Google for Jobs: Bestandsaufnahme nach 12 Monaten - ein totes Pferd reiten?

Ist Google for Jobs tot? Nein, es atmet. Noch. – Eine Bestandsaufnahme

Google for Jobs hatte vor einigen Tagen Geburtstag. Gefeiert wurde das nirgendwo. Warum auch? Um den mit großem Tamtam im Mai 2019 in Deutschland gestarteten Service ist es still geworden. Es stellt sich die ernstgemeinte Frage, ob Google for Jobs bereits stramm dem Ende seines Produktlebenszyklus entgegengeht. Eine aktuelle Bestandsaufnahme.

Markteinführung begleitet von medialem Jubel

Wir erinnern uns: Am 22.05.2019 veröffentlichte ich den ersten Google for Jobs Praxistest. Mein Urteil war von Anfang an durchzogen von Zweifel, ob der Service tatsächlich die hohen Erwartungen der HR-Welt erfüllen könne. Denn die HR-Medien hatten sich bereits im Vorfeld gegenseitig mit Vorschuss-Lorbeeren überboten und gar eine Art Countdown zum Thema Markteinführung Google for Jobs eingeleitet.

Klar war: Googles Jobsuche würde erst einmal ein hoch relevantes Thema sein, dessen SEO-Strahlkraft zwangsläufig ebenfalls bedeutend sein würde. Aber wie so oft: Wenn alle sich derart einig sind, macht es Sinn besonders kritisch zu hinterfragen!

Sind sich alle bei einer Sache einig, gilt es besonders kritisch zu hinterfragen, ob wirklich alles so passt. Klick um zu Tweeten

Schon frühzeitig Zweifel am Erfolg von Google for Jobs

Auch wenn ich bereits im Juli 2018 provokativ titelte „Warum sich durch Google for Jobs für Recruiter nichts ändern wird“, so war jener Beitrag eher darauf ausgelegt, ein wenig Abwechslung in die recht eintönigen Lobeshymnen der HR-Medienwelt zu bringen. Mein Fazit damals: Google for Jobs verstärkt lediglich bereits vorhandene Trends. Recruiter sollten veraltete Stellenanzeigen meiden, möglichst strukturierte Daten verwenden, Ausschreibungen inhaltlich optimieren und natürlich im Rahmen des Employer Brandings auf die Arbeitgeberbewertungen auf kununu und glassdoor achten.

Mein Artikel knapp eine Woche nach der Einführung und meinem ersten Praxistest wurde dann qualitativ noch gehaltvoller. Der Titel: „Acht Gründe, warum Google for Jobs gnadenlos überschätzt wird“. Um die vielen Stammleser meiner Beiträge nicht zu langweilen, sollten Sie sich meine Argumentation im eben genannten Beitrag vielleicht noch einmal vorab in Erinnerung rufen. Ansonsten lesen Sie gerne direkt weiter.

Von Anfangserfolgen und einer Flatline

In den ersten Wochen nach der Einführung von Google for Jobs in Deutschland wurden zahlreiche Auswertungen vorgenommen. Überall wurde der Traffic gemessen. Wer hatte gewonnen und wer verloren. Und wenn ja, vor allem, wie viel Traffic.

So sah es zum Zeitpunkt dieser Auswertung von SISTRIX zu Google for Jobs noch sehr gut aus:

Grafik: Sichtbarkeit von Google for Jobs nach dem Launch in Deutschland
Quelle: SITRIX – https://www.sistrix.de/news/google-jobs-in-deutschland-marktfuehrer-ueber-nacht/

Google for Jobs hatte erwartungsgemäß sehr schnell seine Sichtbarkeit maximiert. Kein Wunder, wo es seinen blau markierten Linktipp-Container so prominent in die Suchergebnisse der eigenen Seite eingebunden hatte.

