25-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich als alternatives Arbeitszeitmodell

25-Stunden-Woche: nur 3 Tage Arbeit bei vollem Gehalt?

Es klingt ein wenig nach New-Work-Romantik, zugegeben. Mit drei Tagen Arbeit bei einer 25-Stunden-Woche das gleiche Gehalt verdienen wie vorher? Derzeit erwägen immer mehr Unternehmen das neue Zeitmodell auszuprobieren. In ganz unterschiedlichen Ausprägungen und Branchen. Was aber veranlasst Arbeitgeber, Mitarbeitern für 25h Arbeitszeit weiterhin das Vollzeit-Entgelt zu bezahlen? Eine ganzheitlich kritische Betrachtung.

Die Corona-Krise wandelt unseren Blick auf die Arbeitswelt

Was mit den zahlreichen Diskussionen rund um das Thema Digitalisierung schon seit einigen Jahren begann, hat die Corona-Krise in 2020 nochmal auf ein neues Level gehoben: Unternehmen überprüfen ihre Positionierung im Markt, ihre Kernleistungen sowie die generellen Arbeitsbedingungen. Auch der demografische Wandel sowie die generelle New Work Bewegung beschleunigten diesen Trend weiter.

Unternehmen, denen die aktuelle Krise wirtschaftlich stärker zusetzt, erwägen nach der Kurzarbeit ebenfalls dauerhafte Arbeitszeitsenkungen. Dort allerdings gleichermaßen verbunden mit einer Reduktion des bezahlten Arbeitsentgelts.

Mit den Diskussionen rund um die 25-Stunden-Woche kamen aber auch einige Unternehmen auf die Idee, die zahlreichen weiteren Vorteile dieses Arbeitszeitmodells für sich nutzen zu wollen – bei vollem Gehalt.

25-Stunden-Woche gibt es in verschiedenen Modellen

Wichtig zu wissen ist, dass es nicht „die“ 25-Stunden-Woche gibt. Stattdessen lassen sich um diese wöchentliche Arbeitszeit herum eine Vielzahl unterschiedlicher Ausprägungen bauen. Sei es die Drei-Tage-Woche oder auch der 5-Stunden Tag. Bei letzterem wird zwar weiterhin an jedem Werktag gearbeitet, aber eben nur fünf statt klassischer Weise acht Stunden.

Auch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales bietet übrigens auf einer entsprechenden Seite wertvolle Infos zur Gestaltung von Teilzeitmodellen an. Dort jedoch noch weitergehend als die in diesem Artikel beschriebene 25-Stunden-Woche.

Gründe für die Einführung einer 25-Stunden-Woche

Auch wenn die individuellen Gründe für die Einführung einer 25-Stunden-Woche bei gleicher Bezahlung unterschiedlich sein können. Einige Kern-Argumente werden dabei fast immer genannt. Dies sind unter anderem:

  • Höhere Arbeitsmotivation durch mehr Freizeit
  • Begünstigt Kreativität und Innovation
  • Weniger Arbeit ist gesünder
  • Steigende Produktivität
  • Organisationen stellen sich effizienter auf
  • Höhere Gesamtzufriedenheit und Bindung an den Arbeitgeber

Sehen wir uns also diese Gründe einmal in einer kritischen Detail-Betrachtung an.

Mehr Freizeit hebt die Arbeitsmotivation

Mal abgesehen von echten Workaholics, vielen Startup-Unternehmern oder Beschäftigten bei großen internationalen Unternehmensberatungen: Die meisten Arbeitnehmer (m/w/d) freuen sich über verkürzte Arbeitswochen, zum Beispiel aufgrund eines gesetzlichen Feiertags. Viele von ihnen googlen gar zwischen den Jahren (die Zeit von Weihnachten bis Silvester) die Lage der Feiertage im nächsten Jahr. Je mehr Arbeitstage ohne den Einsatz von Urlaubstagen ausfallen, um so erfreuter sind sie. Dabei muss das nicht einmal damit zusammenhängen, dass sie frustriert sind von ihrer Arbeit oder gar Dienst nach Vorschrift machen.

Freie Zeiten für persönliche Wunsch-Aktivitäten

Die Aussicht auf kürzere Arbeitszeit erzeugt Freude auf individuell nutzbare freie Zeiten. Frei nach New-Work-Vordenker Fritjof Bergmann sind diese verwendbar auf Aktivitäten, die der Einzelne „wirklich wirklich will“.

