Schüler- und Azubi-Recruiting Studie

Erfolgreiches Azubi-Recruiting: Aktuelle Studienergebnisse

Das Recruiting von Azubis bedarf eines besonderen Wissens. Was ist der speziellen Zielgruppe bei der Ansprache besonders wichtig? Wie sollten Testverfahren zur Personalauswahl von Azubis gestaltet sein? Wie kann eine Entscheidung für das eigene Unternehmen positiv beeinflusst werden? Diese und weitere spannende Fragen zum Azubi-Recruiting beantwortet eine aktuelle Studie von u-form Testsysteme in Zusammenarbeit mit der Hochschule Koblenz.

Solides digitales Mindset bei Azubis – digitales Skillset ausbaufähig

Laut Studie verfügen die über 4.300 befragten Schüler-Bewerber und Azubis nach eigenen Angaben zwar über solide, alltagstaugliche Anwenderpraxis. Von einem besonders ausgeprägten digitalen Skillset kann man allerdings dabei noch nicht sprechen. Beispielsweise tauschen lediglich rund 23% größere Datenmengen online aus und etwa 65% nutzen Suchmaschinen und speichern gefundene Ergebnisse. Die über 1.200 befragten Ausbilder wiederum sehen die Digitalisierungskompetenzen der Azubis sogar etwas positiver.

Auf die direkte Frage, wie die Azubis die Digitalisierungskompetenz ihrer Ausbildungsbetriebe einschätzen, zeigt sich ein differenziertes Ergebnis: Immerhin rund 46% bewerten die Unternehmen positiv, 28% neutral und etwas mehr als ein Viertel negativ.

Bereits die Studie aus dem Jahr 2016 hatte gezeigt, dass viele Betriebe noch Nachholbedarfe im Bereich Digitalisierungskompetenz haben. Dies spiegelt sich in Ausbildungsinhalten und ausbaufähigem Praxiswissen von Azubis zur Digitalisierung wider. Trotzdem zeigen sich fast 91% der Ausbildungsverantwortlichen nach eigener Aussage den Veränderungen im Zuge der Digitalisierung aufgeschlossen gegenüber (im Vergleich mit rund 78% der Azubis).

Azubis sind nicht per Generationszugehörigkeit digitalisierungskompetent. Dies deckt sich mit meinen Aussagen zum digital Mindset mit Blick auf Digital Natives.

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Bedarf eines digitalen Berichtshefts

Das klassische Berichtsheft dokumentiert den Ausbildungsfortschritt und hat bei den Azubis generell eine hohe Akzeptanz. Immerhin über die Hälfte der Auszubildenden findet das Schreiben zwar lästig, aber trotzdem wichtig. Aber mal ehrlich: Wie gerne schreiben SIE Berichte oder Protokolle?

Nachdenklich machen die kritischen Stimmen, die das Berichtsheft als Mittel zum Frisieren und Beschönigen des Ausbildungsalltags beschreiben. Das erinnert mich ein wenig an den Bewerbungsprozess … oder ans Employer Branding.

Rund 70% der Ausbildungsbetriebe führen ihre Berichtshefte aktuell am Computer. Jedoch werden die Hefte im Anschluss meist ausgedruckt und nicht-digital verwendet. Fast ein Viertel benutzt von vorn herein die Stift- und Papier-Variante. Lediglich in 7,6% der Betriebe werden die Hefte derzeit rein digital geführt. Azubis hingegen votieren zu über 40% für die rein digitale Variante.

Das sieht nach einem deutlichen Auftrag an die Ausbildungsbetriebe aus.

Einstellungstests sollen auch Wissen über den Ausbildungsbetrieb vermitteln

Schon in der Studie aus dem Jahr 2017 haben die Studienherausgeber herausgefunden, dass 72% der Azubi-Bewerber für Einstellungstestverfahren offen sind, die eine Auswahl auf der reinen Grundlage von Schulnoten ersetzen. Dabei sollten in die Testkriterien auch die Wünsche der Azubis an die Kommunikation, die Recruitingprozesse sowie die Entwicklungen auf dem Nachfragemarkt einfließen. Mehr als die Hälfte der Azubis erwartet darüber hinaus, dass die Tests auch Wissen über den Ausbildungsbetrieb vermitteln.