Screenshot: Google for Jobs Suche Softwareentwickler Nürnberg
Screenshot: Google for Jobs Suche nach Softwareentwickler Nürnberg

Stellenbörsen und Jobsuchmaschinen büßten relevanten Traffic ein

Weitere Auswertungen ergaben, dass Stellenbörsen wie StepStone oder auch Jobsuchmaschinen wie Indeed Traffic abgeben mussten. Und das obwohl sie die organischen Suchergebnisse bei Google eigentlich dominieren.

Grafik: Welche Stellenbörse dominiert die organische Suche im Google-Ranking
Quelle: https://onlinemarketing.de/news/studie-online-stellenmaerkte-buessen-wegen-google-jobs-ein

Als (kurzfristige) Gewinner schienen XING und LinkedIn sowie Stellenanzeigen.de vom Platz zu gehen.

Grafik: Welche Stellenbörse profitiert von Google for Jobs?
Quelle: https://onlinemarketing.de/news/studie-online-stellenmaerkte-buessen-wegen-google-jobs-ein

Die Suchmaschinen schlugen zurück

Getreu dem Motto „Empire strikes back“, legte schon bald eine Allianz von 23 Stellenbörsen eine Beschwerde bei der EU-Kommission ein. Der Vorwurf: Ausnutzung der marktbeherrschenden Stellung zulasten der anderen Marktteilnehmer. Sie kennen das ja bereits zur Genüge: Google, Apple, Facebook und Co stehen vermehrt im Kreuzfeuer der EU. Und natürlich der Datenschutzbehörden.

Wobei man sich bei meinem Star Wars Vergleich oben natürlich fragen muss, ob er so passt. Denn wer sind bei diesem Thema eigentlich „die Guten“ und wer „die Bösen“? Was wie eine sehr schräge Frage klingen mag, hat einen durchaus tiefgründigen Kern.

Denn immer dann, wenn etwas Außergewöhnliches passiert, hilft eine kleine unscheinbare Frage: Wer profitiert? OK, zugegeben, in Zeiten der Corona-Krise wird gerade viel Schindluder mit der vermeintlichen Antwort auf diese Frage getrieben. Auch werden Kausalitäten unterstellt, wo es allenfalls Korrelationen gibt. – Und trotzdem hilft es, sich noch einmal zu vergegenwärtigen, wer von Google for Jobs profitieren soll. Also von der Konzeption her gedacht. Was sagt also die Bestandsaufnahme?

Google wollte den Jobsuchenden in den Mittelpunkt stellen

Sicher werden Sie jetzt denken, dass der Ansatz von Google for Jobs letztlich den Jobsuchenden entgegenkommen sollte. Ich formuliere bewusst so: Sollte. Denn hat das tatsächlich funktioniert? Dazu gleich mehr.

Aber auch die Arbeitgeber sollten von Google for Jobs profitieren. Immerhin bietet der Service eine kostenfreie Sichtbarkeit der eigenen Stellenanzeigen innerhalb der Suchmaschine.

Soweit die Theorie.

Textwüsten und User Experience des Grauens

Vermutlich wird man mir unterstellen, dass ich als überzeugter Apple-User eine gute User Experience bei der Jobsuche doch gar nicht objektiv einschätzen könne. Stimmt. Objektiv kann ich das nicht. Aber seien wir ehrlich. Wenn es Google – und wir reden hier von einem der mächtigsten und innovativsten sowie User-zentriertesten Unternehmen aller Zeiten und nicht von einem HR-Startup – nach einem Jahr noch nicht geschafft hat, den seinerzeit bereits als „Datenmüll“ bezeichneten, nun ja „Datenmüll“ (mir fällt kein anderes Wort dafür ein) aufzuräumen und Nutzern ein einigermaßen gutes Gefühl bei der Jobsuche zu geben…

Duplicate Content, also doppelte Inhalte zu erkennen, kann Google eigentlich in Perfektion. Jeden Tag werden viele Tausend Webseiten deswegen abgestraft, weil sie Inhalte präsentieren, die es in gleicher Form bereits an anderer Stelle im Worldwideweb gibt. Aber im eigenen Service Google for Jobs gelingt das nicht? Textwüsten und doppelte Inhalte innerhalb einer Stellenanzeigen sind weiterhin keine Seltenheit. Ich bitte Sie!

