Einheitsprofile führen zu Standardbewerbungen

Wie algorithmisch optimierte Standardbewerbungen Ihren Recruitingprozess sprengen werden

Falls Sie denken, Ihr gelebter Recruitingprozess überdauert noch einige Jahre, täuschen Sie sich! Es baut sich bereits eine Welle vor Ihnen auf, die Sie und Ihre Personalerkolleginnen und -kollegen bald überrollen wird. Algorithmisch optimierte und automatisierte Standardbewerbungen führen zu einer Ausrichtung an einem rechnerischen Optimum und verwandeln Bewerbungsunterlagen in ein (noch) aussageloseres Nichts.

Übertrieben? Entscheiden Sie selbst nach dem Lesen meines Beitrags.

Buzzword-Bingo in der Bewerbung

Schon heute kämpfen Recruiter in vielen Unternehmen mit wenig aussagekräftigen Bewerbungsunterlagen. Fast schon gelangweilt lesen sie Dutzende Male täglich die gleichen einleitenden Sätze von Anschreiben:

„Mit Freude habe ich Ihre Anzeige für den Job XYZ auf Ihrer Website gelesen. Da ich eine neue Herausforderung suche und genau Ihrem gesuchten Profil entspreche, bewerbe ich mich hiermit bei Ihnen. Ich bin überzeugt davon, dass ich der ideale Kandidat dafür bin. Darüber hinaus finde ich es toll, dass Ihr Unternehmen …“. Es folgen Lobpreisungen auf Ihre Firma.

Sie kennen das. Und Sie lieben das sicherlich, dass Ihnen jemand erklärt, dass er sich mit den Bewerbungsunterlagen, die er oder sie in Ihrem System hochgeladen hat, jetzt bei Ihnen bewirbt. Und dass er Ihr Unternehmen ganz toll findet. – Wie viele andere Unternehmen auch, was aber natürlich keiner schreibt.

Selbstdarstellung im Einheitsbrei

Die in zahllosen Ratgebern im Internet aufgeführten, besonders positiv bewerteten Top-Eigenschaften, wie Teamfähigkeit, Belastbarkeit und Selbstständigkeit werden selbstverständlich ebenfalls attestiert. Genauso wie Sie bei der Standardfrage nach den Schwächen im Bewerbungsgespräch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit den Begriff „Ungeduld“ als Antwort erhalten werden. Denn der Bewerber brennt natürlich darauf, seine Aufgaben immer sofort, umfassend und mit höchster Genauigkeit überzuerfüllen.

Stellenanzeigen werden gespiegelt

Allerdings wäre es falsch, für diesen Zustand die Bewerber verantwortlich zu machen. Vielmehr müssen wir Personaler selbstkritisch fragen, wie denn unser eigener erster Aufschlag ausgesehen hat: Die Stellenausschreibung. Und in dieser Hinsicht ist die Realität vielerorts sehr bitter. Es gibt eine Vielzahl von Studien zu diesem Thema. Die meisten geben den Personaler keine besonders guten Noten beim Verfassen aussagekräftiger Stellenanzeigen.

Optimierung für ein automatisiertes Matching-Verfahren

Wie ich im Beitrag „Den Lebenslauf für einen Algorithmus optimieren“ beschrieben habe, dürfte es sogar sehr vorteilhaft sein, genau die in der Stellenanzeige beschriebene Spiegelung zu gehen. Sprich, die gesuchten Eigenschaften 1:1 als eigene Eigenschaften in der Bewerbung anzugeben – natürlich nur, sofern diese in irgendeiner Weise auch wirklich vorhanden sind. Letzterer Halbsatz ist jedoch äußert dehnbar und kann dazu verleiten, erstmal etwas zu behaupten, nur um die erste (zunehmend automatisierte) Auswahlrunde zu überstehen.

Aber es kommt noch wesentlich schlimmer…

Lebenslaufgenerator Stufe 1

Schon seit einiger Zeit finden sich im Internet eine Reihe von Tools, um kostenfrei und teilweise per Knopfdruck standardisierte Lebensläufe zu erzeugen. Auch der XING-Service über Lebenslauf.com trägt seinen Teil zur Flut von Standardbewerbungen bei.

Dabei betrifft die Standardisierung häufig vor allem die Struktur und Optik der Bewerbung. Dies kann für Personaler sogar nützlich sein, denn bekannte und vor allem übersichtliche Strukturen können leichter erfasst und verstanden werden. Je mehr unnötiger Aufwand für das Verstehen einer Bewerbung notwendig ist, umso vorteilhafter auch für den Kandidaten.

Wenn LinkedIn und Microsoft zum Angriff blasen

Wesentlich stärkere Auswirkungen wird jedoch ein Service haben, den das Businessnetzwerk LinkedIn nach seiner Übernahme durch Microsoft jetzt in Angriff nimmt. Es geht um nichts weniger als die Integration von LinkedIn in Microsoft Word. OK, ich sehe gerade Ihre Fragezeichen auf der Stirn. Moment, ich hole mal kurz ein wenig aus, damit Sie meine Gedanken nachvollziehen können.

