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Datenschutz verhindert Innovation in Unternehmen: Bitkom-Umfrage

Ein aufwändiger Prüfprozess vor der Einführung jedes digitalen Tools, regelmäßig neue Entscheidungen der Aufsichtsbehörden und Gerichtsurteile in ganz Europa, die Auswirkungen auf das eigene Unternehmen haben können – die Anforderungen an den Datenschutz setzen Unternehmen in Deutschland unter Dauerdruck und verhindern deutlich zu häufig innovative Lösungen.

Deutschland übertreibt es mit dem Datenschutz

Zugleich bekommen die Aufsichtsbehörden keine guten Noten für ihre Beratung. Die Hälfte der Unternehmen (50%) sagt, Deutschland übertreibe es mit dem Datenschutz. Zwei Drittel (66%) sind der Auffassung, dass der strenge Datenschutz sowie die uneinheitliche Auslegung des Datenschutzes in Deutschland die Digitalisierung erschwert.

Das sind Ergebnisse einer repräsentativen Befragung von 502 Unternehmen mit 20 oder mehr Beschäftigten in Deutschland im Auftrag des Digitalverbands Bitkom. Dem Datenschutz kommt in der digitalen Wirtschaft und Gesellschaft eine besondere Bedeutung zu.

Probleme bei Planbarkeit und Verlässlichkeit

Den Unternehmen fehlt es aber zunehmend an Planbarkeit und Verlässlichkeit. Unternehmen stehen beim Datenschutz unter permanenten Stress. Sie wollen dem Datenschutz Genüge tun, aber dazu müssen sie nicht nur europaweit Gerichtsurteile verfolgen und die unterschiedliche Auslegung aus den Mitgliedsstaaten kennen, sondern sich zusätzlich mit 18 verschiedenen Lesarten von Datenschutzaufsichten allein in Deutschland auseinandersetzen. Das ist vor allem für kleinere Unternehmen immer schwerer zu stemmen.

Aufwand für Datenschutz ist durch die DSGVO dauerhaft gestiegen

4 von 10 (42%) Unternehmen geben an, dass sie seit der DSGVO-Einführung mehr Aufwand haben. Und dieser auch künftig bestehen bleiben wird. Ein weiteres Drittel (32%) geht sogar davon aus, dass der Aufwand weiter steigen wird. Nur 19% erwarten, dass ihr gestiegener Aufwand langsam wieder sinkt, 6% haben inzwischen keinen erhöhten Aufwand mehr.

Zugleich hat mit zwei Drittel der Unternehmen (65%) die große Mehrheit die DSGVO vollständig oder größtenteils umgesetzt, aber 3 von 10 (29%) haben die Umsetzung erst teilweise geschafft und gerade einmal 5% stehen damit noch ganz am Anfang.

Kleinere Unternehmen haben mehr Schwierigkeiten

Vor allem kleinere Unternehmen kommen nur noch langsam voran. So geben unter den Großunternehmen mit 500 oder mehr Beschäftigten nahezu unverändert nur 3% (2020: 2%) an, dass sie die DSGVO erst teilweise umgesetzt haben, bei den Unternehmen mit 100 bis 499 Beschäftigten ist der Anteil binnen eines Jahres von 28 auf 12% zurückgegangen. Dagegen bleibt die Zahl bei den kleineren Unternehmen von 20 bis 99 Beschäftigten mit 33% auf hohem Niveau (2020: 37%).

Die Unternehmen, die die DSGVO bislang noch nicht vollständig umgesetzt haben, nennen als Hauptgründe dafür, dass Corona andere Prioritäten erzwungen habe (82%). Aber fast ebenso viele beklagen, dass sich die DSGVO gar nicht vollständig umsetzen lasse (77%). 61% fehlt es zudem an den notwendigen personellen Ressourcen.

Rund jedes zweite Unternehmen beklagt fortlaufende Anpassungen wegen neuer Urteile und Empfehlungen der Aufsicht (47%) und notwendige neue Prüfungen von Datentransfers in Länder außerhalb der EU (45%).

Insbesondere kleinere Unternehmen brauchen bei der Umsetzung der DSGVO mehr und bessere Unterstützung. Es fehlt in kleinen Unternehmen häufig an Datenschutz-Expertise, notwendig sind daher konkrete und umsetzbare Handreichungen, etwa durch die Aufsichtsbehörden.