Shit in – shit out als Ergebnis der Bestandsaufnahme

Ein uraltes Softwareentwickler Sprichwort trifft es ganz gut. Wenn ich schlechtes Datenmaterial in ein System als Grundlage für Berechnungen einkippe, dann wird das Rechenergebnis in den seltensten Fällen veredeltes Datenmaterial sein. So auch bei Google for Jobs. Wenn also, eben noch als Gewinner der Einführung von Google for Jobs bezeichnetes XING, schlecht gecrawlte Stellenanzeigen aus seiner eigenen Stellenbörse in die Linktipp-Container des Suchmaschinengiganten einkippt, kann für den Nutzer am Ende nicht unbedingt ein Mehrwert rauskommen.

Jetzt werden Sie als erfahrener Google for Jobs Kenner natürlich sagen, dass es ja am Unternehmen selbst liege, wenn die eigenen Stellenanzeigen nicht korrekt angezeigt würden. Immerhin liefert Google ja eine Vielzahl von Informationen über die notwendige Aufbereitung der Daten für Google for Jobs. Einerseits stimmt das. Andererseits treffen Sie damit genau des Pudels Kern:

Denn wenn Google wirklich, also wirklich wirklich (klingt ein wenig wie bei der Definition von New Work) den Jobsuchenden in den Mittelpunkt stellen würde, dann sollte die Unterstützung doch ein wenig größer ausfallen.

Agenturen verdienen am Google for Jobs Hype

Besonders spannend finde ich in diesem Zusammenhang, dass Google for Jobs angetreten war, um auch die Unternehmen zu unterstützen, damit deren Stellenanzeigen abseits von teuren Stellenbörsen direkt Sichtbarkeit bei Jobsuchenden erhalten. Allerdings sind nach aktuellen Erhebungen der Universität Paderborn sowie des HR-Dienstleisters Persomatch selbst viele großen Konzerne im Dax kläglich an der Aufbereitung ihrer Jobangebote für Google for Jobs gescheitert. Wenn sie es denn tatsächlich versucht haben.

Studie: Google for Jobs Nutzung durch die DAX30 via Personalwirtschaft.de
Quelle: Studie Google for Jobs Nutzung durch die DAX30 durch Uni Paderborn und Persomatch via Personalwirtschaft.de

Aktuell finden sich im Zusammenhang mit Google for Jobs im Internet vor allem eine Vielzahl an Agenturen, die bei der Aufbereitung der Stellen als strukturierte Daten nach schema.org ihre Dienste anbieten. Es ist also ein Markt entstanden. Allerdings profitiert Google als Unternehmen davon nicht selbst, hat also vermutlich nur nachrangig Interesse daran.

Google erscheint maximal uninspiriert was das Produkt Google for Jobs angeht

Überhaupt scheint Google seinen Jobsuch-Service wenig ambitioniert und inspiriert zu verfolgen. Große Anpassungen an der Weboberfläche sind mir bei meinem aktuellen Nutzungstest nicht aufgefallen. Allenfalls, dass sich die seitenfüllende Google for Jobs Umgebung erst nach zwei Klicks öffnet und Nutzer damit länger in der generischen Suche hält. Was ebenfalls ungewöhnlich ist. Denn eigentlich sollte es doch im Interesse von Google sein, Nutzer gleich in die Google for Jobs Welt mitzunehmen. Um nicht zu sagen „zu entführen“.

Fehlendes Geschäftsmodell zu Google for Jobs

Vermutlich ist es aber lukrativer, wenn Nutzer nach dem kurzen Ausflug in die Jobwelt dann doch über Google for Jobs hinweg scrollen und weitere Anzeigen wahrnehmen. Womit ich zu einer weiteren Vermutung komme. Solange es kein monetarisierbares Geschäftsmodell für Google for Jobs gibt, stellt sich die Frage, warum Google den Aufwand zur Weiterentwicklung seines Services betreiben sollte? Nur um am Ende den Traffic dann doch wieder über den „Bewerben über XING“-Button oder ähnlich an einen Drittanbieter weiterzugeben? Eher nicht.