Prozessual noch vor Google for Jobs ansetzen

Google setzt mit seinem geplanten Service Google for Jobs, der überraschenderweise erst in Südamerika verfügbar ist und stark zeitverzögert nach Deutschland kommt, bei der Jobsuche sehr weit vorne an.

Noch bevor Links zu Stellenbörsen oder gar Karrierewebsites von Unternehmen in der organischen Trefferliste erscheinen (!), möchte der Suchmaschinen-Gigant seinen eigenen Service Google for Jobs einblenden. Von dort aus sollen Nutzer zukünftig von Google zu von der Suchmaschine präferierten Stellen geleitet werden.

Auf dem Weg zu Standardbewerbungen? Einstieg in Google oder gleich via LinkedIn-Integration in Microsofts Word?
Screenshot: Google for Jobs USA – Beispielsuche

Google for Jobs spielt damit den großen Vorteil aus, dass die Mehrzahl der Aktivitäten zur Jobsuche auf der Suchmaschinenseite startet.

Stellenanzeigen schon beim Schreiben des Lebenslaufs in Word

Microsoft wiederum möchte durch die Integration von LinkedIn in sein Office 365 Produkt zeitlich noch früher eine Rolle bei der Jobsuche spielen. Ein wichtiges Ziel dabei ist das Einblenden und Anbieten zum geschriebenen Lebenslauf passender Jobangebote.

Ja, Sie haben richtig gelesen! Zukünftig erkennt Ihr Textverarbeitungsprogramm, wenn Sie dabei sind, eine Bewerbung zu schreiben. Und schon blendet sich ein LinkedIn-Service in der rechten Programmleiste ein. Dabei werden aber nicht sofort Stellenanzeigen angeboten, sondern es beginnt mit der Unterstützung beim Schreiben der Bewerbung.

Damit Sie sich das besser vorstellen können, hier ein Video von LinkedIn:

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Quelle: https://blog.linkedin.com/2018/february/7/rock-your-resume-with-resume-assistant-from-linkedin-microsoft

Optimierung der Bewerbungsunterlagen auf Basis von LinkedIn-Profilinformationen

LinkedIn nutzt seine vielen Millionen Nutzerprofile dazu, um auf Basis von Big Data Unterstützung beim Erstellen der Bewerbung anzubieten. Konkret geplant sind folgende Funktionen des LinkedIn Lebenslauf Assistenten (Resume Assistent):

  • Inspiration zur Formulierung von Fähigkeiten und Berufserfahrung
    Sie erhalten Hinweise und Anregungen, welche Begriffe Personen mit vergleichbaren Profilen auf LinkedIn verwendet haben, um ihre Fertigkeiten und ihre Berufserfahrung zu beschreiben
  • Verwendung eines One-size-fits-all Lebenslaufs
    Da es laut LinkedIn mehr als der Hälfte aller Berufstätigen schwer fällt, ihre eigene Rolle im Job passgenau zu beschreiben, lässt sich mit dem LinkedIn Lebenslauf Assistenten leicht auf die Top Skills eines jeden Wunschjobs in jeder Branche zugreifen. Basis sind natürlich wieder die Profildaten von passenden LinkedIn-Mitgliedern
  • Finden von Bewerbungsexperten für ein Bewerbungstraining
    Ein weiteres großes Standbein von LinkedIn, der Bereich Learning, kommt ebenfalls in diesem Szenario zum Einsatz. Über die Funktion ProFinder lassen sich passende Bewerbungscoaches finden und kontaktieren.
  • Anzeige passender Stellenanzeigen
    Zu guter Letzt werden Ihnen passende Stellenanzeigen aus der Stellenbörse auf LinkedIn angezeigt, die diesen eben definierten Rollen und Jobbeschreibungen entsprechen. Der Weg zu Google oder anderen Stellenbörsen soll damit für die Nutzer von Microsoft Office 365 überflüssig werden.

Falls Sie sich immer gefragt haben, warum LinkedIn Ihnen vergleichsweise viele Features bereits im Rahmen des kostenlosen Profils anbietet: Der Zugriff auf Ihre persönlichen Daten wird immer wertvoller.

Hin zu Standardbewerbungen – weg von der Authentizität

Was erstmal nach einer willkommenen Unterstützung der Bewerber beim Verfassen unliebsamer Dokumente aussieht, hat für die Recruiter nicht unerhebliche Auswirkungen. War bislang in Bewerbungsunterlagen noch ein gewisser (kümmerlicher?) Rest an Authentizität, der auf den Bewerber und seine Persönlichkeit schließen ließ, dürfte das schon bald der Vergangenheit angehören.

