Relaunch des Arbeitgebersiegels Fair Company – ein Erfolgsmodell?

Die Fair Company Initiative wurde 2004 vom Wirtschaftsmagazin junge karriere ins Leben gerufen. Seit 2011 betreut das Team von karriere.de – dem Wirtschaftsportal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche – die Initiative. Jetzt gibt es eine Neuauflage mit erweitertem Regelwerk, das unter anderem die Verpflichtungen der Unternehmen ausweitet. Mit dazu gehört auch die Einführung von telefonischen Interviews der Praktikanten durch das Fair Company Serviceteam nach dem Ablauf ihrer Praktikumszeit.

Ein schöner Anlass für ein Interview mit Frau Elke Neuhard von karriere.de und Projektleiterin Fair Company.

Frau Neuhard, was war der Anlass für diese Verschärfung der Kontrollmechanismen? Gab es zu viele Regelverstöße bzw. Beschwerden über teilnehmende Unternehmen?

Die teilnehmenden Fair Companies bildeten in den Jahren 2004-2011 eine sehr heterogene Gruppe. Nach dem einmaligen Ausfüllen eines Online-Formulars erfolgten die Bestätigung und der Versand des Gütesiegels. Ein Datenbankeintrag bzw. die Präsenz im Fair Company Guide war nicht obligatorisch. Eine Adresse für Beschwerden der Praktikanten wurde nur im Fair Company-Guide (Print) kommuniziert.

Problematisch war daran, dass der Impuls, die Initiative in den Unternehmen regelmäßig aufzufrischen, nur zufällig und nicht gesteuert erfolgte. Regelergänzungen konnten in 2011 nicht verlässlich kommuniziert werden. Das hatte oft damit zu tun, dass die Ansprechpartner im Unternehmen nach einem Wechsel nicht mehr bekannt waren. Auch fiel damit deren Multiplikator-Funktion weg. Gar vagabundierte das Gütesiegel teilweise im Unternehmen, d.h. die Überprüfbarkeit und damit Verlässlichkeit drohte zu schwinden. In den Medien hörte man zudem Fragen laut werden wie: „Kann das jeder nutzen?!“

Wie ein Blick auf den Leitfaden der geplanten Telefoninterviews zeigt, soll die Befragung sehr ausführlich sein. Das Datenschutzgesetz hat den Grundsatz der Datensparsamkeit bei der Erhebung von Daten als Kerngedanken und regelt des Weiteren, wie und wie lange Daten gespeichert werden dürfen. Was passiert mit den aus den Telefoninterviews erhobenen Daten konkret?

Die Telefoninterviews bilden einen wichtigen Baustein unserer Qualitätsoffensive. Deshalb haben wir die Rückmeldungen auf den Interviewleitfaden – durch die Firma DATEV und andere Unternehmen – sehr ernst genommen, stark verschlankt und zahlreiche Fragen gestrichen.

Darüber hinaus verpflichtet sich karriere.de vertraglich im Anmeldeverfahren auf folgende Regelung: karriere.de nimmt einzig zur Durchführung eines Telefoninterviews zur Qualitätskontrolle Kontakt mit den Praktikanten auf und verpflichtet sich, alle Angaben gemäß den gesetzlichen Datenschutzbestimmungen zu behandeln und keine Daten zu veröffentlichen. karriere.de verpflichtet sich weiterhin, Daten nur zum Zwecke der Auswertung des Interviews zu verwenden, die Angaben nach zwölf Monaten zu löschen und keine Daten weiterzugeben. karriere.de verpflichtet sich ferner, über alle im Rahmen des Interviews erlangten Informationen Stillschweigen zu bewahren.

Mit dem Aufbau einer derartigen tiefen Wissensbasis im Bereich Praktikantenalltag in Unternehmen, begeben Sie sich auf das Spielfeld von Anbietern wie Clevis, die seit einigen Jahren (mehr schlecht als Recht) versuchen, ihren Praktikantenspiegel mit Medienmacht in den Markt zu prügeln. In welcher Weise werden Sie die gewonnenen Einblicke in die Praktikumspraxis der Unternehmen verwerten und kommerzialisieren?

Die Befragung dient ausschließlich der internen Qualitätskontrolle und wird zu keinem anderen Zweck genutzt. Details dazu stehen in unserer Datenschutzvereinbarung.

karriere.de steht bei den Unternehmen in der Pflicht und nimmt diese Stellung sehr ernst.

Wir werden nicht durch eine – wie auch immer geartete- kommerzielle Nutzung das Vertrauen aufs Spiel setzen, das die Unternehmen uns aussprechen, indem sie uns das Qualitätsmanagementverfahren durchführen lassen.

Wir verstehen uns als Ratgeberportal, das ein starkes redaktionelles Umfeld für unsere Initiative bietet. Dazu gehört die unabhängige und seröse journalistische Arbeit, allein um diesen Ruf zu wahren, werden wir unsere kommerziellen Aktivitäten nicht mit den Belangen der Initiative vermischen.