Und wer kennt den Effekt nicht von sich selbst, dass die Aussicht auf eine verkürzte Arbeitswoche eine unmittelbar positive Auswirkung auf die Wahrnehmung der kommenden Arbeitstage hat? Unnötig zu betonen, dass gerade Eltern mit Kindern ihren Kleinen mit einer erhöhten wöchentlichen Familienzeit viel Gutes für deren Entwicklung tun können.

Die Erwartungshaltung der Generationen Y und Z

Auch wenn ich kein großer Fan der Generationstypisierungen wie Generation Y oder Generation Z bin, so zeigen Studien heute eine veränderte Erwartungshaltung an die Arbeit. Themen wie Spaß, tieferer Sinn oder auch Purpose sowie eine ausgeglichene Work-Life-Balance spielen gerade für die jüngeren Beschäftigten eine deutlich höhere Rolle.

Infografik: Generation Y Arbeitswelt. Repräsentative Studie Junge Deutsche
Quelle: Studie „Junge Deutsche 2019“ via https://simon-schnetzer.com/studienergebnisse-junge-deutsche-2019/
Infografik: Generation Z Arbeitswelt. Repräsentative Studie Junge Deutsche
Quelle: Studie „Junge Deutsche 2019“ via https://simon-schnetzer.com/studienergebnisse-junge-deutsche-2019/

Mehr Zeit für Kreativität und Innovation

Es wäre ein Trugschluss anzunehmen, dass mehr freie Zeit automatisch zu mehr Kreativität oder gar zu einem massiven Anstieg von Innovationen führen würde. Allerdings gilt vor allem der Umkehrschluss: Sind Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im operativen Tagesgeschäft gefangen, bleibt meist keine oder nur sehr wenig Zeit für diese Dinge. Wer von morgens bis abends durch den Arbeitsalltag hechelt, kann keine Zeit für Methoden wie Design Thinking oder Working Out Loud (WOL) verschenken.

Wenn also durch die entstehenden zeitlichen Freiräume auch Kreativzeiten entstehen sollen, muss seitens des Arbeitgebers eine unmittelbare Verknüpfung geschaffen werden. Bei Google beispielsweise sind dazu 20% der Arbeitszeit reserviert, mit denen Beschäftigte ihren kreativen Neigungen (im Sinne des Arbeitgebers) nachgehen können. Solche dedizierten Projektzeiten ermöglichen die Verfolgung von innovativen Ideen und ermöglichen gleichermaßen geordnetes Scheitern, ohne direkte Auswirkungen auf die Kerntätigkeit.

Weniger Arbeit ist gesünder

OK, die Überschrift verkürzt die Realität ein wenig. Denn Arbeitszeit ist nicht gleich Arbeitszeit. Dort, wo viele Beschäftigte schon nach wenigen Stunden am Arbeitsplatz im wahrsten Sinne des Wortes „die Krise kriegen“, wandeln andere auf den positiven Wellen eines echten Flow. Stress ist demnach vor allem ein subjektives Empfinden.

Trotzdem müssen wir der Tatsache ins Auge sehen, dass je nach Befragung 50-80% der Menschen in Vollzeit-Jobs über eine erhöhte (negative) Stressbelastung klagen. Und zwar unabhängig davon, ob sie im Unternehmen arbeiten oder remote, beispielsweise via Homeoffice.

Infografik: Stress und Burnout-Gefahr via Statista
Quelle: Statista

Eine Verkürzung der Arbeitszeit erhöht die Produktivität

Interessanterweise herrscht dennoch kein politischer Konsens, dergestalt, dass insbesondere zur Vermeidung von negativen gesundheitlichen Auswirkungen, die durchschnittlichen Arbeitszeiten eher gesenkt werden müssen. Immer wieder gibt es Überlegungen mit umgekehrten Vorzeichen, die wieder in Richtung 48-Stunden-Woche gehen.

Lange Arbeitszeit steigert die Ermüdung

Diese vermeintlich (dazu weiter unten mehr) an der Produktivitätssteigerung interessierte Gruppierung verkennt dabei deutlich die mittlerweile recht eindeutigen Forschungsergebnisse. Auf den Punkt gebracht lauten diese: „Mit der Länge der Arbeitszeit nimmt die Ermüdung zu, und Leistung sowie Aufmerksamkeit lassen nach.“

An dieser Stelle gelten jedoch trotzdem gewisse Einschränkungen. Denn bleibt die Menge der zu verrichtenden Arbeit gleich und nur die Zeit wird verkürzt, so kann das sehr schnell in die andere Richtung kippen. Wichtig sind begleitende Maßnahmen in Richtung effizienterer Arbeit. Sonst nimmt der Druck nur noch mehr zu.