Für ähnliche Fragezeichen hat auch die für dieses Jahr im September angekündigte endgültige Einstellung des Service Google Hire gesorgt. Im Zusammenspiel aus Joblisting und Bewerbermanagementsystem (ATS) aus einer Hand, hätte viel Kraft liegen können. Die „schwere Entscheidung, den Fokus auf andere Produkte zu legen“ (Zitat Google) heizt nunmehr natürlich die Spekulationen auch um ein anstehendes Ende von Google for Jobs weiter an.

Stellenbörsen in Deutschland nach wie vor erfolgreich

Das für Deutschland angekündigte große Sterben von Stellenbörsen wegen Google for Jobs ist nicht nur ausgeblieben. Es starten sogar immer wieder neue Startups genau in diesem Bereich. Auch StepStone hat jüngst den Anbieter für Videorecruiting Cammio gekauft und damit sein Portfolio komplettiert. Und Indeed feiert seinen Erfolg ebenfalls weiter.

Sind also die konzertierten Aktionen der Marktbegleiter rund um die EU-Beschwerde so schwerwiegend, dass Google von seinen Ambitionen via Google for Jobs ablässt? Oder genügt dem Konzern bereits das Erreichte? Wobei mir aus wirtschaftlichen Gründen nicht ganz klar wäre, was dieses „Erreichte“ genau sein sollte.

Fazit meiner Bestandsaufnahme Google for Jobs nach 12 Monaten

Es hat sich im ersten Jahr in Deutschland für Google for Jobs recht wenig getan. Weder sind die Stellenanzeigen im Linktipp-Container in der Vielzahl hochwertiger oder nutzbringender geworden. Noch wurde es den Unternehmen von Seiten Google einfacher gemacht, an Google for Jobs teilzunehmen. Zu argumentieren, die Unternehmen müssten sich doch einfach an Googles Vorgaben halten, überzeugt mich nicht. Im Gegenteil: Überall im Markt gilt das Motto „Was nicht taugt, wird nicht gekauft, weil es nicht erstrebenswert ist“.

Zwar würde ich trotzdem nicht zum Fazit kommen, dass es sich nicht lohnt, daran zu arbeiten, damit Ihre Stellenanzeigen unmittelbar von der eigenen Karriereseite über die API zu Google for Jobs gelangen. Aber ich würde Ihnen gerne die Euphorie nehmen, die vielfach in übertriebener Weise mit dem Google-Service reflexartig verknüpft wurde. Google for Jobs wird Sie als Arbeitgeber übrigens auch in keiner Weise aus der Corona-Krise retten.

Ob Sie am Ende nicht doch auf ein (fast) totes Pferd steigen, steht noch nicht fest. Zumindest hat auch Google seit langer Zeit keine Blog-Beiträge mehr zum Thema Google for Jobs veröffentlicht…


Stefan Scheller

Abbinder: Persoblogger Stefan Scheller

Mein Name ist Stefan Scheller. In meiner Rolle als Persoblogger betreibe ich diesen Blog und das gleichnamige HR-Portal für Praktiker. Als HR-Manager in einem IT-Unternehmen und Szene-Influencer, danke ich Ihnen für das Lesen meiner Beiträge und hören meines Podcasts.

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DANKE.

11 Antworten

  1. Hallo Stefan,

    vielen Dank für die ausführlichen Bericht inkl. Zahlen. Bin bei den meisten Sachen bei dir. Trotzdem ist mir wichtig, dass Kandidaten, die suchen – und die meisten suchen nun mal über Google – nach einem Treffer auf meiner Karriereseite landen. Dort kann ich tracken, messen und verpixeln. Da bringt es mir nichts, wenn mein Job von Crawlern und Stellenbörsen in Google for Jobs landet und die Kandidaten dann dort meine Anzeige lesen. Deswegen ist meine Empfehlung möglichst direkt in die Treffer zu kommen. So kann man auch die Richtigkeit der Daten beeinflussen und vermeidet Crawling-Fehler und schlechte Darstellung.

