen dabei die strategischen Vorteile. Aus meiner Beratungspraxis weiß ich: Richtig eingesetzt, können sich Sabbaticals zu einem wertvollen Instrument der Personalstrategie entwickeln.

  1. Steigerung der Mitarbeiterbindung

Statt zu kündigen, wählen Beschäftigte die Auszeit und bleiben Ihrem Unternehmen langfristig erhalten. Das Vertrauen zwischen Organisation und Angestellten durch ein Sabbatical-Angebot erhöht Dankbarkeit, Loyalität und Engagement nachhaltig. Oder von der anderen Seite betrachtet, fragen Sie sich: Was kostet Sie die Kündigung einer Fach- oder Führungskraft und der Rattenschwanz, der hinten dran hängt mit Recruiting, Einarbeitung und des Produktivitätsverlust während der Vakanz?

  1. Prävention psychischer Erkrankungen

Psychische Erkrankungen haben sich zu einem ernsten Kostenfaktor entwickelt, da sie mit besonders langen Ausfallzeiten einhergehen. Mitarbeitende mit psychischen Erkrankungen fehlten laut AOK-Fehlzeiten-Report 2024 durchschnittlich 28,1 Tage pro Erkrankungsfall. Bei Atemwegserkrankungen sind es dagegen nur 6,1 Tage.

Aus eigener Erfahrung weiß ich: Mein Burnout hätte ich mit einem rechtzeitigen Sabbatical vermeiden können. Sabbaticals können helfen, Burnout vorzubeugen und die psychische Gesundheit Ihrer Belegschaft zu stärken. Aufmerksame Führungskräfte können im persönlichen Gespräch mit der betreffenden Person eine Auszeit zur Regeneration auch aktiv anbieten.

  1. Erhöhung der Arbeitgeberattraktivität

Firmen, die Sabbaticals anbieten, positionieren sich als moderne, attraktive Arbeitgeber und können leichter neue Talente, Fach- und Führungskräfte gewinnen. Es ist eine starke Maßnahme im Employer Branding. Besonders in Rekrutierungsgesprächen wird dieser Benefit von Bewerbern sehr geschätzt. Meist ist er an eine entsprechende Betriebszugehörigkeit geknüpft. Ob die Auszeit tatsächlich genutzt wird, ist die andere Frage. Manchmal ist es einfach nur das schöne Gefühl…“ich könnte, wenn ich wollte“.

  1. Förderung von Innovation und Produktivität

Studien zeigen, dass Teammitglieder nach einem Sabbatical oft motivierter und produktiver sind. Neue Ideen und Betrachtungsweisen aus der Auszeit können innovative Impulse für Ihre Organisation setzen.

Drei praxistaugliche Finanzierungsmodelle

Zur Durchführung eines Sabbaticals können folgende Modelle eingeführt und angeboten werden:

  1. Langzeitarbeitskonto: Das bewährteste Modell ermöglicht das Ansparen von Arbeitszeitguthaben für eine längere bezahlte und sozialversicherte Freistellung. Angestellte können Überstunden, Urlaub- oder Weihnachtsgeld oder Provisionen ansammeln. Dieses Modell ist rechtlich gut abgesichert und wird bereits von vielen Großunternehmen erfolgreich praktiziert.
  2. Teilzeitmodell: Beschäftigte arbeiten beispielsweise drei Jahre in Vollzeit, erhalten aber nur 75% des Gehalts. Die restlichen 25% werden für das vierte Jahr als Sabbatical angespart. Vorteil: kontinuierliche Gehaltszahlung und durchgängige Sozialversicherung.
  3. Unbezahlter Urlaub: Der Arbeitsvertrag ruht temporär ohne Gehaltszahlung oder Sozialversicherung durch den Arbeitgeber. Die Mitarbeitenden müssen sich selbst versichern und die Auszeit komplett aus eigenen Mitteln finanzieren. Vorteil: hohe Flexibilität. Nachteil: finanzielle Unsicherheit.

Wichtig zu verstehen: Keines der drei Modelle verursacht zusätzliche Kosten für das Unternehmen. Die Auszeit wird entweder durch vorher angesparte Arbeitszeit und Gehaltsanteile finanziert oder erfolgt unbezahlt.

Mit dem richtigen Finanzierungsmodell haben Sie einen wichtigen Meilenstein erreicht.
Entscheidend ist auch, wie Sabbaticals im Unternehmen etabliert und gelebt werden.

Fünf Tipps für die richtige Einführung von Sabbaticals

Die erfolgreiche Einführung von Sabbaticals erfordert mehr als nur die rechtliche Verankerung im Arbeitsvertrag oder einer Betriebsvereinbarung.