Top-Leister fokussieren sich

Die im Recruiting stets gesuchten Top-Leister sind im Übrigen nicht unbedingt diejenigen, die eine Vielzahl von Themen zugleich bearbeiten können. Meist werden diejenigen Personen als besonders leistungsfähig angesehen, die einige wenige Dinge auffallend (!), mithin herausragend gut machen. Weil sie sich fokussieren und weniger verzetteln.

Ach ja, nur der Ordnung halber: Selbstverständlich sollten Sie Anwesenheit schon heute nicht mit Produktivität gleichsetzen.

Organisationen stellen sich effizienter auf

Die Einführung einer 25-Stunden-Woche bei vollem Gehaltsausgleich und gleichbleibender Arbeit kann nur dann erfolgreich sein, wenn in gleichem Maße Optimierungen an der Arbeitsweise sowie an den Prozessen erfolgen. Konsequente Digitalisierung der Prozesse kann dabei eine mögliche Lösung sein.

Trotzdem können vermutlich in den seltensten Fällen durch rein digital unterstützte Prozess-Optimierung die fehlenden Arbeitsstunden kompensiert werden. Stattdessen hilft der Blick auf die Verwendung der täglichen Arbeitszeit. Wo finden sich administrative Zeitfresser, privat genutzte Arbeitszeiten, zum Beispiel für Rauchen, Social Media, Familien-Telefonate und vieles mehr. Konsequentes Entschlacken muss ganz oben auf der Agenda stehen.

Vermutlich wird es sogar die eine oder andere Einschränkung im persönlichen Kontakt und Austausch innerhalb der Teams geben müssen. Stichwort Zeiten in der Kaffeeküche bei nicht immer nur fachlichem Austausch. Diese für eine Teambildung durchaus sinnvollen Zeiten, stehen bei konsequenter Ausrichtung auf eine radikalere Arbeitszeitverkürzung dennoch häufig auf der Streichliste. Hier muss unbedingt auf das richtige Maß geachtet werden. Ansonsten fühlen sich die Mitarbeiter mit der veränderten Unternehmenskultur und der sehr stringenten Ausrichtung auf die Leistungserbringung möglicherweise nicht mehr so wohl. Dann greift auch der nächste Effekt nicht mehr.

Kürzere Arbeitszeiten steigern die Gesamtzufriedenheit und erhöhen die Arbeitgeberbindung

Wie eben beschrieben, stimmt die Aussage (nur) dann, wenn die Mitarbeiter die Ausrichtung auf eine deutlich verkürzte Arbeitszeit auch mitgehen können. Die Streichung von möglichen selbsteingelegten Ruhephasen, Zeiten des sozialen Austauschs sowie privater Tätigkeiten, die beispielsweise nur während der Geschäftsöffnungszeiten erledigt werden können, ist nicht für alle gleichermaßen attraktiv. Der Change funktioniert nur dann, wenn alle Beteiligten ihn wirklich wollen – und nicht nur „verordnet“ bekommen.

Im schlimmsten Fall wechselt die Belegschaft mit der Einführung einer 25-Stunden-Woche sogar zum Teil. Das führt uns direkt zum nächsten Thema.

Impact der 25-Stunden-Woche auf das Employer Branding

Im Rahmen ihres Employer Brandings versuchten Personaler schon eine ganze Weile, Alleinstellungsmerkmale zu finden, um sich mittels der sogenannten EVP (Employer Value Proposition) „unique“ aufzustellen. Meistens mit nur mäßigem Erfolg.

Das konsequente Umsetzen und Leben einer 25-Stunden-Woche bei vollen Gehaltsausgleich wirkt jedoch deutlich differenzierend. Wird dieser Aspekt via Personalmarketing-Maßnahmen durchgängig betont, zieht das in jedem Fall die passenden Bewerber an.

Umgekehrt werden sich die Beschäftigten in einem Unternehmen mit einer erfolgreich (dauerhaft) gelebten 25h-Stunden-Woche vermutlich leichter als Arbeitgebermarkenbotschafter oder gar als Corporate Influencer gewinnen lassen. Diese Bereitschaft hat in den Zeiten hoher Relevanz von Arbeitgeberbewertungsportalen wie kununu oder glassdoor einen hohen Wert, den Sie nicht unterschätzen sollten.