    Viele Grüße

    Simon

    1. Hallo Simon,

      wir sind hier komplett beieinander. Wenn die Möglichkeit besteht, das eigene Stellenportfolio im besagten Sinne in Google for Jobs zu bringen, ist das perfekt. Leider finde ich auf meiner Suche nur extrem wenige Unternehmen, denen das wirklich gelungen ist. Stattdessen werden Heerscharen von Jobsuchenden irgendwohin geleitet, wo gecrawlter Datenmüll das Wesentliche erschwert: Die Informationsaufnahme über das Unternehmen und die ausgeschriebene Stelle.

      Zudem sind mir nach meinem Artikel eine Reihe von Unternehmen begegnet, die trotz technischer Aufbereitung der Stellen keinen nennenswerten bis gar keinen Traffic über Google for Jobs erhalten haben. Daher mein wichtigster Hinweis: Warum sollte ich auf einen Job bei einer Testmuster-Beispiel GmbH klicken, wenn ich keine Ahnung habe, wer das ist, was sie tun oder ähnlich – und dann auch noch bei 2,5 Punkten auf kununu? Will heißen: Google for Jobs befreit nicht von klassischer Arbeit im Bereich Employer Branding, sauberer und ansprechender Stellenanzeigen usw. – es kann allenfalls gute Arbeit mit einer höheren Sichtbarkeit unterstützen.

      Liebe Grüße zurück Simon und danke für Deinen Kommentar

      Stefan

  2. Hallo Stefan,

    wegen der Covid-19-Gesundheits-Pandemie und anschließender Weltwirtschaftshysterie musste ich selbst meine eigenen Ziele bei „PreLean Consulting“ anpassen und einen Job suchen.

    Wenn ich ehrlich bin, war ich als Jobsuchender von „Google for Jobs“ mehr als enttäuscht. Aber auch bei vielen Stellenportalen war ich sehr genervt, weil man z. T. selbst einfachste Filter nicht konsequent umgesetzt hat, wie z. B. „ohne Zeitarbeit“. Dabei schmerzt mir als Senior Recruiter & Vertriebscoach dann vor allem die Außendarstellungen in den Jobanzeigen oder die unendlichen Lobgesänge auf das eigene Unternehmen bzw. die ellenlangen Textwüsten und -bausteine an „Must-Haves“ in den Anforderungsbeschreibungen an den zukünftigen Mitarbeiter (m/w/x).

    Das mir hier „Google for Jobs“ eine Hilfe gewesen wäre kann ich ausschließen. Das Google hier ggf. nicht genug monetarisieren will oder kann, wundert mich aber kaum. In meinen Augen kommt Google aufgrund der absoluten Marktdominanz vermutlich irgendwann an die Grenzen des Wachstums und kann förmlich nur noch Akquirieren was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Und wenn man, wie ich, versucht seine digitalen Abdrücke im Browser etwas zu reduzieren, wird es manchmal mit dem Targeting für Jobsuchende auch nicht einfacher. Das ist z. B. auch ein Thema, was ich extrem spannend finde. Muss man nämlich die ganze Welt und alle User bis ins Kleinste vermessen und wiegen, weil man glaubt, dass man dann den Perfect Match erhält? Wo bleibt dann der Spaß und die Neugierde des Menschen?

    Als derzeitiger Corporate Recruiter (sinnigerweise doch über ANÜ, wer hätte es gedacht?) und Erkenntnissen aus mehr als 40 Bewerbungstelefonaten im Vorfeld mit „externen“ Recruitern (m/w/x) bei meiner Suche, fällt das Fazit sowohl für Unternehmen, wie auch Recruitern in Teilen vernichtend aus. Anscheinend sind selbst im 21. Jahrhundert und fortschreitender Digitalisierung immer noch zu wenige auf die Idee gekommen, dass ein Recruiter oder Employer Branding/Marketing Spezialist eine sehr wesentliche Position in einem Unternehmen ist. Es würde ja auch keiner auf gute Vertriebler verzichten, wenn er nach Kunden sucht. Warum meint man also, dass das im Recruiting anders wäre?