  1. Die richtige Haltung gegenüber der Belegschaft

Das Sabbatical-Bedürfnis der Mitarbeitenden sollten Sie ernst nehmen, auch wenn Sie selbst den Wunsch nicht nachvollziehen können. Ihr Verständnis stärkt das Vertrauen und die Loyalität der Beschäftigten.

  1. Sabbatical-Kultur einführen und Führungskräfte einbinden

Alle Management-Ebenen sollten für den neuen Mitarbeiter-Benefit sensibilisiert werden. Führungskräfte sollten verstehen, dass Sabbaticals strategische Investitionen in Mitarbeitergesundheit und -bindung darstellen. In meinen Workshops sehe ich immer wieder, wie Vorbehalte abgebaut werden und wie einfach es ist eine gemeinsame Lösung zu finden, wenn der Wille da ist.

  1. Proaktives Angebot

Das höchste der Gefühle ist, dass Sie Sabbaticals aktiv als Teil Ihres Benefit-Pakets anbieten und klar kommunizieren. Ein proaktives Angebot zeigt den Teammitgliedern, dass Sie es ernst meinen und kein Employer-Branding-Benefit-Washing betrieben wird. Kommunizieren Sie klar die Rahmenbedingungen und machen Sie das Angebot für eine bestimmte Zielgruppe oder alle Mitarbeitenden zugänglich.

  1. Sabbatical-Modelle und Richtlinien entwickeln

Es braucht einen angemessenen Mix aus klaren Rahmenbedingungen, individueller Gestaltung und minimaler Bürokratie. Die Richtlinien sollten unterstützen, nicht behindern. Neben dem Finanzierungsmodell sollten beispielsweise Parameter wie Auszeit-Dauer, Vorlaufzeiten für die Beantragung und Rückkehrmodalitäten definiert sein.

  1. Strukturierte Übergangsprozesse etablieren

Eine sorgfältige Vorbereitung der Auszeit und eine durchdachte Rückkehrplanung sind entscheidend für den Erfolg. Ein strukturiertes Übergabeverfahren erleichtert die Vertretungsregelung und schafft Vertrauen bei allen Beteiligten. Gleichzeitig bildet eine professionelle Vorbereitung die Grundlage für einen reibungslosen Wiedereinstieg nach dem Sabbatical.

Fazit

Sabbaticals sind mehr als ein „nice to have“ – sie sind ein Ausdruck einer neuen Arbeitskultur. Für Sie als HR-Verantwortliche oder Entscheider:in bedeutet das: proaktiv handeln, Strukturen schaffen und Angebote etablieren.

Die Wirkung: höhere Bindung, mehr Motivation, gesteigerte Arbeitgeberattraktivität und präventive Wirkung gegen die steigenden psychischen Erkrankungen im Arbeitsumfeld.

Starten Sie jetzt und etablieren Sie Sabbaticals in Ihrem Unternehmen. Bei der strategischen Beratung und der operativen Umsetzung unterstütze ich Sie gerne. Ihre Mitarbeitenden werden es Ihnen danken. Sabbaticals sind kein Kostenfaktor, sondern eine Investition in das, was wirklich zählt: die Mitarbeitenden, das Herzstück Ihres Unternehmens.

Eine letzte Frage an Sie: Haben Sie selbst auch schon mal den Gedanken gehabt, eine Auszeit zu nehmen?

Seien Sie mutig und gönnen Sie sich Ihre Auszeit, die Sie schon so lange verdient haben.
Sie und Ihr Arbeitgeber werden davon profitieren.

Podcast zum Thema Sabbatical

Hören Sie die Podcast-Folge Klartext HR #137 zum Thema Sabbatical für weitere Einblicke ins Thema:

Praktische Hilfe für den Start

Eine kostenlose Sabbatical-Checkliste mit den ersten 10 Schritten zur erfolgreichen Umsetzung gibt es auf www.mutivatorin.com.

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Nina Kuhlmann

Nina Kuhlmann

 

Nina Kuhlmann ist Sabbatical-Expertin und bringt eine einzigartige 360-Grad-Perspektive mit: 13 Jahre Konzernerfahrung als Fach- und Führungskraft bei IKEA, mehrere eigene Sabbaticals inklusive Weltreisen und eine intensive Burnout-Erfahrung. Heute coacht sie Menschen bei der Vorbereitung und Umsetzung ihrer beruflichen Auszeit, unterstützt Unternehmen bei der strategischen Einführung von Sabbatical-Programmen und inspiriert als Keynote-Speakerin.

Ihr Motto: „Das Leben ist zu kurz für irgendwann!“

>> LinkedIn-Profil von Nina Kuhlmann

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