Im Land der KI-Skepsis

Wie steht HR-Deutschland eigentlich zu KI? Gastautor Thorsten Rusch hat dafür einen Begriff: „KI-Skepsis“. Was dahintersteckt, welche Ansatzpunkte jetzt erfolgsversprechend sind und wie Sie es als HR-Verantwortliche besser machen, erfahren Sie in seinem Artikel.

Google, Amazon und Microsoft – die internationalen Player in Sachen Cloud-Computing sitzen allesamt auf der anderen Seite des großen Teiches und haben erst kürzlich viele Neuerungen für ihre jeweiligen Dienste vorgestellt. Deutsche Anbieter spielen international hingegen kaum eine Rolle. Der Grund dafür liegt in einem Versäumnis, drei Dekaden in der Vergangenheit. Als in den 1990er Jahren Cloud-Computing aufkam, wurde hierzulande gezögert. Es war ein Zögern, das Deutschland viel ungenutztes Potenzial und einen Rückstand beschert hat, der bis heute nicht aufgeholt werden kann.

Nicht nur hinkt Deutschland bei der Erforschung und Nutzung digitaler Technologie nach wie vor deutlich hinterher, auch die Ausgaben deutscher Unternehmen fielen in den letzten Jahren gering aus: Bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt gaben hiesige Unternehmen 2022 nur 1,4% – und damit genauso viel wie bereits 2019 – für IT-Investitionen aus. Um den Rückstand aufzuholen, müssen die IT-Investitionen in Deutschland auf das Doppelte oder Dreifache steigen, warnt eine Studie der staatlichen Förderbank KfW.

Technologie-Skepsis bremst Fortschritt – damals wie heute. Dieser Tage ist es Künstliche Intelligenz (KI), die aus unserem Leben und auch unserer Arbeitswelt nicht mehr wegzudenken ist. Unternehmen sämtlicher Branchen nutzen sie mittlerweile tagtäglich. Doch die Deutschen zögern auch jetzt. Die Zahlen sprechen hierbei eine deutliche Sprache: Laut einer aktuellen internationalen Studie der University of Melbourne lässt Deutschland unter 47 Nationen bei der Frage nach Vertrauen in KI lediglich seine Nachbarn aus Frankreich und den Niederlanden sowie Australien und Japan hinter sich.

In der HR-Praxis wird das besonders spürbar. Lediglich drei Prozent der hiesigen Abteilungen nutzen bislang KI-gestützte Analysen im Recruiting. Dabei sind die Potenziale längst bekannt und verfügbar.

Die Frage, ob KI in der deutschen HR-Welt ankommt, stellt sich gar nicht mehr, sondern nur die Frage nach dem Wann und dem Wie.

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Keine Zeit, zu warten

Der Handlungsbedarf ist offensichtlich. Bis zum Jahr 2026 müssen laut Prognosen rund 40 Prozent der Beschäftigten neue Fähigkeiten erlernen, um den Anforderungen einer sich rapide wandelnden Arbeitswelt gerecht zu werden. Doch vielerorts fehlt der strategische Hebel, um diese Entwicklung aktiv zu steuern. In der Folge klafft eine immer größere Lücke zwischen den vorhandenen Kompetenzen und den benötigten Fähigkeiten – kurz: eine Workforce Readiness Gap. Diese Kluft hat direkte Auswirkungen auf die Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen.

Wer jetzt nicht mitzieht, riskiert im globalen Vergleich weiter ins Hintertreffen zu geraten. Gleichzeitig zeigt der Blick auf internationale Märkte Wege, diese Lücke zu schließen. Besonders im Bereich der Lern- und Entwicklungskultur bieten KI-gestützte Lösungen enorme Chancen.

Sie ermöglichen es, Lernprozesse individueller, flexibler und zielgerichteter zu gestalten. Während klassische Weiterbildung oft im Gießkannenprinzip erfolgt, erlaubt der Einsatz von KI eine deutlich präzisere Förderung von Kompetenzen und Talenten.

KI-Fähigkeiten nutzen

KI kann Mitarbeiter:innen maßgeschneiderte Lerninhalte vorschlagen, die zu ihrem aktuellen Kompetenzprofil und den strategischen Zielen des Unternehmens passen. Mittels KI werden vorhandene Fähigkeiten sichtbar gemacht und Potenziale identifiziert, die bislang im Verborgenen lagen. Darüber hinaus unterstützt sie Mitarbeitenden entlang ihres gesamten Karrierewegs vom Onboarding über  Weiterbildung bis hin zur gezielten Karriereplanung.

Als Ergebnis entsteht eine dynamische Lernkultur, die weit über klassische HR-Instrumente hinausgeht und zum strategischen Treiber der Unternehmensentwicklung wird. Dabei geht es nicht um technologische Spielereien, sondern eine fundamentale Neuausrichtung der Lernkultur.

