Coaching-Hochstapler erkennen: Praxistipps

Wie Sie Coaching-Hochstapler erkennen – Praxistipps

Alexander Brungs zeigt auf, wie Personalentscheider:innen erkennen können, ob sie es mit seriösen und erfahrenen Dienstleistern zu tun haben oder vielleicht doch Gefahr laufen, einem Coaching-Hochstapler auf den Leim zu gehen.

Flut selbsternannter HR-Fachleute

Wussten Sie, dass mittlerweile weit über 50.000 Personen in Deutschland ihre Dienste als Coach anbieten? Allerdings nur etwa ein Viertel davon verfügt über eine Coaching-Ausbildung und Arbeitsgrundlagen, die anerkannten professionellen Standards entsprechen. Auf jeden qualifizierten Coach kommen also drei Coaches, die nicht transparent und glaubhaft darlegen können, dass sie hinreichende Standards der Berufsausübung erfüllen!

Ob Beraterinnen, Coaches oder Headhunter: Auch die HR-Welt bietet ein breites Spektrum an Dienstleistungen. Doch während manche Akteure mit einer schier unglaublichen Fülle an Know-how und Referenzen aufwarten, ernennen sich andere schlichtweg selbst zu bestqualifizierten HR-Fachleuten. Manchmal sind sie schlicht Coaching-Hochstapler.

Wie ist das überhaupt möglich?

Da der Begriff Coach in Deutschland keine geschützte Berufsbezeichnung ist, kann sich Jede und Jeder Coach nennen. Im rasant wachsenden Online-Coaching-Markt ist es leichter als je zuvor, auch mit wenig Substanz, aber großen Versprechungen erfolgreich zu sein. Beispielsweise dank eines „smarten“ Internet-Auftritts.

Coaching-Interessierte, Klientinnen und Klienten oder auch Verantwortliche für Personalentwicklung erwarten aber wesentlich mehr als glänzende Verpackungen. Dies stellt eine potenzielle Zusammenarbeit vor Herausforderungen. Wie also sinnvoll einschätzen, ob die schillernde Selbstdarstellung von Anbietern mit der Wirklichkeit Schritt halten kann?

Häufige Warnsignale, auf die Sie achten sollten

Es gibt eine Reihe von typischen Warnsignalen, wenn es darum geht, geeignete Dienstleister im Coaching aus der Masse herauszufiltern.

Contracting vorab klären

Ohne einen Vertrag, der die Rahmenbedingungen klar regelt, ist eine seriöse Zusammenarbeit zwischen Coach und Coachee, oftmals die Personalabteilung eines Unternehmens, nicht möglich. Dieser sollte sowohl Coachee als auch Coach oder einem gegebenenfalls beteiligten dritten Auftraggeber nicht ohne Nachteil die (vorzeitige) Beendigung des Coachingprozesses erlauben.

Der Vertrag schafft für die beteiligten Parteien Klarheit und Transparenz, hält allgemein Ausgangssituation und Ziel des Prozesses sowie die voraussichtliche Dauer fest. Darüber hinaus regelt er die Art der Bezahlung. Vorauszahlungen sind nicht üblich und oft Hinweis auf zweifelhafte Geschäftspraktiken.

Fragwürdige Qualifikation(en)

Der deutsche Coachingmarkt ist schwer zu überblicken. Coaching ist kein geschützter Begriff, sodass unterschiedlichste Angebote unter diesem Label firmieren. Qualifizierte Coaches haben kein Problem damit, Personalentwicklungsmaßnahmen wie Trainings, Organisationsentwicklungsformate oder gar Therapien von Coaching abzugrenzen und ihr eigenes Vorgehen zu erläutern.

Ihr methodisches Wissen und die zugehörige Praxis haben sie in plausibel belegbaren, coachingspezifischen Ausbildungsgängen erworben und entwickeln es nachvollziehbar kontinuierlich weiter. Vage Formulierungen oder pseudotheoretische, selbstreferentielle Begrifflichkeit, Betonung einer angeblichen völligen Neuartigkeit der „Methode“ oder wiederkehrende Forderungen nach mehr „Offenheit“ bzw. die Behauptung, es stünden einem sichtbaren Fortschritt leider noch zu überwindende „Glaubenssätze“ im Wege, deuten eher auf ein bestimmtes Geschäftsmodell als auf sinnvolles Coaching hin.