Bitkom Studie: Infografik zu DSGVO Problemen in Unternehmen
Quelle: Bitkom

In drei von vier Unternehmen hat Datenschutz bereits Innovationen ausgebremst

Aber die DSGVO sorgt nicht nur für Aufwand, sie bremst auch Innovationsprojekte in der deutschen Wirtschaft. So geben drei Viertel aller Unternehmen (76%) an, dass Innovationsprojekte aufgrund konkreter Vorgaben der DSGVO gescheitert sind. Und in 9 von 10 Unternehmen (86%) sind Projekte wegen Unklarheiten im Umgang mit der DSGVO gestoppt worden. Am häufigsten betroffen war der Aufbau von Datenpools (54%), dahinter folgen Prozessoptimierungen im Bereich der Kundenbetreuung (37%), Projekte zur Verbesserung der Datennutzung und der Einsatz neuer Technologien wie Künstliche Intelligenz oder Big Data (je 36%). Und in jedem dritten Unternehmen (33%) war der Einsatz von Cloud-Diensten betroffen. Digitale Technologien sind quer durch alle Branchen die wichtigsten Innovationstreiber. Es braucht eine bessere Balance von Datenschutz und Datennutzung.

Rechtsunsicherheit ist immer größeres Problem bei der DSGVO-Umsetzung

In den vergangenen Jahren haben die Probleme bei der DSGVO-Umsetzung deutlich zugenommen. So sagen inzwischen mehr als drei Viertel (78%) der Unternehmen, dass Rechtsunsicherheit die größte Herausforderung sei, vor zwei Jahren waren es erst 68%.

Zu viele Änderungen bzw. Anpassungen bei den Vorgaben beklagen 74%, nach 59% 2019. Die uneinheitliche Auslegung innerhalb der EU behindert 52% (2019 wurde das nicht abgefragt, 2020: 45%), fehlende finanzielle Ressourcen nennen 37%, mehr als doppelt so viele wie noch 2019 mit 18%.

Herausforderungen, auf die die Unternehmen direkt Einfluss nehmen können, gewinnen dagegen nicht an Bedeutung: Eine schwierige technische Umsetzung behindert unverändert 34%, einen Mangel an qualifizierten Beschäftigten haben nur 33% (2019: 37%) und fehlende Unterstützung im Unternehmen sehen nur noch 8% (2019: 13%).

Parallel wächst die Unzufriedenheit mit den Aufsichtsbehörden. So kritisieren zwei Drittel (66%) mangelnde Umsetzungshilfen durch die Aufsicht, vor zwei Jahren lag der Anteil nur bei 53%. Wenn Probleme wie Rechtsunsicherheit oder fehlende Umsetzungshilfen durch die Aufsicht immer stärker zunehmen, dann läuft offenkundig etwas falsch. Normalerweise sind die Probleme am Anfang einer neuen Gesetzgebung groß und werden dann mit ersten Erfahrungen, Entscheidungen und zahlreicheren Hilfestellungen geringer.

Datenschutz-Aufsicht liefert zu wenig brauchbare Unterstützung

Auch bei konkreten Fragen erhält nur eine Minderheit Unterstützung durch die Aufsicht. So hat ein Viertel (24%) dort bereits nach Hilfestellungen für die Umsetzung von Datenschutzvorgaben angefragt, aber keine Antwort erhalten. Ähnlich viele (28%) haben zwar Antwort bekommen, diese habe aber nicht geholfen. Nur 3 von 10 (29%) geben an, auf ihre Frage hin auch Hilfestellung erhalten zu haben.

64% von ihnen in Form von Leitfäden, 32% mit Einzelberatung, 27% in einer Gruppenberatung. Von den Unternehmen, die Hilfestellungen erhaltene haben, sagen 12%, dass sie sehr zufrieden damit waren, 19% waren eher zufrieden. Aber 41% waren eher nicht zufrieden und 25% überhaupt nicht zufrieden. Um den Datenschutz in den Unternehmen nachhaltig zu befördern, reicht es nicht Beschwerden abzuarbeiten und bei nachgewiesenen Verstößen Bußgelder zu verhängen.

Für den gelebten Datenschutz könnte viel mehr erreicht werden, wenn die Aufsichtsbehörden präventiv tätig würden und Unternehmen bei der praktischen Umsetzung der Datenschutzvorgaben unterstützten, indem sie konkrete Auskünfte erteilen und praxisnahe Empfehlungen geben.

