Titelbild: New Work messen mit dem Check von humanfy

Wie können Personaler New Work messen? Eine Praxis-Idee für HR

Verhilft die aktuelle Situation dem Konzept New Work zum Durchbruch? Lässt sich New Work messen? Und wo stehen Unternehmen eigentlich gerade? Eine Praxis-Idee für HR zur Standortbestimmung.

Die Sache mit der Veränderungsgeschwindigkeit

Schon vor der Corona-Krise jammerten viele Menschen – innerhalb und außerhalb von Unternehmen – über die wachsende Geschwindigkeit von Veränderung. Bereits vor 70 Jahren (!) beklagte der italienisches Schriftsteller Giovannino Guareschi („Don Camillo„), dass sich seine Zeit „in zehn Jahren mehr verändert als sonst in hundert“. Und um wieviel schneller fliegt die Zeit heute voran.

In der Organisationsentwicklung gibt es den -richtigen- Spruch:

Eine Organisation schafft Veränderung dann, wenn die Anpassungsgeschwindigkeit im Innern schneller ist als die Veränderungsgeschwindigkeit im Außen.

Doch in der Corona-Krise versagt selbst dieser durchaus ambitionierte Mechanismus. Unternehmen sind im Moment eher wie Schiffe, die von einer Riesenwelle irgendwohin getragen werden. Wir warten darauf, dass die Welle ausläuft, wir in gewohnter Manier das Steuer packen können und wieder auf Kurs gehen. Die Fraktionen trennen in sich in die, die „zurück zum Alten wollen“ und die, die ein „New Normal“ beschwören.

HR wird neu definiert

Auch für HR sind das naturgemäß schwierige Zeiten. Kämpft man schon in normalen Zeiten mit einem Sitz am Management-Tisch und dem Nachweis des eigenen unternehmerischen Mehrwerts, werden in Zeiten von Corona bisherige Gewissheiten fröhlich weggesprengt. Komplett digitale Weiterbildung? Auf einmal ist diese möglich, wenn auch nicht ideal.

Schon macht das Schlagwort der „Zoom-Fatigue“ die Runde: Menschen sind mental ausgezehrt von stundenlangen Videokonferenzen und dem damit verbundenen Modus Operandi. HR als Community Manager? Natürlich. HR muss in Zukunft die „menschliche Herde“ noch intensiver zusammenhalten, wenn die physische Zusammenarbeit fehlt. Was ist der ökonomische und menschliche Mehrwert, wenn ich körperlich im Büro anwesend bin?

Solche Fragen muss HR in Zukunft beantworten können, auch auf Basis wissenschaftlicher Forschung.

Ein neuer Kompass

Auf welchen Kurs soll HR denn das Schiff steuern? Wie kann HR nach Corona aussehen? Wie kann HR die Wertschöpfung im Unternehmen unterstützen, vielleicht sogar innovieren?

New Work Charta - fünf Prinzipien für New Work

In unserer humanfy New Work Charta hatten wir vor genau einem Jahr fünf Faktoren für eine erfolgreiche Transformation hin zu einer nachhaltigen, menschlichen und gleichzeitig ökonomisch erfolgreichen Organisation definiert und dargestellt:

  • Freiheit
  • Selbstverantwortung
  • Sinn
  • Entwicklung und
  • Soziale Verantwortung

Damals konnten wir uns nicht vorstellen, wie brennend aktuell unser Manifest werden würde, das in kürzester Zeit über 400 Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik unterzeichneten. Die fünf Prinzipien haben das Potenzial, den Kurs Ihres Unternehmens neu auszurichten und einen Weg durch Corona zu weisen:

Freiheit

Freiheit als Wert wird uns meist erst bewusst, wenn sie fehlt. Wochenlang in unserer Wohnung eingesperrt, merken wir auf einmal, wie kostbar Freiheit ist. Aber nicht nur die Freiheit VON etwas ist wichtig (zum Beispiel die Freiheit von Beschränkungen des Alltags), sondern ebenso die Freiheit ZU etwas: die Freiheit zu sprechen, zu gestalten, zu innovieren. Genau diese Freiheitsvariante brauchen die Unternehmen heute. Sie müssen ganz neu lernen, ihre Freiheit zu ertasten und zu nutzen: in neuen Experimentierräumen, in einer Kultur des Unperfekten, die Fehler zulässt, und in einer starken Binnen-Vernetzung.

Selbstverantwortung

Corona zeigt uns allen: Wir sind verantwortlich. Aus einer Lage der Unsicherheit heraus müssen wir als Wirtschaft und Gesellschaft unseren Standpunkt neu bestimmen und Verantwortung übernehmen. Jeder für sich, und jeder für alle. Und diesen Geist der Selbstverantwortung brauchen Unternehmen genauso, die ihren Weg in eine Post-Corona-Zeit suchen. Sie müssen Wege der Selbstorganisation entfalten, inklusive einer Erweiterung der der individuellen Budgetautorität, und der Einführung von Verantwortlichkeit durch finanzielle Mitarbeiterbeteiligung.

Sinn

Corona erschüttert unser Selbstverständnis in Wirtschaft und Gesellschaft. Gewissheiten und Geschäftsmodelle brechen zusammen, Existenzen werden infrage gestellt. Unternehmen müssen deshalb genau heute in Sinn-Initiativen investieren und die Wozu-Frage stellen. Sei es, dass sie ihren Mitarbeitern ein persönliches Wachstum erlauben, eine ausgewogene wirtschaftliche, kulturelle und finanzielle Wertschöpfung entwerfen oder ihren Organisationsalltag rational auf Sinnhaftigkeit überprüfen.