Lösung für jedes Problem mit Erfolgsgarantie

Manche Coaches behaupten, wahre Zauberer zu sein. Das klingt verlockend, ist aber unrealistisch. Coaching ist keine Wunscherfüllungsmaschine. Und nicht jedes Problem ist durch Coaching zu bewältigen.

Der Erfolg eines Coachingprozesses bemisst sich nicht daran, dass ein ganz bestimmtes, zuvor festgelegtes Ergebnis erzielt wird, sondern daran, dass das im Prozess erarbeitete Ergebnis sich als förderlich für die Coachees und bestenfalls auch für die auftraggebende Institution erweist.

Resultatgarantie ist ausgeschlossen und das Versprechen auf 100 Prozent Erfolg in der Erreichung bestimmter Ziele ist nicht seriös!

Zur Sicherheit: Qualitätskriterien und Verbandszertifizierungen

Klare und handhabbare Qualitätskriterien sind für eine zielführende Einschätzung und zum sinnvollen Vergleich von Angeboten ein Muss. In einem dynamischen Markt ist man in Unternehmen aber nachvollziehbarerweise nicht immer sicher, was die Beurteilung von Kompetenzen und Referenzen betrifft.

In der Geschäftsstelle des DCV gehen dann immer wieder Anfragen ein, in denen Fragen zu bestimmten Methoden und auch geschäftlichen Gepflogenheiten gestellt werden. Gute Verbände verfügen über Ethik- bzw. Compliance-Richtlinien, auf deren Einhaltung sich alle Mitglieder verpflichten. Diese sind auch allen Interessentinnen und Interessenten zugänglich.

In jedem Fall sind für die Aufnahme in den Verband, vor allem aber für die bestimmten Qualifizierungen, Erfahrungen und Kompetenzen nachzuweisen, die nach klaren Kriterien geprüft werden, worüber ebenfalls frei informiert wird. Im Unterschied zu Zertifikaten, die mit Abschluss einer Ausbildung oder Aufnahme in einen Anbieter-Pool vergeben werden, verbürgen Zertifikate seriöser Verbände eine von Ausbildern oder Geschäftspartnern der Zertifikatsinhaber unabhängige Überprüfung der Qualifikation.

Die Mitgliedschaft in einem solchen Berufsverband signalisiert also bereits ein bestimmtes Qualitätsniveau und ist somit ein guter Orientierungsrahmen zur Beantwortung der Frage, ob sich jemand für die geplante Zusammenarbeit eignet.

Coaching wie Recruiting sehen

Grundsätzlich gilt: Personalentscheider:innen sollten bei der Auswahl von externen Partnerinnen und Dienstleistern prinzipiell nicht anders vorgehen als bei der Personalauswahl. So sind HR-Menschen geübt darin, herauszufinden, ob jemand falsche oder geschönte Angaben macht. Jedes Angebot sollte einen insgesamt stimmigen, plausiblen Eindruck machen.

Falls sich hier nachhaltige Zweifel auftun, wird es nicht unmöglich sein, ein alternatives Angebot zu finden, das besser überzeugt. Anders als beim Kauf einer Maschine, für deren Funktionieren es irrelevant ist, ob zur Konstrukteurin ein gutes Vertrauensverhältnis besteht oder nicht, ist das Vertrauensverhältnis zum Coach entscheidend für den Erfolg eines Coachingprozesses. Hier gilt es, keine Abstriche zu machen und sich gegebenenfalls auch auf ein „Bauchgefühl“ zu verlassen, wenn Bedenken aufkommen.

Ansonsten öffnen Sie einem Coaching-Hochstapler Tür und Tor.

Begünstigt die Digitalisierung Coaching-Hochstapler?

Die in fast allen Bereichen des Lebens immer schneller voranschreitende Digitalisierung hat auch vor der Coaching-Branche nicht Halt gemacht – und das hat Konsequenzen. So werden wir eine Entwicklung beobachten können, die – je nach Standpunkt – als Demokratisierung oder als Discountisierung des Coachings interpretiert werden kann.

Es entstehen extrem gute Wachstumsbedingungen für verschiedenen Digital-Coaching-Anbieter, die auf neue Geschäftsmodelle setzen und von denen sich einige auf dem Markt durchsetzen und etablieren werden. Die Folge: Standardangebote werden günstiger.