Hauptgründe für die Unternehmen, nicht nach Hilfe zu fragen, war dabei nicht der fehlende Bedarf an Unterstützung. Nur 1% gibt an, keine Hilfe zu benötigen. Aber jedes Dritte (34%) hat von Anfragen abgesehen, weil andere Unternehmen von schlechten Erfahrungen berichtet haben. Jedes Vierte weiß gar nicht, dass die Aufsicht Hilfe anbietet (26%) oder geht davon aus, dass die Qualität der Hilfe dort nicht gut ist (25%). Rund jedes Fünfte (18%) hat Angst, dass die Aufsicht so von den eigenen Problemen erfährt. Und 16% meinen, die Aufsicht sei gar nicht an Problemlösung interessiert.

Wirtschaft ist auf Datentransfers ins Nicht-EU-Ausland angewiesen

Mit dem Wegfall des Privacy Shields durch das sogenannte Schrems-II-Urteil des EuGH ist die wichtigste Basis für den EU-US-Datenaustausch weggefallen. Dabei spielen internationale Datentransfers ins Nicht-EU-Ausland für die deutsche Wirtschaft eine große Rolle. Jedes zweite Unternehmen (48%) tauscht Daten mit externen Dienstleistern außerhalb der EU aus, jedes Vierte (25%) mit dortigen Geschäftspartnern und 12% mit anderen Konzerneinheiten. Dabei transferieren 52% Daten in die USA, 35% nach Großbritannien, 18% nach Russland und 13% nach Indien. Ebenfalls häufig genannt werden China (8%), Japan (7%) und Südkorea (4%).

Die Gründe für internationale Datentransfers ins Nicht-EU-Ausland sind vielfältig. 9 von 10 Unternehmen (85%) nutzen Cloud-Angebote, die Daten außerhalb der EU speichern, zwei Drittel (68%) nutzen weltweit Dienstleister, etwa für einen 24/7-Security-Support. Die Hälfte (52%) setzt Kommunikationssysteme ein, die Daten außerhalb der EU speichern, jedes Fünfte (22%) hat Standorte außerhalb der EU. Und 13% arbeiten mit Partnern im Nicht-EU-Ausland zusammen, etwa bei Forschung und Entwicklung.

Gravierende Auswirkungen erwartet

Wenn personenbezogene Daten nicht mehr außerhalb der EU verarbeitet werden könnten, dann hätte das gravierende Auswirkungen auf die Unternehmen und die deutsche Wirtschaft insgesamt.

So geben 62% an, sie könnten dann bestimmte Produkte und Dienstleistungen nicht mehr anbieten, 57% befürchten Wettbewerbsnachteile gegenüber Unternehmen aus Nicht-EU-Ländern. Jeweils 54% erwarten in diesem Fall höhere Kosten und dass sie ihren globalen Security-Support nicht mehr aufrechterhalten könnten.

Jeweils 4 von 10 Unternehmen rechnen mit einer Unterbrechung ihrer globalen Lieferketten (41%) und Qualitätseinbußen bei eigenen Produkten und Dienstleistungen (39%), 31% müssten ihre Konzernstruktur verändern. 12% der Unternehmen würden im Innovationswettbewerb zurückfallen und 3% müssten nach eigenem Bekunden ihre Geschäftstätigkeit einstellen.

Kein Unternehmen erwartet, dass ein Ende des Transfers personenbezogener Daten ohne Folgen für seine Geschäftstätigkeit bliebe. Datentransfers in Nicht-EU-Länder sind für die deutsche Wirtschaft so wichtig wie internationale Lieferketten. Es geht hier nicht um ein Nice-to-have, sondern um den Kern einer zunehmend digitalisierten Wirtschaft im 21. Jahrhundert. Die Politik muss dringend einen Rahmen schaffen, der Rechtssicherheit für die Unternehmen bringt und in der Praxis auch wirklich umsetzbar ist.

Nächste Bundesregierung muss Datenschutz auf die Agenda setzen

Ganz oben auf der Liste der Unternehmenswünsche an die nächste Bundesregierung beim Datenschutz steht die Forderung nach einer Anpassung der DSGVO (89%). Rund zwei Drittel wollen, dass Datenschutzvorgaben europäisch stärker vereinheitlicht (68%) und die föderalen Gesetze in Deutschland angeglichen werden. 6 von 10 plädieren jeweils für eine Abschaffung der Landesdatenschutzbehörden (60%) und einen besseren Zugang zu Daten der öffentlichen Hand (57%).

Rund die Hälfte erwartet eine harte Linie gegenüber den USA bei den Verhandlungen zu internationalen Datentransfers (46%) Und ein Drittel (32%) sieht als drängende Aufgabe, eine politische Lösung für internationale Datentransfers durchzusetzen.

Quelle: Bitkom

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Stefan Scheller

Abbinder: Persoblogger Stefan Scheller

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