Ausweg für Frauen aus der Teilzeit-Falle

Abschließend möchte ich noch einen weiteren, bisher nicht genannten Punkt, ansprechen: Häufig kommt Teilzeit-Arbeit als Modell zum Einsatz bei Frauen, die beispielsweise nach der Elternzeit einen stufenweisen Wiedereinstieg ins Berufsleben vornehmen. Aufgrund der Vielzahl der Fälle, bei denen anschließende Wünsche nach Aufstockung auf Vollzeit seitens des Arbeitgebers, nicht nachgekommen wird, hat sich der Begriff „Teilzeit-Falle“ etabliert.

Infografik: Chancengleichheit für Frauen erhöhen durch flexible Arbeitszeitmodelle
Quelle: Factsheet Chefsache-Report 2020 der Initiative Chefsache

Ein Umstieg auf eine 25-Stunden-Woche für alle Beschäftigten würde beiden Elternteilen gleichberechtigt ermöglichen, die zusätzliche gewonnene Zeit beispielsweise für die Kinder zu investieren. Die Entscheidung für die Betreuungs- und Haushaltsaufgaben muss natürlich trotzdem individuell in der Familie getroffen werden. Arbeitgeber würden aber zumindest einer systematischen Benachteiligung von Frauen vorn herein entgegenwirken.

Wie geht die Einführung der 25-Stunden-Woche in der Praxis?

Es bleibt also die Frage, wie die Einführung einer 25-Stunden-Woche in der Praxis erfolgreich sein kann. Einer, der hier Auskunft geben kann ist Steuerberater Erich Erichsen. In der Folge 9 meines Podcasts Klartext HR stellt er die Erfolgsfaktoren vor, die es für eine radikale Arbeitszeitreduzierung aller Beschäftigten bei vollem Gehaltsausgleich bedarf.

Lassen Sie sich in nur 15 Minuten inspirieren von einem Praktiker, der weiß wovon er redet!


Stefan Scheller

Abbinder: Persoblogger Stefan Scheller

Mein Name ist Stefan Scheller. In meiner Rolle als Persoblogger betreibe ich diesen Blog und das gleichnamige HR-Portal für Praktiker. Als HR-Manager in einem IT-Unternehmen und Szene-Influencer, danke ich Ihnen für das Lesen meiner Beiträge und hören meines Podcasts.

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DANKE.

2 Antworten

  1. Vielen Dank für den – wie immer – gut recherchierten Artikel. Für eine ganzheitliche Betrachtung könnte man noch zwei Punkte hinzufügen:

    1. eine Trennung zwischen produzierenden / abarbeitenden und kreativen Tätigkeiten. Wenn z. B. eine Produktionsstraße bedient werden muss oder ein Telefon besetzt sein soll, ist die Stundenreduzierung schwieriger umzusetzen, als bei Tätigkeiten, die einen hohen Anteil an „Denkarbeit“ erfordern.

    2. Damit hängt auch zusammen, dass die Lösung eines Problems – wenn der Denkvorgang einmal angestoßen wurde, z. B. durch intensive Beschäftigung mit einem Thema im Büro – auch außerhalb der Arbeitswelt weiter geht, quasi im Hinterkopf. Meiner Erfahrung nach ist es oft sogar förderlich ein Problem für eine gewisse Zeit beiseite zu legen, um zu einer kreativen Lösung zu gelangen . Wenn davon gesprochen wird, dass Kreativität und Innovation durch die Stundenreduzierung begünstigt werden, kann dieser Aspekt sicherlich eine Erklärung liefern.

    1. Lieber Daniel,

      herzlichen Dank für die ergänzenden Gedanken. Das stimmt absolut. Gerade im Bereich Kreativität werden viele Chancen derzeit noch nicht genutzt, weil während der oft 110%-prozentigen Alltagsarbeit häufig das Loslassen fehlt, das Sich-zurücknehmen und damit kreativ zu werden.

      Und selbstverständlich ist es deutlich schwieriger im produzierenden Bereich gleichermaßen eine Umsetzung des Konzepts voranzutragen. Möglicherweise hilft dort konsequente und sinnvolle Digitalisierung. Aber nicht mit dem Ziel, Arbeitskräfte überflüssig zu machen. Sondern um sie im Rahmen neuer Beschäftigungs- und Arbeitszeitmodelle mit mehr Freiheiten, Kreativzeiten (-> Innvoationen) oder auch mit gesünderen Rahmenbedingungen länger und intensiver „an sich zu binden“ (positiv wertend gemeint).

      Viele Grüße aus Nürnberg

      Stefan Scheller

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