Diese Dynamik könnte sich allerdings eher als Nachteil für Coachees und Coaches erweisen. So versprechen die digitalen Angebote den Interessierten vordergründig ein besseres, digital-innovatives Coaching, von dem man sich aber keinesfalls blenden lassen sollte. Da Coaching hier sicherlich nicht neu erfunden wird, bleibt zu bezweifeln, dass dieses Versprechen auch gehalten werden kann.

Zudem lässt sich am Horizont auch die Dystopie eines vollautomatisierten „Basic“-Coachings erkennen, die mit einem seriösen Coaching nach anerkannten Qualitätsstandards nichts mehr zu tun hat.

Qualitativ hochwertiges Face-to-face-Coaching weiterhin wichtig

Bei Coaching geht es vor allem um den persönlichen, individuellen Austausch. Und das kann ein Algorithmus nicht leisten. Die Qualität der persönlichen Beziehung zwischen Coach und Coachee ist der Kernfaktor für den Erfolg.

Daher stellt sich die Frage, ob eine Beziehung ausschließlich über virtuelle Kanäle eine auch nur annähernd gleiche Vertrauensbasis herstellen kann, wie ein Verhältnis, dass im direkten Kontakt aufgebaut wird.

Vorzüge des klassisches face-to-face-Coaching werden in Zukunft sogar noch deutlicher hervortreten. Menschen, die generell bereit sind, Zeit und Geld in ihr Fortkommen und ihre Lebenszufriedenheit zu investieren, werden auch mehr Mittel aufwenden, um sich einer persönlichen Beziehung zu versichern. Dieser Effekt wird sich mit dem Voranschreiten der Digitalisierung und Virtualisierung noch verstärken.

Auf digitalem Weg über Vermittlungsplattformen Kontakt zu Coaches aufzunehmen, wird in Zukunft dennoch immer alltäglicher und selbstverständlicher werden. Geht es aber um komplexere Fragen der Mitarbeitenden und der Unternehmensführung – was häufig der Fall ist – wird weiterhin der „analogen“ Coachingsitzung vor Ort der Vorzug gegeben.

Fazit zum Thema Coaching-Hochstapler

Die Digitalisierung schreitet unaufhaltsam voran und lässt zahlreiche Digital-Coaching-Provider aus dem Boden sprießen, die Interessierten vordergründig ein besseres, digital-innovatives Coaching versprechen. Davon sollten Sie sich aber keinesfalls blenden lassen. Auch weiterhin werden „analoge“ Coachingsitzungen einen zentralen Platz einnehmen, da sie in der Regel einen größeren Mehrwert bieten als die rein virtuellen Formate.

Generell müssen digitale Angebote aber keine Hochstapelei sein – und umgekehrt Coachings in Präsenz keine Garantie für hohe Qualität. Um sich dennoch im „Dschungel“ der (digitalen) Services und Coaches nachhaltig nicht zu verlieren, empfehle ich: Lassen Sie die Finger von intransparenten Angeboten, die Ihnen mehr Versprechungen machen, als plausible Informationen über die Qualifikation der Anbieter zu geben!

Wenn Coaches hinsichtlich Referenzen zögerlich reagieren, muss aber kein Täuschungsverdacht aufkommen. Denn viele Kund:innen sind in diesem eher sensiblen Bereich nicht bereit, Dritten Referenzen zu geben. Im Zweifel schafft ein fachliches Gespräch Klarheit über Expertise und Know-how.

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Alexander Brungs

Dr. Alexander Brungs

 

Dr. Alexander Brungs ist seit 2010 als Coach tätig und seit sechs Jahren Vorstand im Deutschen Coaching Verband e.V. (DCV). Nach seinem Studium in Göttingen, Erlangen und Rom war Brungs an mehreren internationalen Forschungsprojekten beteiligt und unterrichtete an verschiedenen Universitäten in Deutschland und der Schweiz im Fach Philosophie.

Derzeit ist er auch Projektmitarbeiter an der Professur für Neuere Geschichte (deutsch-jüdische Geschichte) der Universität Potsdam.

>> LinkedIn-Profil von Dr. Alexander Brungs

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