Image credit: goodluz / 123RF Stock Foto für Fair Company Siegel im Unternehmen
Praktikanten wollen fair behandelt werden.

Führt dies am Ende zu einem weiteren Siegel für Unternehmen, die Praktikanten ein besonders attraktives Arbeitsumfeld im Rahmen des Praktikums anbieten?

Nein.

Mit der Beschränkung auf ein Jahr setzen Sie sich dem Verdacht aus, mehr Profit aus der Verleihung des Gütesiegels zu schlagen. Wenn es in dem Unternehmen keine Verstöße gibt, die Sie mittels der Telefoninterviews aufdecken, sollte damit doch der Nachweis erbracht sein, dass das Siegel auch weiterhin zu Recht getragen wird. Warum die kurze Laufzeit?

Zwei Dinge sind unerlässlich, damit sich die Studierenden auf die Initiative verlassen können: Sie müssen sicher sein, dass alle Beteiligten im Unternehmen genau wissen, was es bedeutet eine Fair Company zu sein. Dazu reicht es nicht, einmal das Siegel zu vergeben und zwei, drei Interviews zu führen. Unsere Erfahrung zeigt, wir müssen regelmäßig aktiv Impulse setzen, damit die Initiative im Unternehmen immer „frisch am Start“ ist. Dazu gehört das jährliche Anmeldeverfahren, was eine starke Verbindlichkeit schafft. Die Initiative wird dadurch im Unternehmen als hochwertiger wahrgenommen und stärker gewürdigt.

Zum anderen bleiben wir durch den Kontakt zum Unternehmen auf dem Laufenden, was z.B. den Ansprechpartner angeht, solche Wechsel wurden in der Vergangenheit kaum angezeigt, so dass wir im Beschwerdefall einen hohen Aufwand betreiben mussten.

Zur Durchführung der Telefoninterviews bedarf es einer Weitergabe der Kontaktdaten von Praktikanten an das Fair Company Serviceteam durch die Unternehmen. Dazu müssen die Praktikanten eine ausdrückliche Erlaubnis zur Befragung erteilen. Dies verlangt prozessuale Anpassungen der Unternehmen bei der Vertragserstellung bzw. systematischen Zusatzinformation über die Fair Company Regularien. Wie gehen die Unternehmen mit diesen Zusatzanforderungen um, insbesondere mit Blick auf die vormals weniger hohen Anforderungen?

Die Unternehmen haben unsere Qualitätsoffensive durchweg begrüßt. Sie können unsere Entscheidung, mit dem neuen Prozedere mehr Verbindlichkeit und Glaubwürdigkeit für Studierende und Unternehmen zu schaffen, gut nachvollziehen. Ja, wir müssen gerade mit den Großunternehmen genau besprechen, wie die Recruitingprozesse aufgesetzt werden, wer wie wann beteiligt ist. Das bedeutet Aufwand, wird aber im Zusammenhang mit den Stichworten „War for Talents“, Fachkräftemangel usw. als sinnvolle Investition in ein wirksames Recruiting-Tool angesehen.

Auch Regelverstöße sollen nach einem standardisierten Prozess geahndet werden. Mit der Anforderung, die Praktikantenstellen nach Ordnungskriterien, wie z.B. Arbeitsbereichen, zu clustern, kommen Sie durch von Ihnen vorgesehene Fragen zur Betreuung somit in den Bereich der Leistungs- und Verhaltenskontrolle von Personen. Bei einer kleinen Menge von Praktikanten in einzelnen Clustern, sind Rückschlüsse auf das persönliche Verhalten von Mitarbeitern möglich.

Ein heikles Feld, bei dem auch die jeweiligen Betriebsräte ein entsprechendes Mitbestimmungsrecht im Sinne des Betriebsverfassungsrechts haben. Wie gehen Sie mit diesem Thema um?

Dieser Punkt hat das Anmeldeverfahren in einigen Betrieben aufwendig gemacht; wir haben etwaige Bedenken aufgegriffen und sehr sogfältig geprüft. Am Ende haben zwei Dinge entschieden:
1. Die Unternehmen profitieren davon, dass wir mit der Qualitätsoffensive die Aussagekraft der Fair Company Gütesiegels stärken. Fair Companies bieten faire und gute Praktika an. Darauf müssen sich die Studierenden verlassen können. Praktika sind dadurch gekennzeichnet, dass sie berufliche Fertigkeiten und Kenntnisse vermitteln.
Aber auch – und das ist sehr wichtig –  dass sie eine gezielte Betreuung und Anleitung bieten.
2. Der Fragebogen steht allen Beteiligten zur Verfügung, die Parameter für ein gutes Fair Company Praktikum sind transparent. Das ist Chance und Verpflichtung zugleich!

Vielen Dank, Frau Neuhard für das aufschlussreiche Interview. Ich wünsche Ihnen noch viel Erfolg beim Relaunch Ihrer Initiative.


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Stefan Scheller

Abbinder: Persoblogger Stefan Scheller

 

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