Leistungsmerkmale und Persönlichkeit statt Intelligenztests

Eine relative Mehrheit der Befragten spricht sich bei Einstellungstests von Azubis für eine Kombination aus Leistungsmerkmalen und Persönlichkeit aus. Reine Intelligenztests sind mit rund 3,2% hingegen relativ unbeliebt. Azubis messen die Akzeptanz von Testverfahren vor allem am Praxisbezug. Knapp 80% der Auszubildenden möchten, dass die Aufgaben des Tests einen starken Bezug zum späteren Ausbildungsberuf haben.

Die Tests selbst können für die absolute Mehrheit der Azubis sogar sehr klassisch und eher trocken gestaltet sein. Spielerische Elemente, sprich Gamification mag ein knappes Drittel. Erstaunlicherweise wünscht sich nur ein sehr kleiner Teil von nicht einmal 8% aufwändige interaktive Tests wie im Videospiel.

Wie es scheint, sind Azubis derzeit deutlich klassischer aufgestellt, als es uns Studien zum Einsatz von VR und AR im Recruiting Glauben machen möchten. Noch sind sie mehr Kür als Pflicht für die Einstellungsverantwortlichen in Ausbildungsbetrieben und sorgen allenfalls für eine Differenzierung der Arbeitgebermarke.

Stellenanzeigen im Azubi-Recruiting optimierungsbedürftig

Großes Erstaunen dürfte die Überschrift bei Ihnen wahrscheinlich nicht mehr auslösen. Denn wie viele andere Studien, zeigt auch die aktuelle Befragung, dass Unternehmen es im Bereich Ausbildung noch nicht schaffen, den Informationsbedarfen ihrer Zielgruppe gerecht zu werden.

So wünschen sich mehr als Dreiviertel der Bewerber mehr Informationen zu den beruflichen Möglichkeiten nach der Ausbildung. Aber nur für etwas über 40% der Ausbildungsbetriebe hat dieses Thema Priorität. Hier werden also noch Chancen vergeben. Und das obwohl fast 82% der Ausbildungsverantwortlichen den Anforderungen der Bewerber in Stellenanzeigen eine hohe oder eher hohe Priorität einräumen.

Da frage ich mich natürlich, ob nicht die fehlenden 18% der Ausbilder (immerhin fast ein Fünftel) das eigentlich Besorgniserregende sind: Im Bewerbungsprozess die Priorität auf die eigenen Anforderungen zu legen und am Bewerber vorbei zu kommunizieren, ist der erste Schritt zum spürbaren Bewerbermangel.

„Die Beschreibung des Ausbildungsberufs bewirbt nicht nur die Ausbildung selbst, sondern auch die nachgelagerte potenziell langfristige arbeitsbiographische Perspektive.“, so die Studie.

Die Beschreibung des #Ausbildungsberufs bewirbt nicht nur die #Ausbildung selbst, sondern auch die nachgelagerte potenziell langfristige arbeitsbiographische Perspektive. Klick um zu Tweeten

Interesse am Bewerber statt Allerweltsfragen im Vorstellungsgespräch

Die „immer gleichen blöden Fragen“ gestellt zu bekommen, hat die Auszubildenden bereits in der Befragung 2017 geärgert. Auch in 2018 sollte für weit mehr als die Hälfte aller Azubis das Interesse an ihrer Person im Vordergrund des Bewerbungsgesprächs stehen.

Stattdessen erleben Azubis einfallslose Standardfragen, wie zum Beispiel „Warum haben Sie sich gerade bei uns beworben?“ oder „Wo sehen Sie sich in X Jahren?“. Was von dieser Art der sehr gut vorbereitbaren und wenig authentische Antworten erzeugenden Fragen zu halten ist, habe ich mehrfach ausführlich dargestellt. Zuletzt hier bzw. hier.