Es erfolgt eine Orientierung an Standardformulierungen einhergehend mit einem munteren Ich-nehme-das-was-mir-vorgeschlagen-wird-Wording statt.

In Chancen gedacht

Jetzt kann man diesen Zustand als fürchterliche Entwicklung verteufeln, kann die Augen davor verschließen und Personalentscheidungen weiter so treffen wie bisher. Oder aber Sie ergreifen die Chance, Ihren Recruiting-Prozess sowie die für eine Personalauswahlentscheidung notwendigen Informationen neu zu designen. Weg vom klassischen Lebenslauf. Weg vom klassischen Anschreiben. Hin zu moderneren Möglichkeiten der Personaldiagnostik. – Dazu hier in Kürze mehr!

Ob es ausgerechnet die Videobewerbung per App sein muss, weiß ich nicht. Allerdings muss Ihnen klar sein, dass Sie sich bald nicht länger hinter Bergen von Lebensläufen verschanzen können, wenn es darum geht, die beste Personalauswahlentscheidung zu treffen.

Zumindest möchte ich mit diesem Beitrag erreicht haben, dass Sie Augen und Ohren offen halten. Und natürlich, Dass Sie immer wieder über Optimierungen in Ihrem bestehenden Recruitingprozess nachzudenken. An Ideen mangelt es sicher nicht.


In eigener Sache:

Abonnieren Sie den PERSOBLOGGER.DE Newsletter!

Stefan Scheller

Abbinder: Persoblogger Stefan Scheller

 

Mein Name ist Stefan Scheller. In meiner Rolle als Persoblogger und HR-Szene Influencer betreibe ich diesen Blog und das gleichnamige HR-Portal für Praktiker. Vielen Dank für das Lesen meiner Beiträge und Hören meines Podcasts!

Besuchen Sie auch den großen HR-Studien und Infografiken Download Bereich, den HR-Veranstaltungskalender, den HR-Stellenmarkt und die HR-Literatur-Empfehlungen und Rezensionen!

Über eine Buchung als Speaker für Ihre Veranstaltung freue ich mich natürlich ebenso wie über das Abonnieren meines Newsletters.

DANKE.

8 Antworten

  1. Offen gesagt, habe ich schon vor mehr als 10 Jahren als Senior Recruiter festgestellt, dass wir Menschen dazu neigen den Daten und Zeugnissen zu oft und zu sehr zu vertrauen. Gerne wird in Fachabteilungen jeglicher Couleur vergessen, dass man es im wahren Leben mit Menschen und Mitarbeitern zu tun hat. Da helfen dann auch die besten Algorithmen nicht mehr weiter.

    😉

    Spannend wird es erst, wenn man LinkedIn mit XING und Google und ggf. Facebook oder 123people verknüpft. Dann könnte man eine 360 Grad Betrachtung eines Kandidaten schon näher kommen. Aber ob das wirklich zielführend oder gewollt wäre?

    Schöne neu-alte Welt der Menschen.

    1. Hallo Marc,
      danke für Deinen Kommentar.
      Die von Dir vorgeschlagene Verknüpfung ist in erster Linie kein Technik-, sondern ein Datenschutz-Thema. Insofern sind die USA bereits wesentlich „weiter“ als Europa. Allerdings nutzen die zusätzlichen Datenquellen nur dann wirklich, wenn die daraus gezogenen Schlüsse valide sind. Machbar ist heute schon Vieles, die Sinnhaftigkeit darf jedoch oft angezweifelt werden.
      In diesem Sinne: Einen erholsamen Sonntag noch.
      Stefan

  2. Standardbewerbungen sind doch heute schon der Normalfall. Kreativität ist nicht gewünscht und die Standardratgeber zum Erstellen einer besonders schönen Standardbewerbung gab es schon vor 20 Jahren. Damals noch als Buch 🙂 Neu ist es also nicht, neu ist die Übermacht bestimmter Anbieter, welche vollends die Form diktieren. Ich plädiere auch für mehr Echtheit – die Frage bleibt: Wissen das Personaler zu schätzen und richtig zu deuten im Sinne der besten Auswahl?

  3. Ich sehe bei der Integration von LinkedIn in Office noch weitere Möglichkeiten. Warum nicht die gleiche Funktionalität für Recruiter. Nach dem Motto: Schreibe ich eine Stellenausschreibung schlägt mir LinkedIn auf der einen Seite optimierte Textbausteine und auf der anderen Seite Kandidaten vor. „Die perfekte Matching Hölle based on LinkedIn“. Mal schauen wer oder was die Oberhand behält.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Weitere Artikel-Empfehlungen:

PERSOBLOGGER Newsletter Newsletter
×

Holen Sie sich den HR-Newsletter für Praktiker von PERSOBLOGGER.DE!

Die aktuellen Blogbeiträge, die neusten HR-Studien und Infografiken, Zugriff auf alle HR-Veranstaltungen im DACH-Raum und die wichtigsten Trends und Personaler-News.