Unternehmen, die diesen Schritt aktiv gestalten, verschaffen sich einen klaren Wettbewerbsvorteil. Sie können nicht nur schneller auf Veränderungen reagieren, sondern auch die Innovationskraft ihrer Belegschaft gezielt fördern. In Zeiten, in denen disruptive Entwicklungen in immer kürzeren Zyklen auf den Markt treffen, wird diese Fähigkeit zum entscheidenden Erfolgsfaktor.

Mehr KI wagen

Doch wie gelingt dieser Wandel in der Praxis? Eine wesentliche Voraussetzung ist der Mut, sich von alten Denkmustern zu lösen. Gerade im deutschen Mittelstand ist die Angst vor Kontrollverlust und die Sorge um Themen wie Datenschutz und Compliance noch immer stark ausgeprägt. Dabei zeigen internationale Beispiele, dass diese Herausforderungen lösbar sind. Vorausgesetzt, man begegnet ihnen mit einer klaren Strategie und einer offenen Haltung gegenüber neuen Technologien.

Nicht zu vernachlässigen ist die enge Verzahnung von Technologie und Unternehmenskultur. KI entfaltet ihr Potenzial nur, wenn sie nicht isoliert in einzelnen Systemen eingesetzt wird, sondern zum integralen Bestandteil einer lernenden Organisation wird. Das erfordert eine aktive Einbindung der Führungskräfte, eine transparente Kommunikation gegenüber den Mitarbeitenden und die Bereitschaft, neue Formen des Lernens zuzulassen.

Der Erfolg solcher Initiativen zeigt sich nicht nur in klassischen HR-Kennzahlen, sondern auch in der Gesamtperformance von Unternehmen. Organisationen mit einer starken Lernkultur sind innovativer, anpassungsfähiger und resilienter. Sie können neue Technologien schneller adaptieren, neue Geschäftsmodelle entwickeln und sich so proaktiv im Wettbewerb positionieren.

Den Letzten beißen die Hunde

Während globale Wettbewerber ihre Lernkulturen bereits konsequent auf KI-Nutzung ausrichten, besteht im deutschen Markt noch erheblicher Nachholbedarf. Wer jetzt zögert, riskiert verpasstes Potenzial, langanhaltende Wettbewerbsnachteile und eine mühsame Aufholjagd, von der niemand weiß, ob sie je zu einem erfolgreichen Ende findet. Der Handlungsdruck ist bereits heute hoch, sodass es an den Unternehmen ist, Veränderung aktiv zu gestalten.

Die technologische Reife von KI-Lösungen im Bereich Learning & Development ist inzwischen so weit fortgeschritten, dass konkrete Projekte schnell umsetzbar sind. Entscheidend ist, dass Unternehmen hierzulande jetzt den ersten Schritt machen, bevor der Druck von außen zu groß wird.

Sinnvoll ist es, hierfür zunächst Leuchtturmprojekte zu identifizieren, bei denen der Nutzen von KI-gestützten Lernprozessen schnell sichtbar wird. Ansatzpunkte hierfür sind mitunter das Onboarding neuer Mitarbeiter:innen oder die gezielte Entwicklung von Führungskräften. In diesen Bereichen lassen sich messbare Erfolge erzielen, die wiederum die Akzeptanz im Unternehmen fördern und den Boden für eine breitere Skalierung bereiten.

Darüber hinaus ist es wichtig, die Einführung von KI-basierten Lernlösungen als strategisches Vorhaben zu begreifen, nicht als isoliertes IT-Projekt. Hier sind insbesondere HR-Verantwortliche gefordert, gemeinsam mit der Unternehmensleitung eine klare Vision für die Zukunft der Lernkultur zu entwickeln und diese konsequent in die das Unternehmen zu tragen.

Der Wandel ist unausweichlich. Bleibt die Frage, ob Deutschland den Mut hat, ihn aktiv zu gestalten, bevor er sich in der Rolle des skeptischen Nachzüglers wiederfindet. Die Zeit, das Feld von hinten aufzurollen, ist jetzt.

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Thorsten Rusch

Thorsten Rusch

 

Thorsten Rusch ist Director Solution Consulting für DACH, Nord- und Osteuropa bei Cornerstone. Mit über 17 Jahren Erfahrung im HR-Tech Berich und angetrieben von seiner Leidenschaft für Innovation arbeitet Thorsten eng mit funktionsübergreifenden Teams zusammen und engagiert sich für die Gestaltung der Zukunft von HR durch die Integration von KI in seinen Beratungsansatz.

>> LinkedIn-Profil von Thorsten Rusch

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