Azubis freuen sich über Nettigkeit und Sympathie auf Seiten des Unternehmensvertreters und würden gerne häufiger gefragt werden, wie das Arbeitsumfeld gestaltet werden muss, damit es ihnen Spaß macht dort zu arbeiten. Meine Vermutung: Bei einem Großteil der Unternehmen können Azubis nur wenig Einfluss darauf nehmen und werden daher vorsichtshalber erst gar nicht befragt.

Ein großer Fehler, denn ein sauberer Abgleich der gegenseitigen Erwartungshaltungen erhöht die Zufriedenheit mit der Auswahlentscheidung deutlich.

Ausbildungsverantwortliche legen den Fokus in Gesprächen deutlich stärker auf die Aufgaben sowie die Anforderungen an die Azubis im Vergleich zu den aufgezeigten Perspektiven nach der Ausbildung. Ein klassischer Fall von aneinander vorbei kommunizieren. Es gewinnt dabei derjenige, der in der stärkeren Position ist.

Image von Ausbildungsberufen sehr unterschiedlich

Azubis und Schüler wurden im Rahmen der Studie gebeten, 15 Ausbildungsberufe nach ihrem Ansehen zu beurteilen. Dabei wurde keinem einzigen dieser Berufe mehrheitlich ein sehr hohes Ansehen zugesprochen. Vielleicht ist das bereits ein Ergebnis des medial lautstark ertönenden Rufs nach einem höheren Akademisierungsgrad?

Vergleichsweise gutes Ansehen werden dabei den Fachinformatikern (knapp 63%) vor den Kaufleuten für Büromanagement (ca. 60%), den Mediengestaltern Digital und Print (58%), Medizinischen Fachangestellten (57%) sowie Chemikanten (56%) zugesprochen.

Azubi-Recruiting Studie: Image von Friseuren ist schlecht

Das Image von Frisören kommt sehr schlecht weg. Nicht einmal 10% vergeben ein sehr hohes oder eher hohes Ansehen. Umgekehrt konstatierten gar fast 85% der befragten Azubis und Schüler ein geringes Ansehen. Ähnlich schlecht beurteilt werden Verkäufer/innen, Köche/Köchinnen, Hotelfachleute und Tierpfleger/innen.

Branchenverantwortliche aufgepasst! Wenn das Image eines gesamten Berufszweiges einem derartigen Imagewandel unterliegt, sind gerade Branchenverbände gefordert, einem Fachkräftemangel schon auf der Image-Ebene entschieden entgegen zu wirken.

SnapChat und Whatsapp im Azubi-Recruiting gelten als „unseriös“

Eine überraschend deutliche Abfuhr erteilte die junge Zielgruppe einer Kommunikation zwischen Unternehmen und Azubis via WhatsApp oder SnapChat. 53,2% der Befragten stimmten der Aussage zu, die Kanäle überhaupt nicht im Bewerbungsverfahren einzusetzen. Hört hört!

Etwas differenzierter betrachtet, beurteilten 55,3% der Befragten den Einsatz von WhatsApp innerhalb des Unternehmens als positiv. Allerdings ist die Zustimmung für die Verwendung im Bewerbungsprozess mit nicht einmal 29% eher gering.

Ein Blick auf die Freitext-Kommentare zeigt Aussagen wie „unseriös, mit hohem Eingriff in die Privatsphäre“ oder „privat und Bewerbung sollte getrennt bleiben“. Insbesondere bei SnapChat fällt die Ablehnung mit über 63% sehr hoch aus („Arbeit ist Arbeit und SnapChat ist etwas sehr Privates“). Da fühle ich mich gleich in meiner Einschätzung im Beitrag Personalverantwortliche – Finger weg von SnapChat! bestätigt.