    „Google for Jobs“ ist nur ein Baustein oder eine weitere Alternative im Dschungel der unendlichen Möglichkeiten seine Stellen unters Volk zu bringen. Nicht mehr und nicht weniger. Aber wie du es bereits angedeutet hast, es wird immer um alles Neue ein riesen Hype gemacht und vielleicht hatte ich auch mehr Ansprüche an Google. Aber die hatte ich auch an meine Recruiter-Kollegen/innen oder an die deutsche Autowirtschaft. Manchmal ist die Welt aber deutlich banaler. Wenn es OK ist, wäre hier mein persönlicher und neuer Claim dazu: „Erst der Mensch, dann der Prozess und am Schluss das Tool. Bitte nicht umgekehrt!“

    1. Hallo Marc,

      danke für Deinen -wie immer- ausführlichen und gehaltvollen Kommentar. Jetzt ist er auch technisch angekommen.
      Das wusste ich gar nicht, dass Du auf Jobsuche warst. Wäre doch durchaus spannend, Deine Erfahrungen in einem Beitrag auf meiner Seite darzustellen. Gerne mit kritischem Blick auf uns Personaler. Hast Du Interesse an einem „Erlebnisbericht aus der Welt des Recruitings von 40 Unternehmen“? Würde in die Kategorie „HR-Szene“ passen. Komme dazu mal auf Dich zu.

      Herzliche Grüße

      Stefan, der auch Deinen letzten Satz gerne unterschreibt

  3. Ich bin Co-Gründer von greenjobs.de, verantwortlich für die Technik und etwas optimistischer was den längerfristigen Einfluss von G4J anbelangt.

    Erstens mache ich mir weniger Sorgen, dass der Dienst schon bald wieder eingestellt wird. Google ist zwar bekannt für sein plötzliches Fallenlassen von z.T. beliebten Angeboten, wie Reader. G4J ist aber sehr dicht dran an einem der Kern-Dienste von Google, der Suchmaschine. Eigentlich ist G4J nur eine kleine Erweiterung dieses Dienstes. Google Hire – und viele der von Google wieder eingestellten Dienste, wie Google+ – hatten dagegen mit der Suchmaschine wenig zu tun, waren separate Produkte.

    Zweitens glaube ich, dass die Recruiting-Software nach und nach die Daten für G4J aufbereiten wird, so dass jede auf der eigenen Karriereseite eingestellte Anzeige umgehend auch von Google übernommen wird. Recruiting Software entwickelt sich aber nur langsam. Daher werden wir erst über einige Jahre sehen, wie sich die Indexierung von Anzeigen auf den firmeneigenen Karriereportalen entwickeln wird.

    Die strukturierten Daten in Anzeigen-Seiten haben aber schon heute Auswirkungen: Wir haben begonnen bei unseren Jobbörsen greenjobs.de und eejobs.de die Daten im JobPosting-Schema für den Anzeigen-Import vom Kunden zu verwenden. Wir sind damit immer weniger angewiesen auf XML-Schnittstellen der Recruiting Software, die üblicherweise kostenpflichtig vom Softwarehersteller eingerichtet/freigeschaltet werden muss.

