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Die Anforderungsfalle – wie wir uns im Job übertakten

Mit den Errungenschaften des Internets ist es uns heute möglich, fortwährend mit der gesamten Welt in Kontakt zu stehen. Via Smartphone erreichen uns per Push-Nachricht die (vermeintlich) wichtigsten Infos direkt auf dem Display in Sekundenschnelle. Und immer wieder sind dabei auch Studien über Studien, jeden Tag aufs Neue.

Die Anforderungen an Arbeitnehmer steigen.
Die Anforderungen an Arbeitnehmer steigen.

Nicht nur, dass ich jobbedingt jede Woche mehrere Anfragen erhalte, mich an Umfragen für Bachelor- oder Masterarbeiten zum Thema Arbeitgebermarke oder Personalmarketing zu beteiligen. Nein. Auch mein Facebook-Newsfeed läuft über vor lauter pseudowissenschaftlichen Erkenntnissen durch unzählige Studien und Befragungen. Klar, ich hab selbst das engmaschige Informationsnetz aus Blogs, Sozialen Medien, Newslettern, Google Alerts, Twitter usw. um mich gespannt, das gezielt News aus den genannten Themen auffängt und mir zugänglich macht.

Allerdings sorgt mich nicht etwa die durchaus beachtliche Menge an Informationen, die ich täglich in mich hineinfuttere. Es geht um die Inhalte, die auf nahezu bedrohliche Weise eine Anforderungspyramide entstehen lassen, die zu erklimmen nur noch die Wenigsten im Stande sind.

Die Kollegen einer meiner Lieblingsblogs haben letzte Woche eine solche Studie der Personalberatung Hays veröffentlicht mit dem Titel „GenY führen? Chefs in der Bredouille“. Darum geht es um die Anforderungen, die von der Generation Y an deren Führungskräfte gestellt werden.

Danach scheint es den Vertretern der jüngeren Generation nicht mehr ausreichend zu sein, dass der Chef fachlich etwas drauf hat und dafür Sorge trägt, dass neben den Arbeitsabläufen auch die persönliche Entwicklung des Mitarbeiters vorangebracht wird. So soll er nach Meinung der Befragten auch noch sowas wie ein Seelentröster sein. Der Vorgesetzte wird zunehmend in eine Rolle des All-in-one-Wonders gedrängt. Witzig und irgendwie sprichwörtlich passend in diesem Zusammenhang, dass der Beitrag gerade auf dem Wollmilchsau-Blog veröffentlicht wurde.

 

Das Kreuz mit den Studien und Befragungen

OK, Studien werden aus den unterschiedlichsten Gründen gemacht und veröffentlicht. Meist um auf Zustände hinzuweisen, die man als Unternehmen, das die Studie veröffentlicht, selbstverständlich mit seinem Leistungsportfolio bestens optimieren kann. Schnell mal ein paar Befragungen gemacht und voila ist man in allen Medien präsent mit der Keule des aufgezeigten Veränderungsbedarfs.

Die Mehrzahl von Befragungen, die ich kennengelernt habe, ist komplett auf ein gewünschtes Ergebnis hin optimiert. Da werden Bedarfe attestiert, die erst durch die Befragung selbst geweckt werden. Würde ich beispielsweise gefragt werden, ob ich nicht gerne den neuen Aston Martin als Zweitauto fahren möchte, würde ich auch bejahen. Obwohl ich definitiv weder einen realen Bedarf noch einen echten Nutzen aus dem Fahrzeug ziehen könnte.

Sei es drum. Der Kern meiner Gedanken ist ein anderer.

Arbeitswelt bedeutet heute ständige Veränderung

Wer meinem Blog aufmerksam folgt, wird es schon verstanden haben, auf was ich hinaus will: Da gibt es Studien, die die Anforderungen an Bewerber analysieren, insbesondere wie sie sich verändern müssen, damit sie zu den Unternehmen passen. Gleichzeitig müssen sich die Unternehmen im Auftreten und dem Verhalten der Personaler verändern, damit sie im demografischen Wandel und Fachkräftemangel nicht untergehen und wiederum zu den Bewerbern passen. Gleichzeitig müssen sich die Führungskräfte verändern, damit diese zu den veränderten Bewerbern passen, die von den neu orientierten Personalern eingestellt werden.