Trotzdem haben sich angeblich bereits über 46% der Ausbildungsbetriebe dazu entschlossen, die Tools in der Azubi-Kommunikation einzusetzen oder sie denken zumindest darüber nach.

Entgegen klischeehafter Einschätzungen, zeigen Azubis eine überraschend hohe Vertrautheit mit E-Mail-Kommunikation. 75% setzen sie im Alltag häufig oder sogar sehr häufig ein.

Eltern sind die besten Influencer bei der Jobwahl von Azubis

Auf die Frage, wie wichtig die Ratschläge von dritten Personen auf die Berufswahl waren bzw. sind, zeigt sich ein deutlich differenziertes Bild:

Den größten Einfluss üben mit über 77% die Eltern der Schüler aus. Bereits mit Abstand dazu folgen auf Platz 2 und 3 die eigenen Freunde (54%) sowie Unternehmensvertreter auf Ausbildungsmessen (über 50%). Wohingegen der Einfluss von Influencern auf Social Media mit einem Anteil von unter 6% nahezu gleich niedrig war wie der von Facebook-Freunden, (knapp 4%).

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Eltern genießen mit über 82% die höchste Glaubwürdigkeit. Aber immerhin 55% halten Unternehmensvertreter bzw. IHKs (rund 43%) für ebenfalls glaubwürdige Informationsquellen bei der Berufswahl.

Die derzeit stark gehypten Online-Influencer wie zum Beispiel Bibi oder Dagi rangieren mit 6% weit abgeschlagen. Über 57% der befragten Schüler halten diese sogar für sehr unglaubwürdig. Das überrascht etwas, entspricht aber meiner persönlichen Meinung dazu.

Dieses Ergebnis stellt für mich übrigens so manche Preisvergabe an Unternehmen in Frage, die auf Online-Influencer-Kampagnen setzen. Das mag innovativ sein und deswegen vielleicht preiswürdig. Allerdings lohnt sich immer auch der Blick auf die damit zu gewinnenden Zielgruppen. Sonst schmort HR im eigenen Saft und feiert sich (unberechtigter Weise) vor allem selbst.

Eltern als Influencer unterschätzt

Obwohl fast drei Viertel der Ausbildungsverantwortlichen den Eltern durchaus eine sehr starke oder zumindest eher starke Einflussmöglichkeit auf die Berufswahl ihrer Kinder zugesteht, werden Eltern zu wenig häufig adressiert. Lediglich rund 36% der Ausbildungsbetriebe sprechen Eltern möglicher Azubis im Rahmen des Ausbildungsmarketings sehr häufig oder häufig an.

Mehr Infos in der Studie sowie den über 16.000 Freitext-Kommentaren

Sie haben nunmehr bereits eine Menge Wissen erhalten. Weitere Infos finden Sie in der zugehörigen Infografik, die auf meinem HR-Studien Download Portal für Sie zum Herunterladen wartet.

Wenn Sie darüber hinaus an weiteren Ergebnissen, Einordnungen und Handlungsempfehlungen der Azubi-Recruiting Studie von u-form Testsysteme in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Christoph Beck von der Hochschule Koblenz Interesse haben, verrate ich Ihnen ebenfalls auf meinem Portal, wie Sie ein PDF der Studie erhalten können. Auch eine zusätzliche Datei mit spannenden Freitext-Kommentaren ist separat erhältlich.

Dieser Beitrag ist übrigens ein rein redaktioneller Beitrag und daher nicht kennzeichnungspflichtig.


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Stefan Scheller

Abbinder: Persoblogger Stefan Scheller

 

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Eine Antwort

  1. Dass Azubimarketing auch anders bzw. zielgruppenspezifischer gestaltet werden kann, zeigt das Bespiel „Schulz Inside“ der Schulz Farben- und Lackfabrik GmbH. Hier wurde für jeden einzelnen Ausbildungsberuf eine digitale, interaktive „Schreibtisch-Reise“ konzipiert.

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