    Und ein letzter Gedanke, der oft bei G4J vergessen wird: Wir schauen meist nur auf diejenigen Stellenanzeigen, die kommerziell veröffentlicht werden (über Jobbörsen, oft im Zusammenhang mit Agenturen). Es gibt da draußen aber viele Stellenausschreibungen, die maximal auf der Webseite des Arbeitgebers veröffentlicht werden – z.B. kleine, lokal-orientierte Firmen, kleinere Non-Profits usw. Wenn mit einfach zu bedienenden WordPress- oder Drupal-Plugins diese Anzeigen für G4J aufgearbeitet werden, werden tausende Stellenanzeigen sichtbar, die vorher kaum jemand kannte. Wir dürfen bei Stellenanzeigen nicht nur an die DAX-Konzerne denken…

    1. Lieber Uwe Trenkner,
      herzlichen Dank für die ergänzenden Informationen. Der ganzheitliche Blick auf das Thema ist sehr wichtig.
      Wo ich absolut zustimmen muss, ist die nur sehr langsame Anpassung von Recruiting-Software an sich verändernde Rahmenbedingungen. Da sind meist neue in den Markt tretende Startups deutlich besser aufgestellt – haben aber natürlich dann andere Probleme zu lösen.
      Viele Grüße und danke für das Lesen meiner Beiträge
      Stefan

  4. Hallo Stefan,

    vielen Dank für die schnelle Freischaltung und Deine Antwort. Google for Jobs ist – auch für uns – ein spannendes Thema, wobei wir noch vor Google for Jobs in den USA an den Start gegangen sind. Wir hatten bereits im Vorfeld sehr gute Erfahrungen mit den Google Ads gemacht und das war im Kern auch unser Geschäftsmodell, welches wir jetzt um Google for Jobs erweitert haben. Grundsätzlich sollten Personalverantwortliche halt über den Tellerrand hinausschauen und auch Google als Recruiting-Instrument begreifen. Ob dies nun über Google Ads, Google for Jobs oder Google SEO oder in allen genannten Disziplinen bleibt den Personalverantwortlichen überlassen. Gerade im Bereich SEO stimme ich Dir zu, was die Thematik Duplicated Content angeht. Durch das breite Spreading der Stellenanzeigen über sämtliche Plattformen hinweg, gibt es für die eigene Karriereseite keine Chance organisch über SEO gut gefunden zu werden. Da bleiben aktuelle nur die Kanäle Google Ads und Google for Jobs und hier hängt Google for Jobs (aktuell) noch abgeschlagen hinter den Ads. Es bleibt also abzuwarten, inwiefern Google die eigenen Prioritäten setzt und das Produkt (hoffentlich) bald verbessert.

    1. Sehr gerne. Lass uns einfach im engen Austausch sein. Möglicherweise erfahrt Ihr ja noch vor mir, wenn sich hier etwas tut. Vielleicht können wir dann gemeinsam was auf die Beine stellen, um die HR-Welt umfassend zu informieren. #bleibgesund

  5. Hallo Stefan,

    vielen Dank für den sehr guten und umfangreichen Blogbeitrag. Aktuell sieht man auf technologischer Ebene wenig Entwicklung bei Google for Jobs und im direkten Vergleich zu anderen Projekten, die Google bereits erfolgreich etabliert hat (wie z.B. Google Shopping, Google Flights, etc.) lässt Google for Jobs hier leider auf sich warten. Dennoch gehen wir von persomatch davon aus, dass dieser Bereich in den nächsten Monaten und Jahren immer stärker von den potenziellen Kandidaten genutzt wird, um relevante Jobangebote zu finden. Das zeigt sich auch in den USA, wo der Anteil derer, die Google for Jobs nutzen, kontinuierlich steigt. Die Frage ist also, warum Google nicht schneller den Markt bearbeitet und Weiterentwicklungen präsentiert.