Die bessere Frau erfordert den noch besseren Mann

Anforderung an Geschlechter
Die Anforderungen an das jeweils andere Geschlecht sind hoch.

Oh, und natürlich müssen sich auch die Frauen ändern, denen man in Quotendiskussionen zunehmend mehr abverlangt, um die Errungenschaften der Emanzipation in einer weiteren Kaskade bis ganz nach oben in alle Unternehmensleitungen zu tragen.

Und die Männer müssen sich sowieso ändern, weil man heute neben der klassischen Ernährer-Rolle auch die des im Haushalt engagierten Partners einnimmt. Der gleichzeitig für die Kinder ein wunderbarer Vater ist, sich aktiv und ausgebildet durch wochenlange Vorbereitungskurse in die Erziehung einbringt und für seine Familie ausreichend Zeit hat. Selbstverständlich soll der Mann dabei auch toll aussehen und Sport machen, einem ausgewogenen Hobby nachgehen, gesellig sein und handwerklich begabt. Von den Qualitäten als Liebhaber will ich an dieser Stelle gar nicht erst schreiben.

Alle müssen sich verändern

Also müssen sich irgendwie alle verändern, damit sie noch zusammenpassen. Schön im Kreis herum. Fängt der erste an, müssen die anderen mitmachen. Ein klassischer Dominoeffekt. Ein Karrussel der Veränderungen. Da wird einem echt schwindelig.

Komisch nur, dass auf der anderen Seite dann die nächsten Studien eine zunehmende Erschöpfung der Gesellschaft attestieren, Burnout zur Volkskrankheit erklärt wird und … ja, und die Anforderung aufgestellt wird, dass die Unternehmen sich mehr um die Work-Life-Balance der Arbeitnehmer kümmern. Yes!! Veränderung ist angesagt. Endlich mal wieder …

Du musst, Du sollst, Du darfst nicht

Die Gesellschaft hat sich wunderbar auf Veränderung eingestellt, ja ich möchte sogar sagen, dass unser gesamtes Gesellschaftssystem darauf aufbaut. Konsum funktioniert nur über Bedürfnisse. Wer nichts braucht, der kauft auch nichts. Wer sich aber zu dick, zu hässlich, zu alt, zu unqualifiziert, zu ungeliebt fühlt, der kauft Schlankmacher, lässt Schönheitsoperationen an sich vollziehen, investiert Unsummen in nutzlose Anti-Aging-Kosmetik, lässt sich zu allem beraten und coachen bzw. macht Dating-Kurse. Er wird zur Veränderung getrieben.

Beim Blick in meinen Facebook-Newsstream sehe ich immer häufiger die angetretenen Nachweise von Kollegen und Bekannten, die tagsüber aus der Arbeit, am Abend aus dem Fitnessstudio, am Samstag von ihrem Hobby und sonntags von ihrer Familie Bilder und Storys posten. Scheinbar um zu zeigen, dass sie zu der aussterbenden Spezies gehören, die es noch schafft, all diese unterschiedlichen Anforderungen unter einen Hut zu bekommen und das Rüstzeug zur Erklimmung der Spitze der Anforderungspyramide besitzen.

Der Ausweg aus der Anforderungsfalle

Ich selbst habe auch in meinem Leben bereits zahlreiche Veränderungen erlebt und durchaus auch genossen. Was sich aber gerade in unserer Gesellschaft und damit auch in unserem Arbeitsleben zusammenbraut, ist schon gewaltig. Dazu vor allem irgendwie menschenfeindlich. Und in meinen Augen dazu noch zu sehr künstlich angefeuert.

Das heißt natürlich nicht, dass Veränderungsresistenz der Schlüssel zum Erfolg wäre. Sicher nicht. War früher wohl doch alles besser? Nein auch nicht. Das Leben steckt heute voller Chancen wie nie zuvor. Nur müssen wir wieder lernen eine gesunde kritische Haltung gegenüber den unzähligen Anforderungslisten und Anpassungsbedarfen zu bekommen. Und damit unserer inneren Zufriedenheit mit uns selbst neue Nahrung verschaffen, damit wir uns nicht mehr für andere nutzlos verbiegen.

Ansonsten sind wir in wenigen Jahren vollkommen übertaktet und nur noch seelenlose kranke Roboter…

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