Entwicklung

Corona ist für uns alle eine Zeit des Lernens. Besonders gilt dies für Unternehmen, die sich auf eine neue Zeit, neue Geschäftsmodelle und neue Formen der Zusammenarbeit einstellen müssen. Wir brauchen, um das Eingangsbild aufzunehmen, eine innere Lerngeschwindigkeit, die schneller ist als die Veränderungsgeschwindigkeit im Außen. Dies kann geschehen durch die Etablierung starker kollektiver Lernstrukturen, die Einrichtung von Zeiten und Räumen zur Organisationellen Selbstreflexion und die Etablierung kollektiver Entscheidungsmechanismen zum gemeinsamen Wachstum.

Soziale Verantwortung

In Zeiten von Corona merken wir, dass Wirtschaft nicht am Werkstor aufhört. Unternehmen übernehmen gesellschaftliche Verantwortung, indem sie Masken oder Atemschutzgeräte herstellen, Mitarbeiter zur Verfügung stellen und ähnliches mehr. Aber Unternehmen brauchen zum Übernehmen von sozialer Verantwortung keine extreme Notlage, um aktiviert zu werden. Es sollte ein normaler Teil des unternehmerischen Bewusstseins sein, nachhaltig und ökologisch zu handeln, sich in der Gesellschaft zu engagieren und dem Grundsatz des ehrbaren Kaufmanns zu folgen.

HR wird zum Motor der Veränderung

Menschliche Produktivität, Einfallsreichtum und die Übernahme von Verantwortung sind die Treiber wirtschaftlichen Erfolgs – das merken wir einmal mehr in der Corona-Krise. Diese Faktoren zu pflegen und zu erweitern, ist ureigene Aufgabe von HR. Deshalb muss HR der Treiber der Veränderung hin zu neuen Ufern werden, muss den Kurs des Unternehmens mit festlegen und ihn mit dem Kompass aus Freiheit, Selbstverantwortung, Sinn, Entwicklung und sozialer Verantwortung mutig ansteuern. HR muss sich der einen Sache widmen, die wirklich wichtig ist: das soziale System Unternehmen. HR muss dieses Schiff auf der Riesenwelle, mit all seiner Kraft mitsteuern. Aber wie lässt sich New Work nun messen?

Keine Reise ohne Standortbestimmung – New Work messen

Wir bei humanfy haben im letzten Jahr zur New Work Charta enormes Feedback erhalten, haben viele Gespräche geführt und eine Community aufgebaut, die von der Dringlichkeit einer Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft genau so überzeugt ist wir. Nur eine Frage konnten wir als humanfy bislang nicht beantworten: Wie bestimmen wir den Standort unseres Schiffes auf der Riesenwelle? Wie ermitteln wir, wo wir bezüglich der Faktoren Freiheit, Selbstverantwortung, Sinn, Entwicklung und sozialer Verantwortung in unseren Unternehmen stehen?

Grafik: Radar-Diagramm Ist-Werte des New Work Checks
Quelle: New Work Check von humanfy

Diese Frage hat uns nicht losgelassen, und so haben wir vor kurzer Zeit den New Work Check  entwickelt. Der New Work Check besteht aus einer online-gestützten Umfrage mit 50 Fragen und einer Bearbeitungszeit von 15 Minuten. Er liefert zu jedem der fünf Prinzipien mit ihren insgesamt fünfzehn Themen eine relative Ausprägung. Zusätzlich liefert der New Work Check Ergebnisse für die Arbeitsebenen „Aufgabe„, „Führung“ und „Organisation“. Und es werden schließlich die Soll-Werte der fünf Prinzipien erfragt.

Der New Work Check macht schnell sichtbar, bei welchen der fünf Prinzipien das Unternehmen bereits gut aufgestellt ist und wo es Entwicklungsbedarf gibt. Gleichzeitig zeigen die Arbeitsebenen die wichtigsten Stellschrauben auf der Mitarbeitenden-, der Führungs- oder der Organisationsebene. In diesem Sinne ist der New Work Check für uns DER Kompass für die Standortbestimmung von Unternehmen in Zeiten von Corona und Unsicherheit. Damit lässt sich für uns New Work messen.

Der Corona-Herausforderung effektiv begegnen

Corona ist die vielleicht größte Herausforderung von Wirtschaft und Gesellschaft seit dem Zweiten Weltkrieg. Unternehmen und damit auch HR können vielleicht noch nicht erkennen, wohin die Riesenwelle letztlich steuert. Sie können aber ihren Standort bestimmen und das Schiff und seine Mannschaft gezielt fit machen für jedweden Hafen – mit den Potenzialen Freiheit, Selbstverantwortung, Sinn, Entwicklung und Soziale Verantwortung.

Markus Väth

Gastautor Markus Väth auf PERSOBLOGGER.DE

 

Markus Väth ist einer der profiliertesten New Worker und Organisationscoaches im deutschsprachigen Raum und seit mehr als zwölf Jahren in den Themen New Work, Management und Führung tätig. Darüber hinaus ist er Lehrbeauftragter für New Work und Organisationsentwicklung an der Technischen Hochschule Nürnberg. Er gilt als einer der führenden Köpfe der New-Work-Bewegung in Deutschland und ist Verfasser der New Work Charta, die sich für eine klare, humanistische und soziale Version von New Work einsetzt.

Aufgrund seiner Expertise hat er mehrere Bücher zu New Work und Management verfasst und betreibt außerdem den Podcast New Work Works.

Mit seinem Ansatz des Organisationscoachings begleiten er und sein Team Unternehmen in ihrer Transformation hin zu echtem New Work und einer neuen Arbeitswelt.

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