    Grundsätzlich ist Google den Aktionären verpflichtet und betrachtet man die aktuelle Unternehmenssituation, dann stellt man fest, das Google mehr als 85 % aller Einnahmen durch Werbung, wie z.B. Google Ads erzielt. Gerade in Zeiten von Corona wird es für Google schwierig überhaupt das Niveau zu halten, denn viele Unternehmen reduzieren aktuelle ihre Marketingausgaben. Bei vielen Diensten, die Google an den Start gebracht hat, ist es die Intention die Nutzer auf der Suchergebnisseite (SERP, Search Engine Result Page) zu halten, denn hier findet die Monetarisierung vornehmlich statt. Auch andere Dienste waren zu Beginn kostenlos, um erst einmal Kunden zu gewinnen und um Reichweite aufzubauen. Ist die kritische Masse dann erreicht bzw. wenn kein Weg mehr an Google vorbeiführt, dann steht auch einer kostenpflichtigen Alternative von Google for Jobs nichts mehr im Wege. Google selbst hat alle Zahlen und Daten der Nutzer und wenn man genauer betrachtet, welche Services in welcher Reihenfolge gelauncht wurden, dann erkennt man auch schnell das Potenzial von Google for Jobs in Bezug auf die Monetarisierung. Aktuell gehen wir davon aus, dass Google for Jobs erst 2024 kostenpflichtig wird. Google hat hier also wenig Eile und sie haben auch in der Vergangenheit bewiesen, wie sie erfolgreich über Werbeerlöse Umsatz generieren können. Primär steht immer noch die Internationalisierung und der globale Roll-Out von Google for Jobs an. Das dauert wesentlich länger als bei anderen Google-Produkten, aber auch hier geht es stetig weiter.

    Anzumerken ist aber auch, dass die großen und bekannten Jobbörsen den größten Traffic über Google selbst beziehen. Warum sollte Google also diesen Markt anderen überlassen? Auch hier hat Google die entsprechenden Zahlen und kann daher bestens beurteilen, wieviel Marktpotenzial hier zu erschliessen ist.

    Wir merken bei persomatch aber auch, dass der stärkste Kanal nach wie vor die Google Ads selbst sind, um geeignete Kandidaten über die Suchergebnisseite bei Google zu gewinnen. Die starke Präsenz der Anzeigen oberhalb der Google for Jobs als auch Google SEO-Ergebnisse bringt den größten Besucherstrom für die eigenen Stellenanzeigen. Und der Trend bei der Nutzung von Mobilgeräten zahlt auch weiter auf die Google Ads ein, denn die Darstellung auf Mobilgeräten zeigt die Ads deutlich präsenter als am Desktop. Zudem ist Google hier mit einem deutlich größeren Marktanteil vertreten, denn bei Android- und iOS-Geräten ist der Suchmaschinenanbieter hier quasi Monopolist mit fast 99 % Marktanteil. Im Bereich Blue Collar oder auch beim Thema Ausbildung führt hier kein Weg mehr an Google vorbei.

    Es bleibt also spannend, was die weitere Entwicklung von Google for Jobs angeht und ich persönlich sehe die Zukunft von klassischen Jobbörsen eher pessimistisch. Insbesondere, wenn man sich die Preis- und Produktsuchmaschinen anschaut, die Google Shopping nicht überlebt haben, wie beispielsweise kelkoo, Geizkragen oder viele andere. Die großen sind geblieben; die kleinen sind gestorben.

    1. Hallo Thorsten,
      vielen Dank für Deinen extrem ausführlichen Kommentar und Dein Statement.
      Im Kern ist unser Verständnis identisch, warum Google aktuell das Thema nicht weiter forciert.
      Daraus aber zu schließen, dass das noch kommen wird, steht für mich erst einmal als Vermutung – in Eurem Fall natürlich auch Hoffnung (ist nicht wertend gemeint!) im Raum. Ihr erzielt mit dem Thema Umsätze und werdet -zumindest bei meiner Recherche- ganz oben in den Ads als Unterstützungspartner bei der Einrichtung von Google for Jobs genannt. Insofern verstehe ich Eure Haltung natürlich. Sie ist ja auch legitim, wenngleich Viele im Markt auch der Meinung sind, dass die Unterstützung von Monopolisten, die auf dem Weg sind zum allumfassenden Monopolisten zu werden, nicht ganz nachhaltig gedacht ist mit Blick auf den gesamten Markt. Aber hier darf sich jeder seine eigene Meinung dazu machen. Ich freue mich erstmal über Deinen Kommentar als Eröffnung einer möglicherweise auch hier geführten Diskussion. Via Social Media (LinkedIn und Twitter) tut sich ja schon einiges.
      Viele Grüße
      Stefan

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